Ganz Deutschland ist vom Einheitsgebräu der Großbrauereien betrunken. Ganz Deutschland? Nein. Ein Mann analysiert die Marktsituation nüchtern und fordert eine neue Bierkultur. Campus-web sprach mit dem Bonner Bierbrauer und -sommelier Fritz Wülfing über sein Leben mit Hopfen und Malz, die Arroganz deutscher Brauer, das Kölsch-Kartell und die Instrumentalisierung des Reinheitsgebotes.

Treffpunkt ist ein Café in der Bonner Innenstadt. Zwar wäre ein Brauhaus stilechter gewesen, aber dazu fällt Wülfing nur eine Frage ein: "Wohin denn?". Damit ist klar: Mit dem Bonner Brauer wird es kein bierseliger Plausch über die Schönheit der Schaumkrone.

campus-web: Was war das erste Bier, das sie in ihrem Leben getrunken haben?

Fritz Wülfing: Das erste Bier war Bremer Export, aber da war ich nicht noch nicht im bierfähigen Alter. Bewusst getrunken habe ich als Erstes ein Frankenheim Alt – im Partykeller des Vaters eines Freundes.

cw: Was war Ihr außergewöhnlichstes Bier-Erlebnis?

FW: Die Geschichte, die alles ausgelöst hat: Als Student habe ich ein Praktikum bei der Schultheis-Brauerei in Weißenthurm gemacht, die es schon lange nicht mehr gibt. Das war schon cool. Beim Praktikum kam ich zum ersten Mal mit den Rohstoffen in Verbindung und durfte abends mit zur Verkostung. Ab dem Zeitpunkt habe ich bewusst getrunken, nicht nur gesoffen.

cw: Wie viel Bier trinken Sie pro Woche?

FW: Vom Volumen her nicht viel, aber von der Anzahl der Sorten. Es sind wohl so 4-5 Liter pro Woche, verteilt auf 20-30 Sorten. Aber trotzdem werde ich es nicht schaffen, bis an mein Lebensende alle Biersorten, die es weltweit gibt, zu probieren.

cw: Wie wird man Biersommelier?

FW: Vor etwas über zwei Jahren habe ich an einer Münchener Brauschule eine Ausbildung gemacht, die etwas über zwei Wochen dauert. Der Titel "Biersommelier" ist schon ein Türöffner, stelle ich fest. So kann ich mit meiner Botschaft wesentlich eher weiterkommen.

"Es geht darum kritisch zu trinken, nicht nur zu saufen."

cw: Worin liegt denn Ihre Mission als Biersommelier?

FW: Meine Haltung ist nicht symptomatisch für die Sommeliers, aber ich sehe meine Aufgabe darin, den Leuten das Thema Bier wieder nahezubringen, z. B. durch tastings (Verkostungen). Es geht darum kritisch zu trinken, nicht nur zu saufen. Die Menschen verstehen nicht mehr, worum es geht: Nicht um Marken oder Politik, sondern um Vielfalt und Geschmack.

cw: Arbeiten Sie als Sommelier auch für große Brauereien?

FW: Ich hatte Anfragen und sollte von irgendeiner total langweiligen Biermarke ein tasting machen, aber das habe ich abgelehnt. Die Großbraueren merken alle, dass mit Bier was im Busch ist. Sie hoffen vom craft-brewing bzw. der neuen Bierkultur, wie ich das immer nenne, zu profitieren.

cw: Warum haben beim Beer-World-Cup im Mai in urdeutschen Kategorien wie German Hefeweizen australische oder isländische Brauereien gewonnen?

FW: Die brauen mit viel mehr Liebe. Aber es liegt auch daran, dass deutsche Brauer, soweit ich weiß, gar nicht mitmachen. Negative Gründe sind dabei ausschlaggebend: Ignoranz, Arroganz oder die Angst zu verlieren. Positive Gründe wüsste ich eigentlich nicht.

cw: Fehlende Liebe, liegt darin auch ein Grund für den Rückgang des Bierkonsums in Deutschland?

FW: Ja, das deutsche Bier schmeckt langweilig, weil es keine Innovationen gibt. Das ist der Punkt, vor allem bei jüngeren Generationen. Wenn Bier immer gleich schmeckt, will man mal was anderes probieren und greift dann zu Sachen wie Alcopops. Beim Craft Beer gibt es hingegen monatlich neue Biere.

cw: Worin liegt der Vorteil dieser neuen Bierkultur?

FW: Der Produzent ist nicht distanziert von den Konsumenten, sondern sie inspirieren sich gegenseitig, stehen im Austausch.

"Die deutschen Brauer sind zu konservativ."

cw: Warum spielt diese neue Kultur in Deutschland noch keine Rolle?

FW: Die deutschen Brauer sind zu konservativ. Aber da sind auch die Konsumenten mit dran beteiligt. Deutschland ist das Bierland und deshalb wird jegliche Neuerung von außerhalb im Kein erstickt. Bis heute sind in Deutschland nur Biersorten verschwunden, keine neuen erfunden worden.

cw: Aber was wird denn in den vielen Brauhäusern produziert? Lebt dort keine neue Bierkultur?

FW: Dort geht es eher um Gastronomie. Die Brauhäuser machen dasselbe wie die großen Brauereien, nur vor Publikum. Erstaunlicherweise brauen sie überall ein Helles und ein Dunkles. Wenn man Glück hat noch Weizen. Deshalb gehören die Brauhäuser durchaus zum Einheitsbrei dazu. Natürlich gibt es in Deutschland viele Braustätten. Aber das ist ja das Erschreckende: So viel Knowhow und alle machen doch dasselbe.

cw: Trägt das Reinheitsgebot daran die Schuld?

FW: Das Reinheitsgebot ist so gar nicht schlimm, da kann man anständiges Bier mit brauen. Die Masse an Bieren, die es weltweit gibt, ist nach dem Reinheitsgebot gebraut. Aber leider wird es in Deutschland instrumentalisiert, um die Geschmacksneutralität und den einfältigen Markt zu rechtfertigen. Das sollte nicht sein. Ich finde es unerträglich, dass das Bierland Deutschland mit so viel Potential hintendran ist bei der neuen Bierkultur. Dass uns die USA, Holland und Italien vormachen müssen, wie man Bierkultur lebt.

cw: Warum liegen z. B. die USA bei der neuen Bierkultur soweit vorne?

FW: International zeigt sich, dass die Brauer der neuen Bewegung alle aus der Heimbrauerszene stammen, dort ist am meisten Passion. Deshalb liegen die USA weit vorne. Das Bierland Deutschland hat im internationalen Vergleich wenig Heimbrauer. Denn die Konsumenten vertreten eine kritiklose Einstellung: Wir haben das Reinheitsgebot, die Brauer machen das schon, wozu selber brauen?

Im zweiten Teil erklärt Fritz Wülfing, warum Alt immer besser schmeckt als Kölsch, Oettinger das ehrlichste Bier ist und worin der Fritz-Faktor seines eigenen Biers liegt. Den zweiten Teil findet ihr hier.

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