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Sylt, August 2009. Es ist mein einziger Urlaub in diesem Jahr, er besteht aus drei Tagen auf der Insel. Zehnstündige Anreise mit der Bahn, zwei Nächte Couchsurfing; ich reise allein. Das alles nur, um ein Tomte-Konzert zu erleben – auf Sylt, wie idyllisch für den Großstädter! Hamburg, kurz vor Weihnachten des selben Jahres. Der Sänger der Band, Thees Uhlmann, erzählt mir bei unserem Treffen, es sei total egal, wo man Konzerte spiele. Im Herbst waren Tomte in den Staaten unterwegs – als Vorband von The Weakerthans. Und nun behauptet er, es sei einerlei, ob man in Washington, Langenfeld oder Rantum auf Sylt spiele. Konzert sei eben Konzert. Die Ernüchterung kommt also in diesem Hamburger Büro des Labels Grand Hotel van Cleef, in dem Thees mir an einem Samstagnachmittag eine Stunde seiner Zeit schenkt. Eigentlich wohnt er inzwischen in Berlin, und eigentlich muss er Weihnachtsgeschenke besorgen. Er lacht, als ich frage, ob er Geschenke im Internet bestellen wolle oder so richtig in der Stadt einkaufen gehe. Letzteres natürlich. Das Büro ist in einer Wohnung eingerichtet, es gibt eine kleine Küche; im Flur steht ein riesiger, allerdings fast leerer Getränkekühlschrank. Die Schreibtische stehen in Dreiergruppen in zwei benachbarten Räumen, getrennt durch eine Glasscheibe. Überall liegt Papierkram herum, außerdem Tassen, Flaschen, CDs. Aus dem Fenster blickt man auf einen gigantischen Betonklotz, den Bunker. Eine Stunde zu früh hatte ich mich an meinem ersten Tag in der fremden Stadt auf den Weg gemacht, um auch ganz bestimmt pünktlich zu sein. Doch das Label ist umgezogen, die Adresse gibt es nicht. Verzweifelt irre ich umher und spreche Passanten an, als mein Handy klingelt. "Thees Uhlmann hier, haben wir nicht ein Date?" Erst beim zweiten Anruf stellen wir fest, dass ich vor dem falschen Haus stehe. Ich bekomme eine Wegbeschreibung, gegenüber vom Bunker soll es sein. Ich kenne nur unterirdische Bunker und übersehe den Betonklotz. Bei seinem dritten Anruf werde ich angeschnauzt: "Beweg Deinen Arsch hier her, ich hab noch anderes zu tun!". Ich hatte mir einen besseren Start für das Treffen mit dem Sänger einer meiner Lieblingsbands erhofft. Ich marschiere weiter durch den Schnee und erreiche schließlich eine halbe Stunde zu spät das richtige Gebäude. Die Klingel funktioniert nicht. Dieses Mal rufe ich an. Thees öffnet die Tür, sagt kurz Hallo, er reicht mir nicht die Hand, sondern flitzt durch die Wohnung und möchte mir etwas zu trinken anbieten. Er inspiziert den fast leeren Kühlschrank, findet nur Dosenprosecco und Wasser und kocht uns schließlich einen Tee. Ich denke an den Song "Theestube". Der Tee heißt "Atme Dich frei" und wird von Steffi Graf empfohlen. Thees findet, er schmecke scheiße, aber Steffi Graf habe er schon immer gemocht. Ich hingegen mag den Tee, Tennis ist hingegen nicht mein Ding. Wahrscheinlich hätte ich bei den Temperaturen draußen auch über ein Glas heißes Wasser gefreut. Die Atmosphäre ist entspannt, nach dem letzten Anruf hatte ich anderes befürchtet. Thees' Haare sind zerzaust, er trägt einen gestreiften Pulli und hat einen Schal lässig um den Hals gebunden. Er erwähnt seine Abneigung gegen Interviews, die im Stil von "Dave Grohl sitzt verkatert in einem teuren Hotelzimmer" beginnen. Thees macht jedenfalls keinen verkaterten Eindruck. Ich erzähle von Sylt, frage, ob er sich bei dem Auftritt an irgendetwas Spezielles erinnern kann. Ich lasse aus, dass ich nach dem Konzert extra gewartet hatte, um mir ein Poster signieren zu lassen. Daraufhin war der letzte Bus, der einen auf Sylt vom einen Dorf zum anderen bringt, abgefahren. Geld für ein Taxi hatte ich keines, Laternen hatten die einsamen Straßen ebenfalls nicht, also ging ich in einer unangenehm kühlen Sommernacht den halben Weg im Dunkeln zu Fuß, um mir danach doch noch ein Taxi zu nehmen und die Fahrerin zu einem Sonderpreis zu überreden. Wie ich jetzt höre, haben die Jungs von Tomte auch ihre Erfahrungen mit dieser ungemütlichen Nacht gemacht. Nach dem Konzert, bei gefühlter Windstärke 8, kam die brillante Idee auf, in die Nordsee zu springen. Dass der Gitarrist Dennis sich dabei beim Aufprall auf einen Felsen eine Rippe gebrochen hatte, wurde erst am nächsten Tag festgestellt. Für mich hört sich das wenig nach Mittdreißigern an, die zum Teil bereits Väter sind. Thees meint, dass das Leben eben manchmal parallel verlaufe – das letzte Mal auf Sylt baden gegangen sei er in seiner Kindheit 1980. Vielleicht sind die Musiker eben etwas anders, Thees ist jedenfalls der erste, den ich kennen lerne. Was die Tonkünstler mit den Schreibern verbindet, finde ich schnell heraus. Man habe mit den Arbeiten an einem neuen Album begonnen, aber das brauche seine Zeit: "Es muss erst etwas passieren, damit man was Neues schreibt – so einen "Letzten großen Wal" schreibt man ja nicht mal eben so." Was genau sich vor diesem Song ereignet habe, weiß er aber nicht mehr. Behauptet er wenigstens. Er witzelt: "Bruce Springsteen kann vielleicht planen, wann er welche Songs schreibt – bei Thees Uhlmann passieren sie einfach." Es hänge auch viel von der Zusammenarbeit untereinander ab, immer wieder fällt ein Name: "Simon 'Brille' Frontzek, also der Simon 'Keyboard' Frontzek, weißte?" Erst seit 2008 ist Simon als Keyboarder dabei, aber Thees spricht bereits von einem intuitiven Verständnis, erzählt gerne und viel darüber. Wenn er in seiner flapsigen Art anordnet: "Hau die Orgel da so rein!", dann wird er verstanden, das Ergebnis ist stimmig, perfekt. Mich erinnert dieses Gefühl des Richtig-sein an andere kreative Tätigkeiten: Fotografieren und vor allem Schreiben. Wie die Arbeit bei "einem der bedeutendsten Denker Deutschlands" aussieht, zeigt er mir am Laptop in einem Video. Man sieht Thees im Probenraum, im Hintergrund liegen Gitarren auf einer Couch. Er schleudert sich mit dem Fuß eine Käppi auf den Kopf, der Kameramann applaudiert und lacht. Ich frage, ob das Video rückwärts abgespielt sei, er ist erstaunt. Schließlich gibt er sich empört und erklärt, dafür habe er eine Dreiviertelstunde geübt. Ein paar Tage später erhalte ich einen Newsletter des Labels, die Betreffzeile lautet "Frohe Weihnachten aus dem Grand Hotel van Cleef", die Mail enthält den Link zum Video. Unser Gespräch neigt sich dem Ende zu, die weihnachtlichen Pflichten rufen. Ich schiebe noch die Frage ein, was der erklärte Ultra Thees von Oasis 2.0 halte – das Thema ist schnell abgehandelt, eine klare Sache. "Wenn Noel Gallagher weg ist – wer soll dann die guten Songs schreiben?" Außerdem würde "Noels Stimme mit jedem Jahr, dass er altert, immer engelsgleicher". Thees prophezeit den Untergang von Oasis sowie ein fantastisches Noel Gallagher-Soloalbum für 2010. Für meine kleine Schwester, die erst 16 ist, aber einen erstaunlich reifen Musikgeschmack hat, lasse ich eine CD signieren. Thees meint, da gebe es aber noch ein besseres Geschenk und beginnt, das Chaos in den Büros zu durchsuchen. Schließlich findet er das aktuelle Album "Heureka". Ich darf es mitnehmen. Der Tee ist ausgetrunken, die Verabschiedung ist herzlicher als die Begrüßung, und schon stehe ich wieder auf der verschneiten Straße. Gedanklich bin ich im Sommer auf Sylt, soll das Konzert doch Konzert sein – für mich war es großartig. Frohe Weihnachten aus dem Grand Hotel van Cleef from Grand Hotel van Cleef on Vimeo.
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