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Es ist Donnerstag Nachmittag. Sia liegt krank im Bett ihres Kölner Hotels. Presse-Interviews müssen aber trotzdem sein: „I am so sorry darling“ flötet sie gutgelaunt mit dem Taschentuch in der Hand. Und wenn man mal ehrlich ist, der Titel des Albums, das Sia so gutgelaunt an dem Mann und die Frau bringen will, passt wie die Faust aufs Auge, heißt es doch: Some People Have REAL Problems. Und eine nervige Erkältung ist für Sia Furler bestimmt kein Problem. Campus-web: Das Album-Cover von „Some People Have REAL Problems“ und auch deine Homepage sehen sehr verspielt und kindlich aus. Das Album selbst klingt aber sehr tiefgründig und melancholisch. Wie kommen diese Unterschiede zustande? Sia: Ich bin ja sooo tiefgründig (lacht). Ich denke, so kommen die Sachen einfach aus mir raus. Es ist ein Teil der Katharsis. Das ist so, wenn ich Musik mache und Songs schreibe. Generell bin ich aber sehr gut gelaunt. Ich fühl mich sehr gut. Aber jeder braucht ein Ventil und meins ist zum Beispiel das Artwork des Albums, nur ist das halt Ventil meines 5-jährigen selbst, während die Musik das meines erwachsenen Selbst ist. Eigentlich ist es das Album einer erwachsenen Sängerin, die zu einer 5-Jährigen Künstlerin singt. CW: Wie hast du dich denn beim Songschreiben und während der Aufnahmen zum Album gefühlt? Sia: hab mich gut gefühlt. Normalerweise fühle ich mich immer verletzlich, wenn ich Songs schreibe, aber wenn ich fertig bin und sie raus sind kann ich sie auch emotional loslassen. Ich war einfach aufgeregt, an dem Album zu arbeiten, besonders in dieser Zeit. Die Musikindustrie stirbt und deswegen hatte ich wirklich Glück, noch ein Album aufnehmen zu dürfen. Allerdings bin ich auch süchtig nach Psychotherapie (lacht). Aber wenn ich singe, weiß ich nicht, wohin ich gehe. Wenn ich aufhöre weiß ich zwar, dass ich wieder zurück bin. Aber ich habe keine Ahnung, was passiert, wenn ich singe, es passiert einfach. Der Teil meiner Persönlichkeit, der gerade mit dir redet, ist anwesend. Der Teil, der singt, ist aber nicht da. Ich habe keine Ahnung, woher das kommt. Ich weiß nicht mal, ob es von mir kommt. Es ist ziemlich verwirrend. CW: Der Text von „Academia“ ist sehr außergewöhnlich mit der Idee, mathematische Formeln und Wörter auf die Liebe anzuwenden. Wie bist du darauf gekommen? Sia: Die Entstehung von „Academia“ war wirklich interessant. Wenn ich normalerweise Songs schreibe, setze ich mich hin, denke an das Thema und schreibe was drumherum. Bei diesem Song startete es mit der Melodie (Sia summt die Melodie von „Academia“ vor) und in 15 Minuten war der ganze Text geschrieben. Es machte ganz einfach „woop“. Nachher habe ich die Wörter wie „proof“ und „binary“ nachgeschlagen, weil ich nicht sicher war, ob mein Bewusstsein überhaupt wusste, was die Dinge bedeuteten. Ich muss sie aber irgendwo in meinem Unterbewusstsein haben, denn ich hab sie alle im richtigen Kontext benutzt, was echt erleichternd war. Manchmal hab ich Glück und mein Kopf ist grad frei genug. Manchmal bin ich aber unsicher und denke zu lange nach und fühle mich verletzlich, dann kommt nichts wirklich dabei rum. Aber wenn ich den Kopf frei habe, dann habe ich immer die guten Ideen. CW: Beck singt auf „Academia“ und „Death by Chocolade“ die Backing-Vocals. Wie kam das Zustande? Sia: Ich traf ihn durch einen Freund, Nigel Godrich, der einige von Becks Alben produziert hat. Ich spielte mit Zero 7 (einer britischen Electronica Band, für die Sia auf vielen Songs singt, A.d.R.), wo er auch war. Drei Wochen später rief er mich an und fragte, ob ich mit ihm auf einem Konzert singen wollte. Ich meinte „sicher“ und dann wurden wir Freunde. Seine Frau wurde auch eine sehr gute Freundin von mir. In der Woche, als wir dann die Backing-Vocals aufnahmen, schrieb ich seiner Frau eine Nachricht, dass ich wirklich will, dass Beck auf „Academia“ singt und ich außerdem jede Menge Backing Vocals brauche und sie jeden mitbringen solle, den sie kriegen kann. Sie kam dann mit 20 Leuten einschließlich Beck, ihren Nichten, der Mutter, eigentlich die ganze weitere Familie. CW: Viele deiner Songs wurden in Fernseh-Serien und Werbungen verwendet wie „Breathe Me“ in der letzen Folge von „Six Feed Under“. Ist das der heutige Weg, Promotion für seine Musik zu machen? Sia: Tatsächlich ist das der einzige Weg für mich, Geld zu machen. Und für meine Promotion kann es auch nicht schaden. Aber im ernst, im Augenblick gibt es kein Geld für CDs außer du gibst bloß 7,50 dafür aus, die Platte zu machen. Die einzige Industrie, die noch wächst, ist die für Musikverlage. Ich habe Glück, weil ich meine Texte selbst schreibe und wir dann TV-Serien gestatten können, sie zu verwenden. Ich habe Glück, dass der Regisseur und die Verantwortlichen für die Musik meine Songs in Shows und Werbungen zeigen, weil das mein einziges Einkommen ist. Deswegen sag ich auch zu fast allem von einigermaßen guter Qualität ja (lacht). CW: Dein Album wurde schon vor mehr als einem Jahr in Großbritannien und den USA veröffentlicht. Warum wird „Some People Have Real Problems“ erst jetzt im Rest Europas veröffentlicht? Sia: Es gibt zwei Gründe. Mit der aktuellen Situation in der Musikindustrie glaub ich, dass keine Plattenfirma es sich leisten kann, ein Album auf den Markt zu bringen, dass nicht schon gezeigt hat, dass es erfolgreich sein kann. Und da ich in diesen Ländern Erfolg hatte, fühl ich mir jetzt sicher genug, das Album auch hier raus zubringen, weil ich weiß, dass sich zumindest eine gewisse Anzahl verkaufen wird. Die andere Sache ist die, dass es wichtig ist, auch dort physisch anwesend zu sein, wo das Album veröffentlicht wird. Jetzt habe ich Zeit, hier mit Journalisten zu reden und all so was. Das hätte ich nicht gekonnt, wenn das Album zeitgleich mit Amerika veröffentlicht worden wäre, weil ich da in Amerika war und mit den amerikanischen Journalisten geredet habe. CW: Du bist gebürtige Australierin, bist aber vor über zehn Jahren nach Großbritannien gezogen… Sia: Ich wollte dort eigentlich nur Urlaub machen. Ich machte gerade eine Weltreise und blieb in London hängen, weil ich dort ein paar großartige Freunde gefunden habe. Ich war 21 und trank Bier und feierte. Meine Vorstellung von der Welt damals war London. Und dann kam jemand und wollte, dass ich zu dieser Jam-Session gehe, weil ich die ganze rumgeträllert habe, unter der Dusche und auch sonst überall. Und die Leute meinten: Du hast eine gute Stimme. Während der Jam-Session ging ein Mann die ganze Zeit hin und her vor der Bühne und sagte zu mir „Du gehörst mir, du gehörst mir“. Er wurde dann mein Manager für die nächsten paar Jahre und verschaffte mir einen Plattenvertrag und das nächste, was ich weiß, ist dass ich als Sängerin in England lebe. CW: Von vielen deiner Songs wie z.B. „Buttons“ oder „The Girl You Lost To Cocaine“ gibt es Elektro-Remixversionen, die zum Teil sehr erfolgreich in den Charts waren. Deine Musik hört sich so gar nicht elektronisch oder clubtauglich an. Wie kommst du zu den ganzen Remixen? Sia: Ich habe keine Ahnung von Dance Musik. Wir engagieren einfach jemanden, der etwas davon versteht und guten Geschmack hat. Der sucht dann die neuesten und coolsten DJs und wir zahlen Geld dafür, dass die einen Remix machen. Den geben sie mir dann und ich sage „Ja, sicher“, ich bin immer dafür. Ich hab noch nie einen nicht genommen. Es wäre unfair wenn ich nein sagen würde, nur weil ich die Musikrichtung nicht mag. Also sag ich einfach „Ok, ich vertrau dir, Mensch dem ich viel Geld gezahlt habe“. CW: In vielen Videos verkleidest du dich und auch auf deiner Homepage bist du in vielen verschiedenen Kostümen zu sehen. Verkleidest du dich einfach nur gern? Sia: Ich verstecke mich gern, weil ich eigentlich nicht berühmt sein will. Also als Kind wollte ich Schauspielerin werden, meine Eltern stehen beide auf der Bühne und ich wollte verzweifelt Aufmerksamkeit. Ich war so „Oh mein Gott, ich muss doppelt so viele Stepptanz-Stunden nehmen, damit ich Aufmerksamkeit von ihnen bekomme“. Ich dachte als Schauspielerin würden die Leute mir zuhören, aber das war wirklich nicht das, was ich brauchte, besonders für mein emotionales Gleichgewicht. Was ich brauchte, war ein bisschen Therapie. Jetzt, da ich eine Stimme habe und die Leute mir zuhören, ist es anstrengend. Jetzt will ich mich nur noch verstecken und singen und danach mit meinen Freunden tanzen gehen und mit meinen Hunden im Bett liegen. Wie Enya. Die hat die beste Karriere überhaupt. Sie hat so ungefähr eine Billiarden Alben verkauft, aber würdest du sie erkennen, wenn du sie auf der Straße treffen würdest? Nein. Das ist großartig. CW: Du hast schon mehrmals das Label gewechselt und jetzt sogar dein eigenes Label gegründet. Warum? Sia: Ich habe nicht genug Platten verkauft, deswegen haben sie mich jedes mal rausgeschmissen. Beim ersten hatten sie keine Ahnung und haben meiner Karriere sehr geschadet. Also hab ich mir neue Manager geholt. Die halfen mir mit Island Records (Universal), damit die mich freikaufen konnten. Dann kam „Colour The Small One“ raus und ich machte gar keine Promo. Ich habe es wirklich versaut und mir damit selbst ins Bein geschnitten. Es wurden keine CDs verkauft, also schmissen sie mich raus. Zwei Wochen später lief dann „Breathe Me“ in der allerletzten Folge von „Six Feet Under“. Das war perfektes Timing, weil Universal mir das Album zurück gegeben hatte. Also gingen wir nach Amerika und veröffentlichten es dort bei Astralwerks. Dann bekamen wir Angebote von drei Majors. Mein Management dachte aber, unter den gegebenen Umständen sei es klüger, keinen Vertrag bei eine Major zu unterschreiben. Also holten wir uns Investoren und machten unser eigenes Plattenlabel auf (Monkey Puzzle Records, A.d.R.). Für mich ist es im Moment der beste Platz. Sias Manager David kommt rein. Der nächste Journalist wartet schon. Sia bedankt sich, immer noch gutgelaunt, und besorgt sich neue Taschentücher. Andere Leute haben ja schließlich echte Probleme.
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