Wnscht sich mehr Eigeninitiative in Kln: Michael Mayer
   
Seit mittlerweile acht Jahren befindet sich eines der bekanntesten Techno-Labels weltweit mitten im Herzen Klns, dem Belgischen Viertel. Gegrndet anno 1998 von Jrgen Paape, Wolfgang Voigt und Michael Mayer steht hinter dem Namen Kompakt weitaus mehr, als der recht sperrige Begriff Label auf den ersten Blick impliziert. Der beige 50er-Jahre-Bau in der Werderstrasse 15 beherbergt einen hauseigenen Plattenladen, einen Vertrieb internationaler Plattenfirmen und eine Knstleragentur, die ihre Schtzlinge nicht selten quer ber den ganzen Globus schickt. Unter dem Namen Total Confusion entstand in den Anfangstagen des Labels eine wchentliche Techno-Veranstaltung im benachbarten Studio 672, die sich rasch zu einer der berhmtesten deutschen Club-Nchte entwickeln sollte. Ende Juni diesen Jahres war es erstmal vorbei mit der Party, die Suche nach Klarheit verdrngte den Wunsch nach ausgelassener Bewusstseins-Safari. Im Gesprch mit Labelmitbegrnder Michael Mayer kndigt dieser nun eine Abkehr vom einstigen Ende an.

Campus-Web: Kompakt als Label ist mittlerweile weltweit ein Begriff unter Anhngern elektronischer Musik. Es soll aber Leute vor eurer Haustre geben, die nie von Euch gehrt haben. Wie wrdest Du ihnen Kompakt erklren?
Michael Mayer: Kompakt ist in erster Linie eine Plattenfirma, die sich der elektronischen Musik verschrieben hat. Vor allem den Spielarten Ambient, Minimal Techno, aber auch anderer Musik mit gerader Bassdrum. Darber hinaus gibt es eine Vertriebsstruktur, die internationaler Umschlagplatz eben dieser Musik ist. Dazu kommt der Plattenladen plus MP3-Webshop und unsere Knstleragentur. Ich vergleiche es immer gerne mit einem Bauernhof, in dem alles selbst hergestellt wird und wo der Verbraucher dann direkt den Schinken oder die grnen Bohnen kaufen kann direkt vom Erzeuger.

Wie wrdest Du den Stil von Kompakt-Verffentlichungen beschreiben?
Strenge Vorgaben, wie eine Platte auszusehen hat, gibt es bei uns nicht. Schau Dir zum Beispiel Minus (das Label von Richie Hawtin, die Red.) an, die verfolgen ein sehr strenges inhaltliches Konzept. Wenn du dir da alle Platten nacheinander anhrst, dann weit du, was gemeint ist.

Das bedeutet, verglichen mit Minus sind eure Verffentlichungen zugnglicher?
Wir verschrnken uns da nicht, auch wenn es mitunter mehr in die poppige Ecke geht. Als Richie Hawtin 1988 Sachen von Cabaret Voltaire (eine Industrial-Band aus Sheffield, die Red.) gehrt hat, liefen bei uns die Pet Shop Boys. Wir hatten da nie Angst vor Kitsch oder irgendwelchen pompsen Sachen.

Fllt das oftmals negativ konnotierte Wort Techno, verziehen viele Menschen das Gesicht, winken ab oder fhlen sich erinnert an ble Mittneunziger-Scheiben im Stile von Marusha. Wie entgegnest Du diesen Menschen?
Gar nicht. Schon damals, 1992 oder `93, habe ich mit meinem Selbstverstndnis gesagt: Ich lege Techno auf. Zwar wurde das, was im Radio lief, auch als Techno bezeichnet, doch schlussendlich hatte das denkbar wenig damit zu tun. Techno ist ein ungemein weiter Begriff, der sich aus enorm vielen Genres zusammensetzt. Obwohl wir beide Techno auflegen, ist das bei mir alles andere als das, was zum Beispiel ein Jeff Mills macht. Es hat stndig eine Weiterentwicklung stattgefunden, eine stetige Abstrahierung des ursprnglichen Techno-Begriffs.

Neben deiner Ttigkeit im Label bist Du auch als DJ weltweit unterwegs. Heute New York, morgen Rio und bermorgen Sydney. Ein Segen oder mittlerweile mehr ein Fluch?
Mit der Zeit wird man whlerischer. Ich muss jetzt nicht mehr jedes Wochenende nach Castrop-Rauxel. Das hab ich oft genug gemacht. Aber man erspielt sich mit der Zeit feste Orte, an die man einfach gerne zurckkommt. In gewisser Weise baut man sich ein Publikum auf. Momentan verspre ich aber mehr und mehr das Bedrfnis zuhause zu sein, mehr in Kln zu machen. Nach dem Ende von Total Confusion im Sommer merke ich gerade, dass die Stadt immer mehr wegbricht. Zum einen die sozialen Kontakte, zum anderen musikalisch gesehen. Kln hatte schon einmal eine dunkle Phase erlebt, als hier vor etwa zehn Jahren kaum mehr Clubs existierten und sich alles nur in Bars abgespielt hat.

Nach dem Ende der Total Confusion-Reihe hat man richtig gemerkt, wie Kln in ein Loch gefallen ist. Fhlt Ihr euch nicht ein wenig verantwortlich fr Klns Techno-Gemeinde?
Klar. Wir haben uns jahrelang verantwortlich gefhlt. Und die Zeit haben wir richtig genossen, man hat sich eine richtig groe Familie aufgebaut. Als wir aufgehrt haben, war das Geschrei gro. Aber ich glaube, viele haben verstanden, dass man nach acht Jahren wchentlicher Prsenz einfach mal einen Schritt zurcktreten muss. Es wurde viel gemeckert, dass der Nachwuchs zu kurz kme. Der Nachwuchs hat jetzt allen Platz, den er braucht. Rckblickend glaube ich, dass die Pause wichtig war. Auch fr Aksel (Schaufler, der unter dem Synonym Superpitcher auflegt), Tobias (Thomas, ebenfalls Kompakt-DJ) und mich zur Selbstfindung. Wo stehe ich eigentlich? Was will ich eigentlich genau machen? Diese Fragen gingen einem damals durch den Kopf. Heute sind wir alle sind wieder hei darauf, weiterzumachen. Aber nicht einfach weiterzumachen, sondern etwas Neues zu machen und zu hoffen, das es etwas Tolles wird.

Das heit, Kln kann sich wieder auf eine regelmige Total Confusion freuen?
Es wird auf jeden Fall wieder monatlich Total Confusion-Parties geben. Nicht mehr wie frher im Studio 672, sondern jetzt in der Hohenzollernbrcke. Das ist definitiv nicht die endgltige Lsung, aber meines Erachtens momentan einfach der beste Raum, den wir bekommen knnen.

Da bietet Kln zu Zeit auch nicht sonderlich viele Alternativen.
Na ja, in Kln ist es schwierig. Das war schon immer so, was Clubs anbelangt. Es gibt zwar Diskotheken ohne Ende, aber die sind meistens in den falschen Hnden. Die Hohenzollernbrcke wiederum ist angenehm weit drauen, zwar noch auf der richtigen Rheinseite, aber halt nicht mehr im belgischen Viertel. Morgens scheint sogar Tageslicht rein.

Stimmt, denkt man an die ganzen Klner Kellerclubs ist das echt ein Novum.
Ja. Wir bauen auerdem noch eine schne Anlage und neues Licht rein. Es wird auf jeden Fall anders aussehen als wie bei bisherigen Parties in der Brcke. Trotzdem: die Brcke bleibt erstmal ein Exil, bis sich ein anderer Club findet.

Im Oktober erschien Immer 2, der Nachfolger zu deiner gleichnamigen ersten Mix-CD 2004. Mit Fabric 13: Michael Mayer (von DJs und Autoren im Magazin GROOVE unter die 50 wichtigsten Compilations gewhlt, die Red.) gab es von Dir zwischen diesen beiden Verffentlichungen eine Mix-CD auf dem Londoner Label Fabric. Wie genau ist dieser Ausflug rckblickend einzuordnen?
Als ich mich an den Fabric-Mix machte, hatte ich die Mglichkeit, mich gewissermaen an ein anderes Publikum zu wenden. Das soll nicht bedeuten, dass ich das Alte vergraulen wollte. Es war eine sehr gute Gelegenheit, andere Knstler und Labels, die ich sehr gerne mag und die quasi aus meiner Nachbarschaft stammen, einem greren Kreis zugnglich zu machen. Labels wie Firm oder Musik Krause kannte damals ja kaum jemand. Als die Fabric auf mich zukam, hatte ich die Chance, abseits eines Minimal-Mixes auch alternative Pop-Anstze zu verbraten.

Hrt man sich den Fabric-Mix oder Today von Superpitcher an, beides gewissermaen Aushngeschilder des kompakt`schen Sounds, fllt schnell die sich durchziehende melancholische, nachdenkliche Stimmung auf. Ein Spiegel eures Charakters?
Es ist auf jeden Fall sehr melancholisch und manchmal auch traurig. Wir machen nun mal kein Happy-House. Ich glaube, Aksel und Tobias wrden das genauso unterschreiben. Die Musik ist melancholischer, sehnschtiger. Das war auch immer wichtig fr unser Label und unsere Parties. Wir wollten unter die Oberflche kommen, fernab von diesem blichen Club-Tralala eines Funky Chicken Club. Es war und ist uns immer wichtig gewesen, menschliche Qualitten herauszukitzeln, die einen an emotional extremere Orte fhren knnen. Ich hatte immer den Eindruck, die Total Confusion-Gnger haben dies sehr geschtzt. Sich einfach lebensnah im Club zu bewegen, nicht einfach zugebrettert zu werden, fernab von jeglicher Zwangseuphorie, das war wichtig. Man ist halt nicht immer gut drauf.

2006 geht dem Ende zu. Welche Bilder hast Du spontan vor Augen?
Ganz klar das Total Confusion-Ende. Die letzten beiden Parties, das war schon sehr emotional und nicht ganz einfach.
Dazu natrlich die Geburtsstunde von SuperMayer, dem gemeinsamen Projekt von Aksel und mir, dass in den nchsten Monaten Prioritt haben wird. Ansonsten war das Jahr gezeichnet von sehr vielen Krisengesprchen. Die ganze Branche war ziemlich in Aufruhr, zum ersten Mal auch der Techno-Markt.

Wie seid ihr damit zurechtgekommen?
Auch an uns ging das alles nicht spurlos vorbei. Aber ich denke, wir haben das Schiff ganz gut durch die strmische See gesteuert. Leider ist es nach wie vor so, dass die jngeren Leute kein Geld fr Musik ausgegeben wollen. Das wird eine extreme Lcke reien, viele Labels werden einfach nicht weitermachen knnen. Das wird nchstes Jahr noch viel schlimmer werden. Ich prophezeie ein groes Label-Sterben. Die Vielseitigkeit und groe Auswahl, die es jetzt noch gibt, wird es so im nchsten Jahr wohl nicht mehr geben. Viele Labels werden es sich in nchster Zeit nicht mehr leisten knnen, Platten zu pressen. Heruntergeladene Musik und jene auf Tontrgern stehen in einem absoluten Missverhltnis.

Das berrascht, besonders weil das Vinyl nach wie vor als Werkzeug fr DJs essentiell ist.
Ja, aber neben den DJs gab es frher auch Leute, die Platten einfach fr sich gekauft haben. Die werden schlagartig weniger. Wenn du dir anschaust, was jetzt so im Internet abgeht, das ist schon krass. Da stellen die so genannten Supporter von toller Musik einfach die neusten Alben zum Download bereit, ohne es ansatzweise zu kommentieren. Frei nach dem Motto: Guck mal, was ich schon hab. Letztens haben irgendwelche Typen das komplette Masterband vom neuem LCD Soundsystem-Album, von dem die ersten Promos erst im Mrz 2007 verschickt werden sollten, aus dem Studio gestohlen und ins Netz gestellt. Toll! Was sind das fr Menschen, die so etwas machen?

Wolfgang Voigt sagte einmal, dass man mit Techno in Wrde altern darf. Du bist jetzt 35. Wo siehst Du dich selber in zehn oder fnfzehn Jahren? Immer noch hinter den Turntables?
Es hie mal, Techno sei der Rock'n'Roll der Neunziger. Von dem her knnte ich mir gut vorstellen, der Keith Richards des Minimal zu werden.

Welches Kriterium erachtest Du aus der Sicht eines DJs als wichtiger: Musikauswahl oder Mix-Technik?
Es ist immer die Auswahl. Als ich 1992 zum ersten Mal Sven Vth gesehen habe, dachte ich: Oh Gott, der kann ja gar nicht mixen. Aber nach einer halben Stunde war klar: die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt und im Raum brennt nichts mehr an.

Dein letztes regulres Album Touch liegt zwei Jahre zurck. Gibt es irgendwelche Ambitionen auf einen Nachfolger oder beschrnkt sich momentan alles auf das SuperMayer-Projekt?
Ja, das wird erstmal einige Zeit in Anspruch nehmen. Es wird sicher einen Remix hier und da geben, aber ein neues Mayer-Album gibt es erst zu einem spteren Zeitpunkt.

Stadtflucht Berlin: viele Knstler aus Kln sind dem Ruf der Hauptstadt gefolgt. Was hltst Du von dem ganzen Hype?
Generell halte ich diesen Fokus auf Berlin fr nicht gesund. In der FAZ stand mal eine schne Parabel: um den natrlichen Fortbestand der Menschheit zu sichern, sollte ein natrliches Ungleichgewicht bestehen. 90 Prozent Menschen und nur 10 Prozent Vampire. In Berlin steht das Verhltnis komplett auf dem Kopf. Es ging einfach alles viel zu schnell fr die Stadt. Das tut mir besonders leid fr die ganzen Knstler, die seit je her dort leben und nun durch diese Zuflucht frmlich erdrckt werden.

Stichwort Silvester: musst Du arbeiten oder feierst Du privat mit deinen Freunden?
Ich muss arbeiten. In Mexiko City

Mehr Infos zu Kompakt und Total Confusion:

www.kompakt-net.de

www.totalconfusion.de

Das Interview fhrte Philipp Cerfontaine

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