Max Herre schenkte Maren Schink für campus-web ein paar Minuten vor seinem Konzert im Düsseldorfer zakk am 19. Mai für ein Interview:

campus-web: Vielen Dank Max, dass Du Dir Zeit für uns nimmst! Letztes Jahr hast Du im November in Köln gespielt, warum geht die Tour erst jetzt weiter?
Max Herre: Das hat sich einfach so ergeben. Im Winter wird es sowieso ruhig um alle, dann habe ich ein bisschen produziert und es dauert auch irgendwie immer ein bisschen, bis man so eine Tour gebucht hat. Es ist jetzt zwar ein ähnliches Programm wie im Gloria, aber wir sind ständig dabei, neue Sachen auszuprobieren - also wird es auf jeden Fall anders.

campus-web: Bei den Konzerten im Gloria hast du zwei Abende direkt hintereinander gespielt, war das etwas Besonderes?
Max Herre: Das hat Spaß gemacht! Die ganze Idee der Tour war, dass man in kleinere Clubs geht, um das intim zu halten und dann, wenn viel Nachfrage da ist, halt zwei Abende hintereinander zu spielen. Und in Köln war das so, und das ist natürlich toll als Band. Man kommt am nächsten Tag auf die Bühne und es steht schon alles – man weiß, worauf man sich einlässt.

campus-web: Glaubst Du, dass sich seit deinem Stilwechsel vom Hip-Hop in Richtung Singer/Songwriter auch das Publikum geändert hat? Hast du alte Fans verloren und neue gewonnen oder haben sie sich mitentwickelt?
Max Herre: Teilweise; ich glaube, dass Leute, die früher Freundeskreis gehört haben, sich inzwischen vielleicht auch vom Hip-Hop entfernt haben. Ich glaube, dass sich die Geschichten ändern und die Emotionen, die man in Musik verpacken will. Und dass sich dazu vermeintlich eine lyrische Sprache und gesungene Texte besser eignen – das kann ich jedenfalls für mich sagen, weil es mein Gefühl war bei der Platte.

campus-web: Bist Du jetzt mehr Du selbst auf der Bühne?
Max Herre: Vielleicht ja. Rap ist auch ein Teil von mir gewesen, das ist nicht so, dass ich mich verstellt hätte. Aber eine bestimmte Coolness gehört schon dazu, und die kann man jetzt natürlich ablegen.

campus-web: Spielst Du die alten Songs gerne oder ist das eher Pflichtprogramm?
Max Herre: Nee, Pflicht gibt es bei mir überhaupt nicht. Wenn ich keine Lust hätte, würde ich das nicht machen – man darf gar nichts erwarten. Aber ich spiele ältere Sachen gerne, denn das zeigt, dass zum Beispiel so ein Song wie „A-N-N-A“ nicht so weit weg ist von „Blick nach vorn“. Am Ende geht es immer darum, ein Gefühl zu transportieren. Natürlich ändert sich mit den Jahren der Stil, aber ich finde auch alles andere langweilig. Musiker, die über 40 Jahre ihren Stil behalten, weil Menschen mit bestimmten Erwartungen in die Show gehen, ist nicht das, was ich künstlerisch verfolge. Ich möchte fordern und zeigen, dass Kunst und Musik auch eine Suche sind.

campus-web: Nesola, der Name Deines Labels, bedeutet „nicht allein“ auf Esperanto - ist das für Dich ein neuer Freundeskreis?
Max Herre: Absolut, das sehe ich genau so. Das ist eine Community, ein Pool an Leuten, die gern zusammen Musik machen. Teilweise sind das die gleichen Leute wie früher, zum Teil neue. Esperanto fand ich einfach als Konzeption spannend, es ist eine schöne Metapher dafür, was wir gemacht haben. Auf der Platte gab es ein Zitat von Charles Tschopp: „Musik ist das Esperanto der Seele“ – Musik ist eben die Weltsprache, die sich einfach jedem erschließt.

campus-web: Fällt es Dir immer noch schwer, persönliche Texte zu schreiben und ohne eben angesprochene „Hip-Hop-Coolness“, sondern nur mit Gitarre auf der Bühne zu stehen?
Max Herre: Das fiel mir nicht schwer, es war eher eine Herausforderung, eine Sprache zu entwickeln, die irgendwie emotional ist und (überlegt) eben trotzdem nicht die Leute auf die Bettkante setzt.

campus-web: Liegt das vielleicht daran, dass die Texte in Deiner Muttersprache sind?
Max Herre: Ich schreibe sie ja in Deutsch, damit sie verstanden werden. Aber es ist nicht mein Ansatz, eins zu eins meine Geschichte zu erzählen. Es geht zwar um meine Gefühle, aber das Spannende daran ist, dass sie nicht nur für mich funktionieren, sondern für andere Menschen eben auch.

campus-web: Gibt es Themen, über die Du nicht schreiben würdest?
Max Herre: Ja, absolut. Wie gesagt, ich muss mein Privatleben nicht in Songs ausbreiten.

campus-web: Trotzdem musst es ja irgendwo einen Anlass zu einem bestimmten Song geben, oder? Welcher war das bei „Blick nach vorn“?
Max Herre: Klar, das ist ja kein Geheimnis. Bei „Blick nach vorn“ ist es diese Idee, dass man den Rücken von der Wand kriegen und mal den ersten Schritt machen muss. Und auch den zweiten, um dann auf dem Weg zu merken, wo man eigentlich hin will. Das ist eigentlich ein Song, der geschrieben wurde, um einen Song zu schreiben. Für mich, um wieder in Bewegung zu kommen.

campus-web: Kannst Du Dich hinsetzen und sagen „heute schreibe ich einen Song“?
Max Herre: Doch, ja. Ob ich es dann morgen noch gut finde, ist die Frage. Probieren kann man es schon, letztlich ist es wie mit jedem anderen Job auch. Die Inspiration ist der kleinste Teil, letztendlich muss man es einfach machen.

campus-web: Gibt es in Zukunft wieder eine Zusammenarbeit mit Clueso?
Max Herre: Mal sehen, sicher. Wir sind ja beide junge Menschen, wir werden in unserem Leben noch viel, viel zusammen arbeiten.

campus-web: Wie sieht Dein perfekter geschenkter Tag aus? Und warum ausgerechnet im September?
Max Herre: Ähm, wie für die meisten Menschen wahrscheinlich: man hat frei, ist mit seinen Liebsten zusammen, die Sonne scheint. Man isst lecker zusammen, springt zwischendurch ins Wasser… Ich finde, der September ist ein toller Monat, so im Spätsommer und als Vorbote für den Herbst. Ursprünglich war es der 31. September, weil es den Tag eben nicht gibt und ich diese Vorstellung hatte, dass er aus dem Kalender fällt. Aber das kann eigentlich immer sein.

campus-web: Du spielst Anfang Juli das Summer Jam in Köln, geht das nicht auch eher wieder in Richtung Hip-Hop und Reggae?
Max Herre: Ich spiele außerdem noch 12 oder 13 andere Festivals! Aber das Summer Jam hat eine ganz besondere Atmosphäre finde ich. Da freue ich mich wahnsinnig drauf! Es ist aber nicht zu vergleichen mit einem Clubkonzert, da sind die Leute ja wegen einem da – beim Festival muss man eher ein bisschen tanzbarer werden. Es gibt auch ein ganz tolles Line-Up, wir spielen nach Gil Scott-Heron, er ist einer meiner großen Vorbilder und gilt schließlich als einer der Urväter des Rap. Und ich finde, er spricht eher für eine musikalische Öffnung des Festivals.

campus-web: Kannst Du sagen, was Dir mehr Spaß macht? Clubkonzert oder Festival?
Max Herre: Das kann ich nicht sagen, aber glaube, dass das Summer Jam ganz toll wird. Da bin ich mir ziemlich sicher!
campus-web: Na dann werde ich das den Kölnern so weitergeben – danke für das Gespräch!


Dass auch ein Clubkonzert ganz toll werden kann, bewies Max nur zwei Stunden später in der gut gefüllten Halle des zakk. Ein gelungener Mix aus alt und neu, diverse musikalische Experimente und die Bestätigung, dass es für ihn eben kein Pflichtprogramm gibt, konnten überzeugen. Die Setlist wirkte eher wie ausgelost als ausgefeilt – von wegen Hits am Ende, dann Zugaben und Auf Wiedersehen. Schon ziemlich zu Beginn durften sich die Düsseldorfer über „Blick nach vorn“, „A-N-N-A“ und „Geschenkter Tag“ freuen. Gegen Ende wurde es mit dem Udo Lindenberg-Cover „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“ noch ein Mal nachdenklich. Wie sich die insgesamt sehr angenehm lockere Stimmung des Abends unter freiem Himmel und bei Sonnenschein anfühlt, kann man dann ja im Sommer erleben.



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