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Eine Biographie liest man, um viel über die porträtierte Person zu erfahren. Manchmal stellt sich ein interessanter Nebeneffekt ein: Man lernt auch viel über den Autoren, der als direkter Mittler und Informationsfilter zwischen Prominenz und Publikum das entstehende Buch individuell prägt. Und eigentlich kann das auch spannend sein – die Geschichte, wie man sich als Außenstehender in die Welt des Künstlers einlebt. Prof. Dr. Christof Graf hat sich definitiv bereits in die Welt Leonard Cohens eingelebt. „Titan der Worte“ ist bereits sein fünftes (!) Buch über den kanadischen Poeten und Musiker, und bereits zu Beginn wird deutlich, dass hier kein wissenschaftliches, sondern absolut persönliches Interesse zu Grunde liegt. Im Prolog erzählt Graf davon, wie er Cohens Konzert beim 2008er Jazz-Festival von Montreux besuchen wollte und durch Intuition das Hotel des Künstlers fand; wie er Cohen dort sogar sofort traf, kurz mit ihm plauderte, wobei der Künstler sich an vergangene Interviews und Biographien erinnerte; und wie er dann vor und nach dem Konzert ein „Interview, das nie stattgefunden hat“ mit Cohen führte. Die Episode ist sehr ambivalent beschrieben, und man weiß nie genau, ob die Fragen tatsächlich inoffiziell gestellt wurden oder ob Graf als Über-Fan einfach nur durch die Betrachtung seines Idols zur eigenen Beantwortung der Fragen inspiriert wurde. Einerseits werden so interessante Perspektiven für die nun auf knapp 400 Seiten folgende Lebensdarstellung eröffnet; andererseits fällt es schwer, Graf auf seiner Reise zu folgen, wenn man noch nicht dessen latenten Fanatismus teilt. Mit gemischten Gefühlen geht man folglich in den Hauptteil über, der Cohens Leben und Schaffen in vier Akte aufteilt. Beginn ist natürlich die Geburt im Jahr 1934, Aktmarkierungen fallen auf die späten 1960er (Cohen beginnt seine musikalische Karriere), die späten 1980er (Cohen in einer seiner Hochphasen) und die Jahrtausendwende. Erklärtes Ziel des Buches ist es, zu den bisherigen Biographien die Geschehnisse seit 1995 zu addieren. Rein sachlich betrachtet funktioniert dies natürlich, allerdings baut die Biographie qualitativ einigermaßen ab, und der Weg zur Gegenwart wirkt teilweise wir eine Aufzählung, teilweise wie eine anachronistische Nennung von Eigenheiten des Phänomens Leonard Cohen. Dabei weiß „Titan der Worte“ in seinem ersten Akt zu überzeugen: Cohens erste Schritte werden interessant aufbereitet, zahlreiche Textbeispiele (allerdings oft nur in deutschen Übersetzungen) eröffnen die Perspektive auf sein ursprüngliches Schaffen als Poet ohne musikalische Begleitung. "I’m Your Man" und "I’m Your Fan" Der akribisch genaue Fan (Graf besitzt auch eine umfangreiche Internet-Fansite, deren Vorteile gegenüber anderen Seiten er auch stolz und leider unpassend im Verlauf des Textes erläutert) scheint mit Beginn der musikalischen Karriere Cohens immer öfter durch, zählt komplette Setlists oder Begleitmusiker-Aufstellungen auf, erzählt Konzerte und Kurzdokumentationen über mehrere Seiten hinweg nach oder legt sich in Einzelfällen auch mit den journalistischen Kollegen an. Harmlos, wenn negative Konzertberichte durch eine andere Perspektive entkräftet werden; unangenehm, wenn plötzlich mangelnde Englischkenntnisse und Moderationsfähigkeiten (in Kombination mit launenhaften Reaktionen Cohens) aufs Korn genommen werden. Graf wechselt schließlich beim Zitat eigener Interviews vom Ausdruck „der Autor“ zu einem normalen „ich“ und geht mitten in der Wiedergabe eines Gesprächs dazu über, einfach sein komplettes Interview einzufügen, einen Stil, den er dann bis zum Schluss durchhält. Beide Herangehensweisen wären spannend gewesen: Die möglichst objektiv-entfernte Betrachtung und Analyse eines Künstlers genauso wie das persönliche Erleben der Kunst und der Person. Die Mischung gelingt allerdings nicht, und „Titan der Worte“ wirkt zum Schluss so, als hätte das Projekt wie eine universitäre Hausarbeit mit hohem Enthusiasmus begonnen und mit hohem Zeitdruck geendet. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Akteinteilung nicht wirklich überzeugt. Die unterschiedlichen Episoden zu Alben, Büchern, Tourneen oder auch persönlichen Einblicken wurden nicht als Kapitel markiert: Sie finden sich im Inhaltsverzeichnis als großer Block ohne einzelne Seitenangaben, ein Nachschlagen ist also nur sehr umständlich möglich. Wäre die Lebensgeschichte wirklich als „Gesamtgeschichte“ aufbereitet worden, würde diese Aufteilung deutlich besser passen. Mehrere Blöcke mit Photos Cohens im Laufe der Jahre, viele von Graf selbst aufgenommen, runden das Buch ab, betonen aber auch den Eindruck, dass ein Fan manchmal nicht der beste Chronist eines Künstlers ist. Die Ironie erreicht ihren Scheitelpunkt, als Graf Cohen in einem Interview auf eine „Konkurrenz-Biographie“ des Autoren-Duos Dorman/Rowlins anspricht. Cohens Antwort wirkt fast schon prophetisch: „Ich weiß, dass viele Leute das Buch nicht mögen, weil es von den Autoren aus einer zu persönlichen Perspektive geschrieben wurde, und weil sie sich wohl auch zu sehr mit ihm identifiziert haben.“ Hier hätte eine Lektion gelernt werden können.
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