Konzertbericht: Genug ist nie genug: Róisín Murphy spielte am 22. November im E-Werk.
Garderobenwechsel, Stimmungswechsel, Tempiwechsel – Wechsel, Wechsel, Wechsel. Der Change, von dem ununterbrochen geredet wird, Róisín Murphy hat ihn längst in ihr Bühnenrepertoire aufgenommen. Bis ins Unkenntliche verzerrt, mit reichlich Tüll verziert und ein paar Glöckchen daran drapiert, nur um im letzten Moment alles kaputt zu hauen.
Nun ist es Samstag abend, Schnee rieselt herunter. Richtige Flocken. Róisín Murphy ist mit ihrem Tross, ihren ganz eigenen Harajuku Girls in ihrem Tourbus von der Live Music Hall ins E-Werk umgezogen, allgemeinem Andrang zum Dank. Die Karawane komplettierte ein zweiter Van für all die Kostüme, Kleider und schmucken Accessoires, die Miss Murphy in dieser Nacht auftragen werden würde. So wird es wohl alles gewesen sein. Vermutlich.
Schließlich ist sie da, die glitzernden Beats läuten das Wiedersehen ein, und "Overpowered" ist Intro und Einheizer zugleich. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, da hatte sie die Live Music Hall ausverkauft. Seitdem ist nicht viel passiert – sie hat ein Brian Ferry Cover für einen Werbespot aufgenommen und an ihrem neuen dritten Album gearbeitet. Und unentwegt getourt, natürlich. Jedenfalls ist der Andrang inzwischen noch größer und das E-Werk daher der richtige Ort für heute Abend, die richtige Zeit.
Langsam schleicht Sie sich an den vor der Bühne angebrachten Vorhang, öffnet ihn einen Spalt. Sie riskiert einen Blick, während die Zeilen "When I think that I'm over you / I'm overpowered" durch den Raum wabern. Raum und Zeit, dazu kaltes klares Wasser. Cyberpunk, Fashion Week, und Blut, dass durch Adern fließt.
Die Assoziationen zur die nächsten zwei Stunden begleitenden Show können eben vielfältig sein. Zuweilen versagen einem auch einfach die Worte: Róisín Murphy steht nach unzähligen Garderoben plötzlich in einem Trenchcoat auf der Bühne, sie ist zuknöpft, nur ihre nackten Beine schauen hervor. Modebewusst wie eh und je, da wundert man sich nicht mehr. Wenn sie nicht zunächst ein kleines Geweih auf dem Kopf tragen würde. Und wie sie da regungslos steht, kerzengerade. Dann stellt sich die Erkenntnis ein, dass sie eine Zwangsjacke trägt. Das kann man metaphorisch sehen – man sieht aber auch schlicht, wie ihre Tänzerinnen ihr die Reißverschlüsse an den Seiten öffnen, um Platz zu machen für das rote Kleid, das sie darunter trägt.
Diese Überraschungen im Auftritt, gezielte Übungen der Extravaganz verleihen dem Abend seine Aura. Rätselhaft manchmal, in seltenen Momenten besinnlich, ansonsten unwiderstehlich tanzbar.
Dabei ist Róisín Murphy der wunderbare Schein und der Spaß an der Verkleidung. Sie ist Sugar Daddy und La Grande Dame, trägt Maske und wortwörtlich Bambi auf dem Rücken. Sie gibt sich unnahbar, um kurz darauf in den verletzlichen Part ihres Auftritt einzukehren, ist profaner Popstar und erschießt zum Schluss ihre Tänzerinnen. Sie hat es begriffen: Mehr ist mehr, Fragezeichen führen zu Antworten, der Discobeat ist der Puls der Nacht. Genug ist nie genug. "Ramalama (Bang Bang)" pumpt das letzte Mal den Wahnsinn in das Meer der Fans, dann ist Schluss. Eine große Künstlerin.