Fragile, elekronische Klangcollagen berlagern sich zu kreischend lautem Hall. Einige Konzertbesucher halten sich die Ohren zu. Der Islnder Valgeir Sigurdsson stimmt als Voract sphrisch auf CocoRosie ein. Sigurdsson beteiligte sich auch kompositorisch an CocoRosies gerade erschienenem Album "Tales of a GrassWidow". Doch solo sind seine elektronischen Samples zu unscheinbar und monoton, um wirklich mitzureien. Viele Konzertbesucher unterhalten sich, der Applaus ist eher verhalten. Unter den Konzertgngern berwiegt der Frauenanteil, was man auf der Herrentoilette merkt, die wegen langer Warteschlangen vorm Damenklo auch von einigen Frauen wie selbstverstndlich genutzt wird. Es braucht scheinbar keine Geschlechtertrennung beim berwiegend queeren Publikum, das man auf CocoRosie-Konzerten meist antrifft. Viele Frauenprchen unter den Konzertbesuchern kssen sich. Auch nach dem Solo-Vorprogramm lassen CocoRosie auf sich warten. Ihren Bandnamen haben die beiden Casady-Schwestern brigens von ihrer Mutter, die Bianca Coco und Sierra Rosie nannte.

Endlich wirbeln CocoRosie in weiten, flatternden Gewndern und Schleiern auf die Bhne, grazil unterstreichen Handgebrden das Gesungene oder die Frontsngerinnen Headbangen mit langem Haar einige Momente lang im Takt ihrer Musik. Begleitet wird das Duo von einer vierkpfigen Band. Wenn Sierra Casady nun auf einer Harfe spielt, verbreitet dies orientalisches Flair, das durch Biancas koboldhaften rau-rotzigen Sprechgesang effektvoll gebrochen wird. Biancas nuancierter, schroff bebender Ausdruck lsst durchscheinen, dass das musikalische Schaffen der Schwestern auch durch Wut motiviert ist. Sierras sanfter, sich betrend steigernder Soprangesang steuert dagegen. Beeinflusst sind die Schwestern durch unterschiedliche Musikrichtungen. Sie verarbeiten Folk, Reggae, Opern-Anklnge oder Hip-Hop-Referenzen in ihrem knstlerischen Schaffen und haben dabei stets auf markante Weise eigenen Wiedererkennungswert. Neben klassische Instrumentierung tritt organisch-elekronischer Sound.

berraschungsgste performen auf der Bhne

Bei den Performances der jngsten Single-Auskopplungen "After The Afterlife" oder "Tearz for Animals" geht das Publikum frenetisch mit. Das neue Album des Schwesternduos ist beatlastiger als die Vorgngerplatten. berraschungshighlights sind auch auf dem Konzert Solo-Performances des beatboxenden Hip-Hop-Knstlers TEZ und der sehr athletischen, mit leuchtender Schminke bemalten, farbigen Vogue-Tnzerin Leiomy Maldonado. Als finalen Gastsnger lockt das Schwesternduo auerdem mit "Is Christopher here?"-Rufen Christopher Nell aus dem Publikum hervor ins Scheinwerferlicht. Nell steht derzeit mit Kompositionen von CocoRosie auf der Bhne des Berliner Ensembles, wo er auf grandiose Weise die Tinkerbell in einer Neuinszenierung von Peter Pan verkrpert. Beim Konzert bernimmt er spontan Gesangspassagen im Duett mit CocoRosie und im Anschluss wird sich herzlich umarmt.

Leider erzhlen die in Paris lebenden Schwestern auf der Bhne wenig. Man htte sich mehr Hintergrundwissen ber die neuen Kompositionen auf ihrem gerade erschienenen fnften Album "Tales of a GrassWidow" erhofft. Bianca trgt mit knarzigem, manchmal monotonen Sprechgesang die Lyrics im recht schnellen Tempo vor. Die dunkle Poesie im Oeuvre geht so manchmal unter. Mehr Anmoderationen wren hilfreich gewesen, um die Bedeutungsebenen der Songs zu verinnerlichen. Oft geht es ja bengstigend eindringlich auch um Verzweiflung, Verderbnis und Tod. "Child Bride" thematisiert das schwierige Thema Kindesmissbrauch und "Devils Island" handelt von den Verbrechen gegen unschuldige Insassen auf der Gefngnisinsel Devils Island an der Kste vor Franzsisch-Guayana. Selten wird ein Erfolg frherer Verffentlichungen wie "Werewolf" und spter als Zugabe "Beautiful Boyz" performt. Videoinstallationen im Hintergrund zeigen stimmungsvolle Naturbilder, Clowns oder geben das Bhnengeschehen verschwommen live wieder. Nach zwei Zugaben verabschieden sich CocoRosie gegen Mitternacht mit Kusshnden und einem sympathisch nicht ganz akzentfrei gesprochenen "Dankeschn" von der Bhne. Ihre Power und ihren knstlerischen Facettenreichtum live zu erleben, war mal wieder eindrucksvoll.

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