Im Mlheimer E-Werk bestreitet die kanadische Sngerin Sara Johnston solo das Vorprogramm. Im Publikum sind die meisten Fans in den 40ern. Johnston, vormalige Mitstreiterin des Rockensembles Bran Van 3000 singt ihre selbstgeschriebenen Kompositionen "Big Love", "Missing You" und "3 AM". Sie begleitet ihren Gesang dabei an einer elektronischen Gitarre. Die Begeisterung im Publikum ist eher verhalten. Die melancholischen und eingngigen Songs klingen kompositorisch hnlich. Sie haben selten melodisch interessante Hhepunkte. Als Johnston zu "I'm Dead" anstimmt, lachen einige, weil die Kalifornierin zuvor meinte, nun singe sie einen positiven, optimistischen Song.

Eine poetische Reise

Gegen 21 Uhr und nach einer lngeren Pause klatschen einige Zuschauer bereits ungeduldig. Endlich betritt die lang erwartete, zierliche und sehr schlanke Heather Nova mit ihrer Band die Bhne. Schulterlange blonde Haarstrhnen fallen ihr ins Gesicht. Lchelnd stimmt sie "Everything Changes" aus ihrem neuen Album "300 Days At Sea" an. Johnston begleitet Nova nun als Backgroundsngerin, am Keyboard oder an der Gitarre. Die dnische Gitarristin Berit Fridahl, Schlagzeuger Geoff Dugmore und Bastian Juel an einer akustischen Gitarre kennen einige bereits als Novas Stammbesetzung von frheren Tourneen. Sanft vibriert Novas Gesang zwischen den Oktaven. Der gefhlvolle Refrain stimmt die Zuhrer auf eine poetische Reise ein: "Everything changes, changes for the good/ Even the pain hurts like it should/ Everything moves, shadows to light/ Heart becomes whole/ When you give up the fight."

We're all going home to where the heart is

Nach dem ersten Song reicht ihr ein Mitarbeiter eine neue Gitarre. Erneut stimmt die Ausnahmeknstlerin stimmige Harmoniefolgen an. Die von einer kleinen Insel auf den Bermudas kommende Nova verarbeitet oft ihre eigene Biographie in ihren Songs. So erzhlt sie den Zuschauern, dass sie ihre Kindheit zweitweise auf einem Fischerboot verbrachte. Dies inspirierte sie dazu, ihr neues Album dem Thema Meer zu widmen, und insbesondere auch zu "The Good Ship Moon". Um letztgenannten leisen Song kammermusikalisch zu orchestrieren, begibt sie sich in die hintere Bhnenebene. Dort begleitet sie ihren Gesang stimmungsvoll am Klavier. Ihren Platz im vorderen Bhnenzentrum nimmt ihre Backgroundsngerin Johnston ein. Beim Refrain einer idealisierten Revue der eigenen Kindheit untersingt Johnston den melancholischen Gesang: "Hold your course, northwest, southeast/ Shore to shore, we're all going home to where the heart is."

Der Ausdruck in den Augen geretteter Menschen

Bei einigen Songs verlassen Bandmitglieder die Bhne, etwa wenn Nova kein Schlagzeug und keine andere Gitarre als die eigene bentigt. Bevor sie die erste Single aus ihrem neuen Album vorstellt, erzhlt sie ausfhrlich von ihrer Idee zu diesem Song. Es inspirierte sie ein Artikel des Journalisten Matt George, der als Surfer bis zur Tsunami-Katastrophe fr ein Surfer Magazin schrieb. Mit Freunden mietete dieser ein Boot und brachte Hilfsgter zu abgelegenen Inseln. Er grndete die Organisation Last Mile, die besonders fr abgelegene Regionen Hilfsangebote bietet. Matt George erklrte auf die Frage, was ihn motiviere diese Arbeit zu leisten, es sei der Ausdruck in den Augen der geretteten Menschen, der alles aufwiege - das er ihn auf "eine hhere Ebene versetzen" wrde. Nova schickte dem Journalisten ihren Song. Auf dem Konzert ist das intensive und optimistische "Higher Ground" einer der Hhepunkte des Abends. Hier berzeugt die Knstlerin und das stimmungsvolle Zusammenspiel mit der Band durch authentische Leidenschaft, wenn Nova beim Refrain zwischen den Oktaven wechselt: "I can pull you from the wreckage/ I can save your life/ I can bring you what you need,/ I can make it alright/ But it's you who lifts me to higher ground."

Gegen das soziale Ungleichgewicht zwischen den Ethnien

Abwechslungsreich und intensiv ist auch der nchste Song, bei dem die 44-Jhrige vor der Wiedergabe von dem Entstehungshintergrund erzhlt. Sie gibt die eigene Auseinandersetzung mit der sozialen und konomischen Kluft zwischen den Ethnien wieder - aus der Sicht derer, die sich hier Gangs anschlieen, sei sie nichts anderes, als eine privilegierte Weie, die beim besten Willen nicht verstehen wolle, was sie in ihrer Kindheit durchmachen mussten, um dahin zu kommen, wo sie heute stehen, erklrt sie den Song "Stop The Fire", sie wolle jedoch verstehen und glaube fest daran, dass Verstndnis der erste Schritt zur Problemlsung sei. Der Schlagzeuger stimmt an und Nova singt energisch: "Yeah/ We've got a long way to go, this much I know/ But we can stop the fire."

Nova interpretiert nicht alle Songs ihres neuen Albums. Auch ltere Songs, wie "All I Need" von 2003 werden gespielt. Als Zugabe singt Nova noch das schwermtige "Fool For You" aus ihrem sanfteren Album "Storm". Um ihren Gesang am Klavier zu begleiten, begibt sich Nova wieder in die hintere Bhnenebene. Mit elegant berkreuzten Beinen steht Johnston nun wieder im Bhnenzentrum und verdeckt Nova fr einige Zuschauer. Dezent untersingt sie wieder Novas Gesang. Der anregende Abend neigt sich nach gut eineinhalb Stunden dem Ende entgegen.

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