Festivalbericht: Die sonderbare Zugfahrt zum Melt! Festival

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Donnerstag, 15. Juli, 23:53 Uhr, Gleis 2: ein Aufatmen geht durch den Kölner Hauptbahnhof. Mit 35 Minuten Verspätung fährt ein bordeauxroter, etwas in die Jahre gekommener Zug ein. Die unruhige Menschenmasse räumt das Gleis langsam frei von Rucksäcken, Bierkästen, Campingstühlen und sucht nach dem passenden Abteil. Ein paar riesige Rollkoffer werden ebenfalls hektisch über den Bahnsteig gerollt, um dann über die schmale Treppe in den Zug gewuchtet zu werden.
Neugierige Zuschauer können mit der Anzeige „Sondergesellschaftszug, Ziel: Dessau/Serropolis“ wohl nicht viel anfangen, auch nicht bei richtiger Schreibweise. Der Melt! Train, der nicht nur in seinem Namen konsequent jedes deutsche Wort vermeidet, soll das Festival unter dem Motto „Melt! goes green“ umweltverträglicher machen. Wir haben unser Abteil schnell gefunden. Während wir noch rätseln, wie hier sechs Leute mit Gepäck schlafen sollen, taucht der erste unserer drei unbekannten Mitbewohner auf, stellt sich als Mr. Roberts vor und fragt, ob wir englisch sprechen. Er erzählt uns, dass er erst noch zu Freunden will und später zurückkommen wird. Dann verschwindet er – das erste und letzte Mal, dass wir ihn gesehen haben.
Inzwischen hat sich der Zug endlich in Bewegung gesetzt und wir entdecken die Wunder an Funktionalität und Raumökonomie im Abteil. Durch Umklappen der Rückenlehnen, kommen nicht nur Betten und Leitern zum Vorschein, sondern es findet sich auch noch ein geräumiger Stauraum für unser Gepäck. Aus den Boxen in der Decke tönt Musik, die ein DJ für den Bar- und Tanzwagen in der Mitte des Zuges auflegt. Schließlich steigen auch unsere zwei verbleibenden Mitbewohner ein und als die Jungs aus dem Nachbarabteil neugierig hereinschauen und sich vorstellen treffen wir sogar einen Bekannten vom letzten Melt!.
Der Rest der Nacht ist ein Kommen und Gehen. Jeder kennt noch irgendwen im Zug und der Rest hat keine Probleme damit, Leute kennenzulernen und mit diesen eine Runde zu trinken. Insgesamt herrscht ein euphorisches Erwartungsgefühl wie auf einer Jugendreise nach Bulgarien. Beim Schlafen machen sich sechs Leute und eine funktionslose Klimaanlage allerdings bemerkbar – es ist heiß und stickig. Eigentlich sollte der Zug auch schon längst angekommen sein, stattdessen fahren wir genauso oft vorwärts wie rückwärts oder bleiben auch mal eine Viertelstunde stehen. Endlich am Melt! eingetroffen breiten sich Leute im Schatten des Zuges und schnappen nach frischer Luft.
Organisatorisch merkt man dem Melt! Train sein erstes Mal definitiv an: von der Bändchenausgabe für Zug und Festival (Drucker im Zug funktionierte angeblich nicht), über die stundenlange Irrfahrt (können sich Züge verfahren?), bis zum zuerst fehlenden Müllpfandchip und der ungeklärten Nutzung der nebenanliegenden Duschen und Toiletten.
Das skurrilste Ereignis fand aber wohl auf der Rückfahrt in der Nacht zum Montag statt. Ein aufgeregter Australier namens Rick stürmt in unser Abteil und fragt nach einem Kissen. Er wolle sich in den Gang legen, da er nicht an seine Sachen käme. Auf unsere fragenden Blicke hin, führt er uns zu der Tür, die zu Wagen 4 geht. Als er sie aufmacht, schauen wir auf Gleise - der Zug hat Wagen 4 bis 10 auf der Strecke verloren und damit auch Ricks Abteil und Ricks Sachen. Nach erneutem Rückwärtsfahren und Andocken schaffen wir es aber tatsächlich fast pünktlich zur Einfahrt in den Kölner Hauptbahnhof, wo die restlichen Melt! Besucher mit leichterem Gepäck aussteigen und den Zug als Paradies für Pfandsammler hinterlassen.