Der Konzertbesuch bei einer Band, die bereits seit langer Zeit im Geschäft ist, birgt stets ein gewisses Risiko. So gibt es Musiker, die nach mehreren Jahrzehnten dazu übergegangen sind, nur noch ihre alten Hits wiederzukäuen. Schlimmer noch sind die, die nicht einmal mehr das so richtig hinbekommen. Andere wiederum wollen diesem Trott entgehen und erfinden sich plötzlich neu – oft zum Leidwesen ihrer Fangemeinde. Der Weg zwischen beiden Extremen ist schmal. Bei ihrem eindrucksvollen Konzert in der Kölner Essigfabrik zeigten Alien Sex Fiend, wie man diese Gratwanderung auch nach 28 Jahren noch meistert.

Mit Liebe zum Detail

Zu den Dingen, die langjährige Alien Sex Fiend-Fans bei ihren Konzerten nicht missen wollen, gehört eindeutig die liebevoll arrangierte Bühnendekoration. Überall stehen zerpflückte und bemalte Schaufensterpuppen herum. Neben ihnen ragen Speere mit jeweils drei aufgespießten Totenköpfen empor, garniert mit Kassettenbändern als Lametta-Ersatz. Alles erinnert stark an alte C-Zombie-Movies. Ein Zufall? Bestimmt nicht!

Als sich der reichlich ausgespuckte Kunstnebel allmählich lichtet, erscheint Sänger Nikolas Wade alias Nik Fiend auf der Bühne. Mit weiß geschminktem Gesicht und schwarz umrandeten Augen gesellt er sich zu den lustigen Totenköpfen. Seine Gattin und Keyboarderin Cristine Wade alias Mrs. Fiend - stilecht im 80's-Look mit wild toupierter Mähne - komplettiert das schräge Bühnenbild. Sogar ihrem Roadie, der am Bühnenrand eine Zigarette nach der anderen raucht, haben die Fiends einen blutverschmierten Arztkittel übergeworfen.

Bereits nach wenigen Minuten werden den Zuschauern zwei Dinge klar: Alien Sex Fiend machen keine halben Sachen und, was noch viel wichtiger ist, sie nehmen sich selbst nicht allzu ernst.

Zwischen Ernsthaftigkeit und Blödsinn, zwischen Punk und Industrial

Nahezu programmatisch wirkt daher die Wahl ihres Einstiegssongs "I Walk the Line". Darin besingt Fiend seine Gratwanderung zwischen Gut und Böse, während er auf der Bühne vielmehr zwischen Ernsthaftigkeit und Blödsinn pendelt. Immer wieder verfällt er in eine nahezu meditative Starre, um dann umso energischer, mit gewitztem Lächeln und weit aufgerissenen Augen, auszubrechen.

Im weiteren Verlauf der Show fliegt eine aufblasbare Riesenbanane ins Publikum, ebenso wie mehrere Gummiknochen und –totenköpfe, die Fiend nach und nach aus seiner "Zaubertonne" fischt. Dass Publikum freut sich angesichts der vielen Geschenke. Auch Fiends Auftritt als verschrobenen Märchenonkel, mit übergroßem Buch in der Hand und Zylinder auf dem Kopf, schlagen Wellen der Begeisterung entgegen.

Neben all diesem Klamauk wissen Alien Sex Fiend aber vor allem musikalisch zu überzeugen. Mit ihrem Wechselspiel von schrammeligem Garage-Punk und brachialem Industrial ziehen sie das Publikum sofort in ihren Bann. Während es bei den meisten Fans, deren Großteil bereits an der 40 kratzt, noch recht gesittet zugeht, springt der Funke bald auf die ersten Reihen über. Besonders bei Klassikern wie "Ignore the Machine" oder den neueren Industrial-Nummern erreicht die Stimmung immer wieder neue Höhepunkte.

Keine Altersschwäche

Es gibt nicht viele Bands, die es schaffen, bei ihren Auftritten alte Rituale zu verfolgen, ohne dabei abgedroschen zu wirken. Dass Alien Sex Fiend aber definitiv dazu gehören und auch nach 28 Jahren mit viel Elan und Charme bei der Sache sind, beweisen sie an diesem Abend in aller Deutlichkeit.

Selbst nach zweistündiger Show zeigt die Band keinerlei Anzeichen von Müdigkeit. Nur einige Fans haben bereits schlapp gemacht. Alien Sex Fiend legen aber noch eine imposante Zugabe nach, bei der sogar Mrs. Fiend zur Gitarre greift. Zum Schluss kommt wieder der Nebel und trägt die Band von der Bühne. Zurück bleiben die Schaufensterpuppen, die Totenköpfe und der Roadie im blutverschmierten Arztkittel.


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