Wer der Blauen Bühne und somit einer nach Whiskey rufenden Jennifer Rostock inklusive kreischenden Teenagern den Rücken kehrte, hatte genügend Zeit mentale und körperliche Kräfte für einen der sehenswürdigeren Auftritte der diesjährigen Rheinkultur zu sammeln.
Alexisonfire stehen pünktlich auf die Minute vor einem Publikum, das den gesamten Bereich vor der Bühne ausfüllt. Mit nacktem Oberkörper baut sich ein langhaariger George Pettit vor der Masse auf, neben ihm - etwas züchtiger - Dallas Green und Wade McNeil. Die insgesamt fünfköpfige Band zögert nichts hinaus. Sie sind auf der Bühne und sie sind da, verströmen von der ersten Sekunde an sich überschlagende Energie.
Mit „Young Cardinals“, einem Song ihrer neuen Platte „Old Crows / Young Cardinals“ beginnt die etwa einstündige Setlist der Kanadier. Schnell wird klar, wieso das Publikum trotz drückender Hitze und des monsunartigen Wolkenbruchs bis zu diesem Auftritt ausgeharrt hat: Arme werden in die Luft gestreckt, der Refrain sitzt sofort und trotz der Schwüle wogt die Masse. Schwarze Luftbälle werden über die nickenden, schwankenden und Haare schüttelnden Köpfe hinweg gereicht. Langsam geht die Sonne unter. Neben ihren neuen Songs beginnen Alexisonfire nun auch ältere Stücke zu spielen, wie das dramatisch-melancholische „The Northern“.
Spätestens bei „We are the Sound“ übergehen die Fans das groß plakatierte Crowdsurfing-Verbot. Sie feiern die unvergleichliche Stimme Dallas Greens und das rastlos geprügelte Schlagzeug Jordan Hastings. Im Wechsel mit der im Dreier-Chor herausgeschrienen, Titel gebenden Songzeile stimmen bald auch Alexisonfire-Neulinge mit ein. Die Masse trägt den Sound und man muss sich fragen, ob nicht sogar Max Herre auf der Nebenbühne etwas davon mitbekommt.
Im Hinblick auf den eng gestrickten Zeitplan der Rheinkultur, wagen nur die wenigsten an eine Zugabe zu glauben. Folglich wird dem angekündigten letzten Song alle Aufmerksamkeit geschenkt und die letzten Kräfte für den Moshpit gesammelt. Auch die Band selbst gibt noch einmal alles: Pettit stürzt sich mit dem Mikrophon in die Masse, stiehlt sich einen Sombrero und feiert das fantastische Cover von „True Believers“ der Bouncing Souls. Kaum zurück auf der Bühne schmeißt er Rock-allürisch den Mikrofonständer zu Boden.
Nach diesem gewaltsamen, mitreißenden und eindrucksvollen Konzert haben viele nur noch einen Wunsch: „Jetzt einen Whiskey…“.
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