campus-web.de stellt an dieser Stelle in der Reihe Hitparade Platten vor, die Epoche gemacht haben. Platten, die nachhaltig Pop geprägt haben – und es heute noch tun. Wie konnte es soweit kommen? Warum müssen Deine Mutter wie auch Deine Kinder dieses Werk besitzen? Wir bringen Licht in die History of Rock 'n' Pop!

Wie konnten Tocotronic es schaffen, zu einer Größe in der deutschen Rock-Musik zu werden? Und wenn die es geschafft haben, kann ich das dann auch? Braucht man wirklich nur ein paar Instrumente, ein paar Slogans und die Möglichkeit, das Ganze aufzunehmen?

Fragen, die unwillkürlich auftauchen, wenn man sich das Frühwerk des damaligen Hamburger Trios anhört. „Digital ist besser“, so der Name des Debüts, erschienen am 6. März 1995. Die Musik so schrammelig, das man sie als dilettantisch abtun kann. Die Texte so vom Alltag durchsetzt, dass man sie als platt empfinden kann. Stimmt aber natürlich nicht. Schrammeln sollte dennoch nicht als Erfolgsgarant gewertet werden, denn schließlich schlägt der Blitz selten bis nie zweimal an der selben Stelle ein.

Hamburg rockt

Begonnen hatte alles in den späten 1980ern. Deutschsprachige Musiker frönten plötzlich dem Diskurs über ernsthafte gesellschaftliche Themen und bewegten sich damit zwischen der Zivilisiertheit des Pop und der Protesthaltung des Punk. In Anlehnung an die philosophische Frankfurter Schule wurde die Stilrichtung von einem Journalisten als „Hamburger Schule“ betitelt. Blumfeld und Die Goldenen Zitronen mischten direkt am Anfang mit. Doch mit der Zeit drehte der Diskurs der Hamburger Schule sich im Kreis; es fehlte der frische Wind.

Der kam in Form von drei Jungs in Trainingsjacken, für die Gesellschaft nichts mehr mit Theorie zu tun hatte, sondern mit tödlicher Langeweile am Samstag. Und Protest war keine politische Ausdrucksform, sondern Hass auf Freiburger Fahrradfahrer. Dirk von Lowtzow an der Gitarre und als Hauptsänger, Jan Müller am Bass und Arne Zank am Schlagzeug, das waren Tocotronic, benannt nach einer alten Spielekonsole. Tocotronic eroberten den Hamburger Untergrund im Sturm und hatten schnell den Vertrag beim Szene-Plattenlabel „L’age d’or“ in der Tasche. Auf dem Debüt-Album versammelten sich gleich 18 Songs; nicht mal ein halbes Jahr später gab’s mit dem Mini-Album „Nach der verlorenen Zeit“ zehn weitere.

Musikalisch sind die Lieder zwar einfach gestrickt, dilettantisch sind sie aber auf keinen Fall. Kein Mainstream, aber nach Punk und Grunge auch nichts Besonderes mehr. „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, heißt es zwar in Anspielung auf die Wiege des Grunge, doch im Jahr nach Kurt Cobains Selbstmord konnte Hamburg im deutschen Sprachraum durchaus zum neuen Seattle werden. Durch ihr Auftreten und ihren Stil, durch das Ausleben ihrer Jugend (obwohl die Bandmitglieder schon auf Mitte 20 zugingen), durch die Liedtext-Slogans, die man ideal als Lebensmotto repektive T-Shirt-Aufdruck verwenden konnte – Tocotronic prägten eine eigene „Jugendbewegung“.

Ich glaube ich habe meine Unschuld verloren

Wie ging es weiter? Bis 1999, zum fünften Album, „KOOK“, und der Single „Let There Be Rock“, hatte sich noch nicht viel geändert. Im neuen Jahrtausend klangen Tocotronic dann plötzlich viel professioneller. 2002 erschien das von Tobias Levin sehr glatt und weiträumig produzierte ‚weiße Album‘ ohne Titel. Die Vorab-Single „This Boy Is Tocotronic“ offenbarte plötzlich eine Welt ohne Bier im Park, ohne verabscheute Kleinkunstvereine und ohne per Telefon vorgetragene Liebeslieder. Statt dessen brach „Alles um uns herum“ weg, hatte man „ein angenehmes Summen im Ohr“ und sah „Dinge die wir nicht verstehen“ am Horizont; „in einer Welt, deren Umriss uns gefällt“. In Internet-Foren reagierten einige Fans mit abgewandelten Text-Zitaten wie „Ich mag sie einfach nicht mehr so“.

Insgesamt hat sich der Entwicklungsschritt aber bezahlt gemacht. Im steigenden Alter sollte man vielleicht auch davon absehen, Teil einer Jugendbewegung sein zu wollen. Tocotronic wurden erwachsen, nahmen mit Rick MacPhail ein viertes Bandmitglied dazu und spielten mit Produzent Moses Schneider drei weitere Alben ein, die den Diskurs endgültig aus den Jugendtreffs zurück ins sozio-philosophische Seminar trugen. Und auch im Mainstream sind sie angekommen: Auf einer „Rhythms Del Mundo“-CD wird der Song „Kapitulation“ zwischen Juli und Silbermond als Salsa-Version weichgespült. 2010 steigt „Schall und Wahn“, die neunte Platte, auf Platz Eins der Albumcharts ein und wird als bisheriger Karriere-Höhepunkt in den Himmel gelobt.

Eine große Entwicklung, ein harter Bruch? Vielleicht, aber ist das nicht auch ein Spiegel des normalen, menschlichen Reifungsprozesses? Der Blick zurück zu Tocotronics Anfängen kann so auch ein Blick zurück in die eigene Jugend sein. Und der Blick auf Tocotronics Gegenwart macht Hoffnung, das man in seinem Leben durchaus etwas erreichen kann. Wenn die Idee gut ist, wird die Welt irgendwann bereit sein.



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