campusweb sucht den Traumstrand: 1992: An einem der wenigen sonnigen Tage, die der Sommer dem Norden Schottlands beschert, sollte sich Prägendes für mich ereignen. Zumindest etwas Denkwürdiges.
Kleine Jungen haben den ständigen Drang, Grenzen auszutesten und diese gelegentlich zu übertreten. Sango Sands, ein Strand nahe des schottischen Städtchens Durness, war wie geschaffen dafür, mein Glück zu strapazieren. Angetan hatte es mir gar nicht der Strand selbst, sondern vielmehr die -zumindest für mich damals- riesigen Felsen in der Bucht. Einige von ihnen lagen so weit draußen im Meer, dass ich sie nie hätte erreichen können. Andere wurden nur teilweise vom Wasser umspült oder waren von Sand umgeben. Ich wusste, was zu tun war: Schnurstracks flitzte ich auf den größten erreichbaren Felsen zu und suchte meinen Weg nach oben. Mit leichten Sommerschuhen war es alles andere als einfach, auf dem mitunter moosbewachsenen und glitschigen Stein Halt zu finden. Trotzdem gelang es mir, mich durch geschickte Wegfindung einige Meter nach oben zu arbeiten.
Hier oben war es noch weit windiger, als auf dem Sand ein Stück weiter unten. Die Sonne schien mir ins Gesicht, konnte mich allerdings trotzdem nicht wirklich wärmen. Wegen des Wetters fährt ohnehin niemand nach Schottland. Heute weiß ich, dass es vor allem die Abgeschiedenheit und Ruhe ist, die Sango Sands in Durness so interessant macht. Die wilde Unregelmäßigkeit der unberührten Natur lässt die Umgebung rau, aber nicht lebensfeindlich wirken. Der Schönheit der mich umgebenden Landschaft mit den sanften Hügeln im Hinterland und den sich an den Felsen brechenden Wellen schenkte ich damals allerdings wenig Aufmerksamkeit.
Mein Ziel dagegen lag weiter oben. Ich schaute hoch, formte die Hand zu einem Schirm über meinen Augen und blickte zu dem höchsten Punkt des Findlings, auf dem ich mich gerade befand. Ich fühlte mich dabei wie ein Bergsteiger, der sich kurz vor der bedeutendsten Besteigung aller Zeiten befand. Mein Atem ging ein wenig schneller, als meine Augen sich nach einem geeigneten Weg für die Überwindung der letzten Höhenmeter umschauten. Eine schmale Rampe führte am Rand des Felsens wie eine Spirale zum „Gipfel“. Ich machte mich auf, drückte mich an die Felswand und traute mich kaum, herunter zu schauen. Mein Weg war kaum breiter als meine Füße lang und ich hatte Angst, auszurutschen. Und das zu Recht: Auf halbem Weg verlor ich festen Stand und fiel vom Felsen.
Wie und wo ich gelandet bin, kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Der Schock saß so tief, dass ich es nur noch fertig brachte, zu weinen, bis mein Vater kam. Mehr als ein paar Schürfwunden hatte mir der Sturz, der mir später natürlich viel höher vorkam, als er eigentlich war, glücklicherweise nicht zugefügt. Trotzdem konnte ich nur wenig Zusammenhängendes von mir geben, sodass mein Vater ernstlich überlegte, wie er mir aus meinem traumatischen Zustand heraushelfen konnte. Er ging mit mir zurück zu unserem Auto auf den Campingplatz nebenan, drehte mir den Rücken zu und hantierte mit Flaschen. Ich hatte von all dem nichts mitbekommen und trank das Glas, das mein Vater mir reichte und den Inhalt als Medizin bezeichnete, in einem Zug aus.
Das Whisky-Wasser Gemisch verfehlte seine Wirkung nicht. Sofort war ich wieder in der Gegenwart. Meine Schwester fragte mich, was das für ein Getränk gewesen sei. Ich antwortete ihr, dass ich es nicht wüsste, es aber lecker geschmeckt habe. Auf diese Weise kam ich zum ersten Whisky meines Lebens. Der kleine Kletterunfall und mit ihm der Strand Sango Sands ist mir bis heute Glasklar im Kopf geblieben. Nach 1992 besuchte ich Sango Sands weitere vier Male. Auf den Felsen zu klettern, ist für mich zur Tradition geworden. Ich stürze nicht mehr ab, sondern kann mich auf den Scheitelpunkt des Felsens stellen und meinen Blick über die Bucht gen Norden richten. Das klare Wasser unter mir ist genauso kalt, wie der Wind in meinem Gesicht.