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campus-web: Herr Faber, bitte stellen Sie sich kurz vor. Mein Name ist Michael H. Faber. Ich bin promovierter Volkskundler, vertrete im LVR-Freilichtmuseum Kommern den Museumsleiter und bin für das Veranstaltungsprogramm des Museums zuständig. Sind Sie nostalgisch veranlagt? Jeden von uns packen ab und an die eigenen Erinnerungen. Ich lebe meinen Beruf aber deshalb so gerne, weil mich die Beschäftigung mit der Geschichte des Alltagslebens fasziniert. Kann man sagen, dass ein gewisser Grad an Nostalgie für eine Beschäftigung im und mit dem Rheinischen Freilichtmuseum Kommern notwendig ist? Nostalgie wäre genau fehl am Platze. Denn Aufgabe des Museums ist es, den Besucherinnen und Besuchern frühere Lebensverhältnisse so nahe zu bringen, wie sie wirklich waren. "Ländlicher Idylle" - wie sie die musealisierten Bauernhöfe leicht vermitteln, da die Menschen von früher mit all ihren Sorgen und Nöten schließlich fehlen - muss mit aufklärenden Inszenierungen und guten Informationen begegnet werden. In Ihren Worten: was ist das Besondere am Rheinischen Freilichtmuseum Kommern des Landschaftsverbandes Rheinland? Das LVR-Freilichtmuseum Kommern ist nicht nur ein Häusermuseum. Seit seiner Gründung vor 50 Jahren stand eine möglichst ganzheitliche Präsentation der früheren bäuerlichen Lebenswelt in den verschiedenen Teilregionen des Rheinlands - vom Niederrhein über die Eifel bis zum Hunsrück, vom Bergischen Land bis zum Westerwald - auf dem Programm: Das bedeutete zum Beispiel, die historischen Bauten in den Museumsbaugruppen einander so zuzuordnen, dass regionaltypische Siedlungsbilder entstanden. Es bedeutete auch, Hausgärten, Felder und Viehweiden in funktionaler Beziehung zu den Bauten anzulegen und zu bewirtschaften. Das Besondere im LVR-Freilichtmuseum Kommern ist aber auch seine "Lebendigkeit". So etwa gehen Akteurinnen und Akteure des Programms "Gespielte Geschichte" auf die Museumsgäste zu und versetzen sie in eine bestimmte sozial- oder wirtschaftshistorische Situation. Kommern versteht sich auch als "Ort der eigenen Erinnerung". Mit der großen Dauerausstellung "WirRheinländer" und auch dem begonnenen Aufbau einer weiteren, städtischen Baugruppe, verlässt das Museum nicht nur die ländliche Lebenswelt früherer Jahrhunderte, sondern rückt auch in die Zeitgeschichte vor: Die Besucherinnen und Besucher finden sich inzwischen auch im Nachkriegs-"Trizonesien", in der Wirtschaftswunderzeit und sogar in noch jüngeren Zeitschnitten wieder. Wie entstand die Idee, historische Gebäude in eine Museumslandschaft einzubetten? In den 1950er- und auch in den 1960er-Jahren war der ländliche Raum, sowohl was die bäuerliche Lebens- und Wirtschaftswelt als auch die Infrastruktur allgemein betraf, von einem gewaltigen Umbruch geprägt - verbunden mit der Aufgabe des Althergebrachten. Das Freilichtmuseum übernahm in dieser Zeit, in der auch der Denkmalschutz die ländlichen Bauten noch nicht erfasste, eine Rettungsfunktion: Es galt, für das Wohnen und Wirtschaften in einer bestimmten Zeit, Region und Schicht sowie typische Sachzeugnisse ein Refugium zu schaffen. Gibt es vergleichbare Museen in Deutschland? Deutschland hat die größte Dichte an Freilichtmuseen weltweit. Das LVR-Freilichtmuseum Kommern ist mit mehr als 90 Hektar Fläche das zweitgrößte Freilichtmuseum in Deutschland. Mit einem Bereich von mehreren tausend Quadratmetern für Indoor-Ausstellungen ist es das einzige, das auch Großausstellungen präsentiert. Welches Publikum möchten Sie ansprechen? Mit unserem Angebot sprechen wir ein sehr breites Publikum an. Dabei stellen wir fest, dass die demographischen Veränderungen in unserer Gesellschaft sich auch auf die Besucherstruktur auswirken: Es kommen immer mehr ältere Menschen zu uns. Sie bringen ihre Enkelkinder mit. Wenn wir diesen einen spannenden Ausflug in die Vergangenheit und dabei auch ein gutes Mitmachprogramm bieten, ein lebendiges Museum bieten, produzieren wir unsere Gäste von morgen. Und wir stellen fest, dass sich immer mehr junge Menschen, zwischen 20 und 30 Jahren, für Alltagskulturgeschichte interessieren. campus-web ist ein studentisches Magazin. Ist das Freilichtmuseum auch für Studenten ein Muss? Weshalb? Wer im Rheinland lebt oder selbst Rheinländerin oder Rheinländer ist, sollte sich schon für die rheinische Geschichte interessieren. Für ausländische Studentinnen und Studenten bietet das LVR-Freilichtmuseum die ideale Gelegenheit, rheinische Lebensart in ihrer historischen Dimension und auch rheinische Mentalität zu ergründen. Insbesondere die Ausstellung "WirRheinländer" mit ihren rund 50 Szenarien entlang einer 150 Meter langen "Geschichtsgasse" lädt zu einem spannenden Streifzug durch die jüngere rheinische Geschichte ein. Sie zeigt den Wandel städtischer Lebensverhältnisse von der Rheinlandbesetzung durch die Franzosen im Jahre 1794 bis zum Beginn der Wirtschaftswunderzeit. Durch Ihre vielseitigen Programmpunkte verteilen Sie Schwerpunkte: Bildung, Unterhaltung und Information ziehen an einem Strang. Hat sich dieses Konzept bewährt? Bildung muss Vergnügen bereiten. Ein Freilichtmuseum hat einen enormen Freizeit- und Rekreationswert. Durch die Natur zu spazieren und dabei Geschichtswissen aufzunehmen, zieht das Publikum an. So setzen wir auch bei unseren vielen Sonderveranstaltungen auf einen seriösen Mix von Bildung und Unterhaltung. Wer etwa zu Ostern den inzwischen legendären "Jahrmarkt anno dazumal" besucht, erhält auf Schritt und Tritt Informationen zur Geschichte des Schaustellerwesens und der öffentlichen Volksvergnügungen. So etwa steht neben jedem alten Karussell eine Informationstafel zur Geschichte des Fahrgeschäftstyps. Gestern und heute: was hat sich geändert? Hat das Museum neue Ziele und Konzepte? Das LVR-Freilichtmuseum Kommern hat sich im Laufe seiner eigenen Geschichte vom eher objektorientierten Museum zum Menschen-Museum entwickelt. Die Objekte stehen nicht als Geschichtszeugnisse für sich, sondern dienen dazu, Lebensbedingungen und deren Veränderungen unter politischem, wirtschaftlichem, gesellschaftlichen und kulturellen Einfluss zu erhellen und mit dem Leben der Menschen von heute in Beziehung zu setzen. Ohne bewährte Konzepte aufzugeben, muss sich ein Museum stets auch neue Ziele setzen. Eines dieser Ziele ist es in Kommern, die Bevölkerung noch stärker als bislang in die Aufarbeitung und Dokumentation der Alltagsgeschichte einzubeziehen, zum Beispiel durch Zeitzeugenerhebungen für die Darstellung der jüngeren Vergangenheit. Und wir müssen der Gesellschaft Anworten auf die Fragen in Zusammenhang mit ihrem Alltagsleben geben, die sie bewegen. Migration, Kulturkontakt, Kulturkonflikt, Integration, Ausgrenzung. All dies sind gesellschaftliche Phänomene, die sich wie ein roter Faden durch die ganze rheinische Geschichte ziehen. Hier setzen wir an. Worin besteht der Reiz bei den Besuchern? In die "Geschichte von unten" und dabei in die eigene Vorgeschichte einzutauchen, vielleicht Kindheitserinnerungen wecken zu lassen, ist spannend und kann zur eigenen Identitätsfindung beitragen. Haben Sie Befürchtungen, dass der moderne Schüler und Student kein Interesse mehr an der deutschen Geschichte und am Leben auf dem Bauernhof mehr hegen wird? Gerade die Komplexität und der rasche Wandel unserer Lebensverhältnisse, nicht zuletzt auch unsere von Globalisierung geprägte Lebenssituation weckt das Bedürfnis, das Überschaubare wiederzuentdecken, und auch die Region. Über die Beschäftigung mit der Geschichte des Alltags - dies stellen wir bei jungen Menschen fest - wird Interesse an der "Geschichte von oben" geweckt. Beides steht ja in wechselseitigem Zusammenhang. Und was dies betrifft, ist das Museum eine notwendige Ergänzung zum schulischen Geschichtsunterricht und auch zum Studium gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Fächer. Beim Jubiläumsfest im Jahre 2008 meinte eine Besucherin zu einem Museumsmitarbeiter in einem der Häuser geboren worden zu sein. Erleben Sie häufiger solche besonderen Momente? Das sind natürlich Highlights im Berufsleben des Museumsmenschen, zumal "Zeugen" der inzwischen vor 50 Jahren translozierten Gebäude aussterben. Von daher sind solche Begegnungen immer seltener geworden. Jeder Kontakt mit einem "Objekt-Zeugen" wird zum Anlass für Nachrecherchen genommen, in deren Zusammenhang Interviews geführt und private Fotos und Dokumente gesichtet werden. Was erwartet die Besucher im Jahr 2010? "Migration" ist das Jahresthema 2010 des LVR-Freilichtmuseums Kommern. Hierzu wird es in Zusammenhang mit dem LWL-Freilichtmuseum Detmold ab Mai eine Sonderausstellung geben, bei der "Kulturtransfer" im Mittelpunkt steht. Ein Sonderprogramm mit Filmvorführungen und auch Mitmachaktionen begleitet die Ausstellung. Ferner wird mit dem Aufbau der fünften, städtischen Museumsbaugruppe begonnen; eine "Nissenhütte" als Beispiel für eine Notunterkunft nach dem Krieg wird darin wiedererrichtet, und auch der Wiederaufbau einer Kneipe aus den 1960er-Jahren startet. Im August wird eine Großveranstaltung unter dem Motto "ZeitBlende 1960" an das erinnern, was vor 50 Jahren los war im Rheinland und in der Welt. Das sehr umfangreiche Jahresprogramm ist unter LVR-Freilichtmuseum Kommern nachzulesen. Vielen Dank, Herr Faber!
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