"Homophobia kills" - Anti-Papst-Demo in Berlin 2011
   
Der Staat Indien, mit etwa 1.21 Milliarden Einwohnern gehrt zu Sdasien, eine der rmsten Regionen der Welt, mit ber 20% der Weltbevlkerung. Die indische Gesellschaft gilt als ausgesprochen prde. Sexualitt wird in Indien stark tabuisiert und ist vor dem Heiraten streng verboten. ber Sexualitt wird in Indien kaum gesprochen. Hndchenhalten und ffentliches Kssen ist in der ffentlichkeit selbst fr Ehepartner ein Tabu. Besonders Frauen machen vor der Heirat oft keine sexuellen Erfahrungen und erleben Sexualitt spter oft als lstige Angelegenheit. Heute ist in Indien die asketische Tradition der absoluten Kontrolle der Sexualitt dominant, whrend im Mittelalter die erotische Tradition des Kamasutra dominant gewesen sein soll. Die asketischen und zlibatren Ideale des Hinduismus oder die viktorianische Sexualmoral der britischen Kolonialherren werden wahlweise von Soziologen fr konservative Moralvorstellungen verantwortlich gemacht.

Zwangsehen und tabuisierte Sexualitt

Auch heute bevorzugen immer noch circa 80 Prozent der jungen Leute arrangierten Ehen statt Liebesehen, so der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar 2006 bei einem Stern-Gesprch auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Viertel der indischen Gesellschaft lebt in den indischen Metropolen. In stdtischen Slums gibt es fr eine Privatsphre wenig Freiraum. Vielkpfige Familien teilen sich meist nur ein bis zwei Zimmer. Auch wirtschaftliche Not ist ein Grund fr fehlende Intimitt und Keuschheit.
Oft sieht man in Indien Mnner, die in der ffentlichkeit Hndchen halten. Das steht fr Freundschaft und Zuneigung und darf auf keinen Fall homosexuell ausgelegt werden. Auch die krperliche Distanz zwischen zwei mnnlichen Gesprchspartnern ist kleiner. Whrend des Gesprchs den Arm des anderen zu streicheln, ist gngiger. Das Hndchenhalten ist eine Entwicklung davon, so Sudhir Kakar, Autor vieler Bcher ber die indische Gesellschaft und Kultur.

Achtzig Prozent der schwulen Mnner sind verheiratet

Gleichgeschlechtliche Paare haben meistens gar nicht erst den Mut, sich zu ihrer Liebe zu bekennen. Statistiken zufolge leben in Indien ber 50 Millionen Schwule. Achtzig Prozent der schwulen Mnner sind verheiratet. Sie fhren ein Doppelleben um den Schein zu wahren. Selbst in Neu Delhi stehen ganz wenige Frauen und Mnner offen zu ihrer Homosexualitt. Schlicht unmglich ist ein Coming Out in lndlichen Gebieten. Mit einem Outing frchten viele Homosexuelle auch, ihre Familien blozustellen und einhergehende gesellschaftliche Diskriminierung fr ihre Familien. Es sei viel besser, ein Doppelleben zu fhren, als das Leben der ganzen Familie zu zerstren, argumentieren sie. Aufgrund der fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz besteht fr Mnner eine hohe Nachfrage nach Strichern. Ashok Row Kavi, einer der ersten LBST-Aktivisten, meint, dass sich etwa 46 Millionen junge Mnner in Indien prostituieren. Hunderttausende von Homosexuellen und Strichern starben in den letzten Jahrzehnten an Aids, weil sie keinen Zugang zu Hilfe, Information und medizinischer Versorgung hatten. Die Section 377 im indischen Strafgesetzbuch verbietet den Sex wider der natrlichen Ordnung mit der Annahme, dass Sex lediglich zum Kinderzeugen dient. Alle Arten von Geschlechtsverkehr auer Vaginalverkehr sind strafbar. Homosexuelle, Transgender, Kotis, Hijras, Prostituierte und Andere werden unter Androhung des Paragraphen ausgeraubt, vergewaltigt und unterdrckt. Der Paragraph findet keine Anwendung auf lesbische Paare, weil Section 377 fr den Sexualakt den Einsatz eines Penis vorsieht. Die Nichtbeachtung von lesbischen Lebensweisen ist in Indien hchst problematisch.

Haftstrafen von bis zu zehn Jahren

Erst 2009 schaffte der Oberste Gerichtshof in Neu Delhi ein Gesetz ab, das fr schwule Handlungen eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren vorsah. Im Februar diesen Jahres fand am obersten Gerichtshof in Neu Delhi die letzte Lesung und das finale Urteil zur Entkriminalisierung von mnnlicher Homosexualitt als Przedenzfall fr die anderen Bundesstaaten statt. Dieses Thema lst im Vorfeld eine gesellschaftliche Kontroverse aus. Nicht nur religise Fhrer protestieren nachhaltig gegen das Urteil. Auch fhrende indische Politiker erklren, dass die illegalen und unmoralischen Handlungen von Homosexualitt gegen das Ethos der indischen Kultur seien. Der indische Gesundheits- und Familienminister Ghulam Nabi Azad meinte am 04.07.2011 whrend einer Pressekonferenz in Neu Delhi: Unfortunately, there is this disease in the world and in this country where men are having sex with other men, which is completely unnatural and shouldnt happen, but it does. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge fhre diese ffentliche Stigmatisierung eines Regierungsmitglieds dazu, dass schwule Mnner seltener einen HIV-Test durchfhren lieen oder eine Behandlung in Anspruch nehmen wrden. Fr viele ist Homosexualitt als Lebensentwurf in Indien nicht denkbar. Indiens berhmtester Yogaguru, Swami Ramdev, meint sogar: Homosexualitt sei eine genetische Krankheit.

Stigmatisierung und fehlende Rechte

Selbst wenn der Paragraf 377 abgeschafft wird, mssen Homosexuelle gegen das gesellschaftliche Stigma und die Diskriminierung ankmpfen. Die Stigmatisierung gleichgeschlechtlicher Liebe werde durch einen positiven Entscheid des Supreme Court nicht aufhren, gibt eine lesbische Aktivistin in Mumbai zu bedenken.
Ashok Row Kavi, ein bekannter Journalist, sorgte 1986 mit seinem Comingout fr groe Aufmerksamkeit in den indischen Medien. Bis heute ist er einer von ganz wenigen, die ffentlich zu ihrem Schwulsein stehen und sich fr die Rechte der Homosexuellen einsetzen. Er hat unter anderem in Mumbai die erste LBST-Hilfsorganisation, den Humsafar Trust gegrndet. Aktivisten sehen sich Drohanrufen, Hetzkampagnen und Schmhbriefen ausgesetzt. Kneipen, die seit Jahren heimliche Partys fr Schwule und Lesben organisieren, gibt es wenige. In Mumbai und in Delhi werden heute zwar wie in westlichen Grostdten Gay-Paraden durchgefhrt, doch die Teilnehmerzahl ist gering. Es gibt in Indien kein Antidiskriminierungsgesetz und fr Homosexuelle keine Mglichkeit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Teil 2 - Das dritte Geschlecht

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