Schaffner mit weißen Handschuhen schieben Menschenmassen in Tokios U-Bahnen, bis jeder einzelne sich kaum noch um die eigene Achse drehen kann. Um sich vor dem Smog zu schützen - und im Erkältungsfall auch aus Rücksicht auf andere – eilen viele Japaner mit Mundschutz durch die Straßen der Metropole. Straßenschuhe werden an der Schwelle zu den Wohnräumen abgestreift und auf dem stillen Örtchen ist die Klobrille schon einmal vorgewärmt - der Alltag folgt im Land der aufgehenden Sonne anderen Gesetzmäßigkeiten als hierzulande, so viel ist sicher. Doch wie anders ist das Miteinander und welche Fettnäpfchen gilt es für Besucher zu umgehen?

„Neugierig auf Japan“, das war Martin Stanzeleit einstmals und schafft es, auch die Leser seines gleichnamigen Werkes in eine erwartungsvolle Haltung zu versetzen. Mit viel Humor beschreibt der mitunter selbstironische Autor, der sich durch eine herausragende Beobachtungsgabe auszeichnet, in 38 kurzweiligen Kapiteln die Höhen und Tiefen seines Lebens in Nippon und zieht immer wieder Parallelen zum Alltag in Deutschland. Egal ob kulinarische Experimente, das Ringen mit den unbekannten Schriftzeichen oder die „48 Arten, den Müll zu trennen“ - Stanzeleit beleuchtet den auf Deutsche oft fremd wirkenden japanischen Alltag aus unterschiedlichsten Perspektiven und spart dabei auch die „Krone japanischer Städteverunstaltung“, die allgegenwärtigen Spielcasinos bzw. Pachinko-Hallen nicht aus.

Geschickt verbindet er eine Fülle an persönlichen Eindrücken, amüsanten Anekdoten und stichhaltigen Fakten. Wer hätte schon gewusst, dass in Japan die Verkehrsampeln quer angebracht sind und japanische Großstädte derart mit Leuchtreklamen überzogen sind, dass sie zu den hellsten Flecken Erde der Welt zählen? Und schlussendlich eilt Nippon nicht umsonst der Ruf voraus, sich in einem permanenten, rasanten Wandel zu befinden. Der aufmerksame Leser wird von Stanzeleit in das architektonische „Bauklötzchenprinzip“ eingeführt, demnach baufällige Hütten Betonkathedralen weichen, und erfährt auf der nächsten Seite, dass Mehrfamilienhäusern meist nur eine Lebensdauer von höchstens 30 Jahren attestiert wird.

Von skurrilen bis hin zu lebensnotwendigen Informationen gibt der Autor alles über die Eigentümlichkeiten der Japaner preis, was ihm während seiner jahrelangen Auslandsaufenthalte widerfahren ist, und spart auch nicht an persönlichen Erkenntnissen. So weiß er über die Opera City in Tokio zu berichten, dass „der Spielplan immerhin so prall gefüllt ist, dass es fast egal ist, wohin Sie sich verirren – irgendetwas ist immer los“ und wettert über die Straßenverhältnisse: „Sisyphus hatte es leichter als ein Autofahrer auf einer japanischen Bergstraße“. Am Ende des Werkes angekommen, ist der Leser erstaunt, wie viel er über das vermeintlich rätselhafte Land erfahren hat.

Auch Martin Lutterjohann hat einige Jahre auf dem Vulkanarchipel verbracht, wählt aber mit seinem „KulturSchock Japan“ einen völlig anderen Ansatz. Während Stanzeleit salopp von einem Thema zum nächsten springt und den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Reise nimmt, kommt Lutterjohanns Werk eher wie ein bis ins letzte Detail durchdachter Knigge daher. Schnell erinnern die zahlreichen Anweisungen zum korrekten Verhalten an ein trockenes Lehrwerk: So heißt es im Eingangskapitel über die Begrüßung und Vorstellung beispielsweise „Bei formellen Anlässen und der ersten Begegnung (des Tages) gilt die formelle Verbeugung (Oberkörper ca. 30° abknicken, 3 Sek. Halten), ansonsten die informelle (Oberkörper ca. 15° abknicken, 1-2 Sek. halten).“

In ähnlichem Stil berichtet der Autor Kapitel für Kapitel über die auf uns fremd wirkende Mentalität und beschreibt unter anderem die Dos und Don´ts, die für Gäste in einem japanischen Haus gelten, oder die es bei der Rolle der Geschlechter im Hinterkopf zu behalten gilt. Das fiktiven Paar Renate und Wolfgang, das Japan erstmals bereist und kein Fettnäpfchen auslässt, zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk. „Ihre Erlebnisse sind nicht typisch, aber immerhin möglich, dabei im Grunde ganz unspektakulär.“ Doch vieles von dem, was auf uns unspektakulär wirkt und nicht der Rede wert zu sein scheint, hat im fremden Kulturkreis eine völlig andere Bedeutung. Selbstverständlichkeiten wie das Nase-Schnäuzen werden in Japan schnell zu unverzeihlichen Fauxpas, vor denen Lutterjohann einen mit seinem umfangreichen und gleichzeitig kompakten Regelwerk zu schützen versucht.

„Das alltägliche Leben und zwischenmenschliche Beziehungen basieren in Japan auf einem komplexen Reglement, das für uns eine Selbstverständlichkeit darstellt, für ausländische Besucher aber oftmals nur in Ansätzen zu begreifen ist.“ erklärt die japanische Fremdenführerin Michiko Takahashi. Auch das moderne Japan ist noch geprägt von Sitten und Umgangsformen aus der Zeit der Shogun und so beschreibt Lutterjohann in seinem Werk nicht nur die Verhaltensregeln, die jeder beherzigen sollte, sondern erläutert auch deren Hintergründe.

Besonders hilfreich ist es, dass relevante Schlagworte in den einzelnen Kapiteln fett markiert sind – so hat der Leser die Möglichkeit, schnell etwas nachzuschlagen. Die zahlreichen japanischen Begriffe samt Übersetzung, die durchweg in den Text eingestreut sind, werden beim chronologischen Lesen sicherlich nur überflogen, aber wenn es um ein gezieltes Nachschlagen geht, ist es ganz hilfreich, bereits die entsprechende Vokabel vorzufinden. Stets auf die Zweckmäßigkeit seines Buches bedacht, listet der Autor an separater Stelle in farbigen Kästen beispielsweise nützliche Ausdrücke, wichtige Adressen oder aber auch die japanische Bürohierarchie auf.

Der gerade einmal drei Seiten umfassende Anhang ist nicht wirklich umfangreich, gibt dem interessierten Leser aber mit seinen weiterführenden Literatur-Tipps und der Internetadressen-Sammlung zumindest die Möglichkeit, sich mit dem Thema „Japan“ weiter zu beschäftigen.

Fazit:
Während „KulturSchock Japan“ mit seinen konkreten Anweisungen tendenziell eher als Ratgeber für jene zu verstehen ist, die dem Land der aufgehenden Sonne einen Besuch abstatten und sich auf die Reise entsprechend vorbereiten möchten, verspricht „Neugierig auf Japan“ ein unterhaltsames Leseerlebnis für all jene, die ein wenig Fernweh schnuppern und sich von der Andersartigkeit der japanischen Kultur faszinieren lassen möchten.

Das 201-seitige Taschenbuch „Neugierig auf Japan“ von Martin Stanzeleit ist bereits in der zweiten Auflage im Wiesenburg Verlag erschienen. Das Werk mit der ISBN-13 978-3937101897 ist für 14,95 Euro im Buchhandel zu erwerben. Zum gleichen Preis wird das Taschenbuch „KulturSchock Japan“ von Martin Lutterjohann angeboten, das mit seinen 240 Seiten etwas ausführlicher ist. Bereits in der 8. Auflage im Reise Know-How Verlag Rump erschienen, trägt das Werk die ISBN-13: 978-3831716241.

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