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Reisen in fremde Lnder erweitern den eigenen Horizont. Fr die Unannehmlichkeiten des Reisens entschdigen die Erfahrungen, die man macht, wenn man Neuland betritt. Auch Zuhausegebliebene lassen sich oftmals gerne neugierig ber Erlebnisse und Abenteuer in fernen Kulturen berichten. Doch wie plaudert man ber exotische Lnder, die man gar nicht besucht hat? Wie trumpft man auf Partys mit Reiseerlebnissen auf, die frei erfunden sind? Fr das entspannte Sprechen ber nie besuchte Orte zieht Pierre Bayard in seiner essayhaften Typologie zwlf bekannte Vorbilder heran. Neben Beispielen wie Karl May, der Winnetous Wilden Westen nie betreten hat, oder Margaret Mead, deren wissenschaftliche Berichte ber das Sexualleben auf den Samoainseln weitgehend fiktiv sind, untersucht der Pariser Literaturprofessor und Psychoanalytiker auch berhmte Romanfiguren, Journalisten und Philosophen, die munter ber Reiseerlebnisse aus zweiter Hand schwadronieren. Sein kurzweiliges Pldoyer fr den sesshaften Reisenden gliedert sich in die Abschnitte Arten des Nichtreisens, Gesprchssituationen und Empfohlene Haltungen. Bayard ist sichtlich um einen unterhaltsamen und zugleich wissenschaftlichen Zugang zu den herangezogenen Beispielen bemht, ergeht sich jedoch oftmals allzu sehr in der Psychoanalyse und verwirrt durch widersprchliche Formeln. Er arbeitet mit zahlreichen Zitaten aus den untersuchten Werken, Funoten, Krzeln und einem Glossar.

Zwischen Reise und Nichtreise

Bayard entlarvt die Kenntnisse Marco Polos (1254-1324), der fr seine ausgedehnten Auslandsreisen, insbesondere nach China, Weltruhm erlangte, als nur rudimentr, wenn er auf Ungereimtheiten in geschilderten Details und groe Lcken verweist. So erwhnt der Venezianer etwa in keiner seiner Aufzeichnungen ber das asiatische Mittelalter die Chinesische Mauer. Bayard lobt die Einbildungskraft Marco Polos, wenn er vermutet, dass die meisten geschilderten Reisen real nie stattgefunden haben. In einem anderen Kapitel betrachtet Bayard die Romanfigur Phileas Fogg aus Jules Vernes Reise um die Erde in 80 Tagen (1873). Phileas Fogg verweigert sich auf einer Weltreise jeder Form von Tourismus. Er mchte sich in der fr die Reise knapp terminierten Zeit von fremdlndischen Reizen nicht absorbieren lassen. Wenn Foggs Diener als seine Informanten Erfahrungen in fremden Lndern machen, die Entscheidungen erfordern, urteilt Fogg ohne seine Kabine zu verlassen aufgrund der ihm eigenen Imaginations- und Reflexionskraft. Foggs Interesse dafr, den berblick zu behalten lobt Bayard als im Einklang mit Sigmund Freuds Empfehlung zur sogenannten schwebenden Aufmerksamkeit fr Psychoanalytiker, bei der stets auch dem Unbewussten der ntige Raum gegeben wird.

Der sesshafte Reisende
Pierre Bayard Wie man ber Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist

Verlag: Antje Kunstmann
Genre: Wissenschaftliches
Erschienen: Mrz 2013
bersetzung: Lis Knzli
ISBN: 9783888978258
Bindung: Hardcover
Seiten: 215
Preis: 18,95
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Die franzsischen Schriftsteller douard Glissant und Francois Ren de Chateaubriand schreiben Reiseberichte mit ausdrucksstarken und poetischen Bildern, ohne selber vor Ort gewesen zu sein. Um trotzdem die realen Vor-Ort-Gegebenheiten zu bercksichtigen, greifen sie auf Vorgngerquellen oder ausgewhlte Informanten zurck. Bayard begreift ihr Beispiel als eine Form der Unreise, die fr die Wahrnehmung der Orte jedoch gerechtfertigt und ntig sei. Denn nur so knnten sie bei den Orten ber ihre faktische Realitt hinaus ihre universelle Tragweite zur Geltung bringen. Bayard lobt den Verzicht auf eine Beherrschung des unbekannten Ortes durch so etwas wie einen tatschlichen Besuch als wertvoll fr einen umfassenderen schpferischen Prozess. Auch das Beispiel Jayson Blair untersucht Bayard mit einem philosophischen und psychoanalytischen Ansatz. Blair verhlt sich Bayard zufolge sogar als wahrer Schriftsteller, wenn er bei seinen zahlreichen Artikeln fr die New York Times auf eine Vor-Ort-Recherche verzichtet, dadurch jedoch die Grundregeln und die Moral des Journalismus verletzt. Bayard veranschaulicht am Beispiel Blairs, dass sich die eigene psychische Prsenz oftmals nicht mit der physischen Prsenz deckt. Aus der Distanz durch ausfhrliche Recherche fr Artikel plagiierte und frei erfundene Details erzeugen keine Buchstabentreue zur Wirklichkeit, vielmehr eine literarische Wahrheit, so Bayard. In weiteren Kapiteln beschftigt sich Bayard unter anderem mit einer Sportlerin, die ihren Dauerlauf durch eine Bahnfahrt abkrzt und mit einem Vater, der seiner Familie die eigene Arbeitslosigkeit ber einen lngeren Zeitraum hinweg verheimlicht.

Unbekannte, berflogene, erwhnte und vergessene Orte

Leider wirken einige von Bayards Lesarten berholt, wenn er etwa bei seinen Betrachtungen wiederholt die Psychoanalyse Freuds bemht und fr Nina Berberovas Das schwarze bel (1993) die dipal-familiale Urszene Freuds als Vergleich heranzieht oder bei der Untersuchung von George Psalmanazars Formosa (1704) von einer Kompromissbildung im Freudschen Sinne spricht, welche einem Traum oder Wahn vergleichbar sei. Manchmal sind Bayards Beschreibungen der untersuchten Werke und Autoren auch schlichtweg falsch, so erwirbt etwa Karl May 1896 selber kein Brentter-Gewehr, wie Bayard in seinen sffisanten und gestelzten Ausfhrungen ber May behauptet. Karl May erwirbt jedoch 1902 ein Henrystutzen-Gewehr, das auch zur Ausstattung von unter anderem seiner Figur Old Shatterhand zhlt. Im Groen und Ganzen regt Bayard jedoch dazu an darber nachzudenken, dass man es beim Reisen nie mit irgendwelchen hypothetischen realen Orten zu tun hat, sondern mit beliebigen, subjektiven, einem unerschpflichen Reprsentationsganzen entnommenen Bildern. Deshalb geht es bei extensiven und poetischen Reisebeschreibungen auch darum fantasievoll ein imaginres Land, einen atopischen literarischen Raum fernab realer geografischer Bezugspunkte zu finden.

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