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In Marrakesch einreisende Touristen werden heute vom Auswrtigen Amt vor Anschlgen von islamistisch motivierten Terroristen gewarnt. Am 28. April 2011 machte ein Terroranschlag im Touristenzentrum von besagter Provinz im Sdwesten Marokkos Schlagzeilen. Im Caf Argana am belebten Marktplatz Djemaa EL Fna starben um die Mittagszeit 17 Menschen. Die Regierung im nordafrikanischen Knigreich hat seitdem die Sicherheitsmanahmen grundlegend verstrkt. Solche Warnungen erschttern romantische Assoziationen, welche etwa die kongeniale Verfilmung des Romans Marrakesch (1991) von Sigmund Freud-Urenkelin Esther Freud, vom touristischen Leben in Marrakesch schafft. Doch auch Die Stimmen von Marrakesch, die Reiseaufzeichnungen von Elias Canetti aus dem Jahre 1968 haben nichts von ihrer poetischen Kraft verloren. Sie geben ein stimmungsvolles Portrt der Stadt zur Zeit der 50er Jahre. In vierzehn kurzen Episoden verarbeitet Canetti mit lebendiger Sprache seine Eindrcke von der Mentalitt und der Kultur der Millionenmetropole. Der Literaturnobelpreistrger beobachtet aufmerksam das alltgliche Treiben und die Armut etwa auf dem Marktplatz Djemaa EL Fna. Seine Aufzeichnungen zeugen auch von den geschichtlichen Vernderungen Marrakeschs. So wird zum Beispiel das von Canetti beschriebene traditionelle jdische Viertel Mellah heute berwiegend von Moslems bewohnt.

Die Macht des Erzhlens
Elias Canetti Die Stimmen von Marrakesch. Aufzeichnungen nach einer Reise

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
Genre: Reiseaufzeichnungen
Erschienen: 31. Auflage, Januar 2012 (Original: 1968)
ISBN: 9783596221035
Bindung: Taschenbuch
Seiten: 96
Preis: 6,95
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Auf Reisen nimmt man alles hin, die Emprung bleibt zu Haus. Man schaut, man hrt, man ist ber das Furchtbarste begeistert, weil es neu ist. Gute Reisende sind herzlos, diese Worte findet Canetti fr einen idealen Touristen. Immer wieder werden seine Beobachtungen wie etwa vom kargen, jdischen Friedhof in der Mellah von existentiellen Gedanken begleitet. Ich trume von einem Mann, der die Sprachen der Erde verlernt, bis er in keinem Lande mehr versteht, was gesagt wird. Was ist in der Sprache? Was versteckt sie? Was nimmt sie einem weg? Canetti eignet sich in den Wochen, die er in Marokko verbringt, weder Vokabular des Arabischen noch von einer der Berbersprachen an, weil er ganz offen fr eine Kraft der fremdartigen Rufe sein mchte. Er lauscht ebenso dem Bittgesang blinder Bettler wie den Schmerzensschreien misshandelter Kamele auf dem Weg zum Schlachthof. Neugierig lsst er sich auf eine ihm fremde Kultur ein und beobachtet aufmerksam das alltgliche Leben der Bewohner. Seine Eindrcke sind stets sehr persnlich. ber den Handel in den Suks, wo die Waren in den kleinen Lden keinen festgelegten Preis haben, schreibt der Erzhler Canetti: Es ist erwnscht, da das Hin und Her der Unterhandlungen eine kleine, gehaltreiche Ewigkeit dauert. Der promovierte Philosoph rhmt die Umsichtigkeit der Warenverkufer als wrdevoll. Er fhlt sich dem Platz der Mellah in besonderer Weise verbunden. Auch fr den mhevollen Alltag der in Armut lebenden Menschen findet er anerkennende Worte. Wenn ihn die Bettler eng umringen, huldigen und jede Stelle seines Krpers segnen, ist er von dem Erlebnis ergriffen: Ich fhlte, wie verfhrerisch es sein kann, sich fr Menschen lebenden Leibes zerstckeln zu lassen. Dieses furchtbare Ma von Verehrung scheint das Opfer wert, und wie sollte es nicht Wunder stiften.

Authentische Eindrcke poetisch in Worte gefasst

Trotz der unvoreingenommenen Anteilnahme und dem lebendigen Austausch mit den Einwohnern Marakeschs, zgelt Canetti seine Neugier, gerade wenn diese schne Frauen erwecken. Er lsst die Eindrcke einwirken, ohne seine Gegenber oder das Geschehen zu sehr an sich heranzulassen. Mit den Menschen, die ihm gefallen und ihn beeindrucken, fngt er keinen wirklichen Austausch an, auch weil er sie aufgrund der kulturellen Unterschiede nicht enttuschen mchte. Obwohl er den Vor-Ort-Begegnungen liebevoll zugewandt ist, bemerkt man auch arrogante Wesenszge des Erzhlers. So nennt er in der Episode Die Familie Dahan wiederholt seinen aufdringlichen Begleiter lie Dahan, der ihn durch Marrakesch fhren mchte, einen dummen Menschen: Aber er hatte beschlossen, sich mir ntzlich zu erweisen, und die Entschlossenheit eines dummen Menschen ist unerschtterlich. Da sich der Erzhler auf diese Weise immer wieder von dem Geschehen und den ihm umgebenden Einwohnern der Stadt abgrenzt, kann man sich als Leser gut in seine Perspektive einfhlen. Man erfhrt Marrakesch aus einem sehr persnlichen Blickwinkel und macht sich beim Lesen auch eigene Gedanken, weil vieles offen gehalten wird. Mit seiner poetischen Sprache schafft es Canetti auf eindrucksvolle Weise ein lebendiges Bild Marakeschs in den 50er Jahren zu vermitteln. Seine reichhaltigen persnlichen Anekdoten und Geschichten schaffen es dann auch trotz Terrorwarnungen wieder in das Land der Mrkte und Palste, der Berber und orientalischen Mrchen zu locken.

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