Aufgrund des weltweit zugnglichen Internets ist der Konkurrenzdruck unter Journalisten enorm gestiegen. Zeitungen greifen zu immer drastischeren Mitteln, um ihre Auflagen verkaufen zu knnen. Um tagesaktuell oder erste zu sein, verffentlichen Journalisten taufrische Informationen oft zu frh. Sie gefhrden damit ihre eigene berufliche Existenz und oft auch ihre Quellen. Beispielhaft fr den Druck, den das unstrukturiertere Internet auf anerkannte Medien ausbt, ist der Erfolg der Enthllungsplattform Wikileaks. Die Brisanz der seit 2006 enthllten Informationen wurde erkannt. Renommierte Medien zitieren Angaben von Wikileaks. Die Plattform sorgt jedoch auch dafr, dass die Verantwortung von Medien diskutiert wird. Denn die unkontrollierte Verffentlichung geheimer US-Depeschen gefhrdet unschuldige Menschen, da Namen von Informanten verraten werden. Die USA verfolgt auch aus diesem Grunde Wikileaks-Netzaktivisten als Staatsfeinde. Dieser Druck stiftet unter den Wikileaks-Verantwortlichen Unfrieden. Gegenseitige Schuldvorwrfe wurden ffentlich. Ein Skandal entsteht, weil andere enthllt werden. Auch das meistzitierte deutsche Medium Der Spiegel bt sich im Skandaljournalismus.

Verquickung von Katastrophen mit Sex

Die Spiegel-Titelstory ber die Havarie der Costa Concordia zeigt ein Foto der Moldawierin Domnica C. Das Nachrichtenmagazin berichtet, die 25jhrige und der 52jhrige Schiffskapitn Schettino htten laut Zeugenaussagen vor der Kollision eng miteinander getanzt. Taucher sollen in seiner Kabine spter einen Bikini der Blondine gefunden haben. Weitere Artikel ber Domnica C. erscheinen im Spiegel, die ihre seltsame und rtselhafte Rolle bei der Katastrophe betonen. Sie liebt den Kapitn lautet die berschrift eines Berichts. Im Untertitel des Portrts wird ihr voller Name verraten: Domnica Cemortan. Google listet mittlerweile ber 600.000 Eintrge unter diesem Namen. Ein Interview mit einem TV-Sender wird verlinkt, in dem Cemortan den Schiffskapitn verteidigt. Cemortan wird Opfer einer Hetzjagd. Nur sechs Tage spter revidiert der Spiegel seine Behauptung vom Bekenntnis der jungen Frau. Sie selber wird zitiert: Ich habe nie gesagt, ich liebe Schettino!

Das Mdchen und der Tod

Durch das Unglck mit ber 32 Toten erlangt Cemortan zweifelhaften Ruhm. Das Gercht, sie sei als Geliebte des Kapitns mglicherweise mitverantwortlich fr das Unglck, gefhrdet die Zeugin. Es ist piettlos, wie auf ihren Kosten die skandalse Katastrophe der ffentlichkeit schmackhaft gemacht wird. Attraktive Frauen sind oft Opfer des Medieninteresses. Charlotte Roche kann ein Lied davon singen. Bei Schogebete-Lesungen drckt sie ihre Bestrzung darber aus, dass die bekannte Feministin Schwarzer heute fr die Bild wirbt. Von der Bild sei sie einst erpresst worden. Familienmitglieder verunglckten 2001 bei einem Autounfall auf den Weg zu Roches Hochzeit. Drei Brder starben. Einige Tage spter soll Roche mit ihrem Freund lchelnd fotografiert worden sein. Ein Bild-Reporter ntigte sie angeblich zu einem Exklusivinterview. Andernfalls wolle er das Foto verffentlichen. Der Untertitel sollte lauten: So trauert Charlotte Roche um ihre Brder. Roche machte die Erpressung ffentlich. Sie gebe bis heute keinem Axel Springer-Medium Interviews, betont sie. Die Beispiele zeigen an, dass Journalisten Quellen und Informationen sensibel behandeln mssen, damit Menschen nicht in ihrem Leid vorgefhrt und Informanten existentiell gefhrdet werden.

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