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Während Bülent im Philosophikum sitzt und erzählt, laufen die Studenten im Hintergrund mit Kaffee in der Hand zu ihren nächsten Vorlesungen. Für den 34-Jährigen, der seit kurzem nicht mehr Student ist, sah der Uni-Alltag ein wenig anders aus. Bülent sitzt im Rollstuhl, seine Arme und Beine sind von Geburt an gelähmt. Aufgrund der Krankheit, die man als Tetraspastik bezeichnet, wird er rund um die Uhr bei seinem Tagesablauf unterstützt. Zehn „Assistenten“, wie Bülent sie nennt, haben ihn während seiner Uni-Zeit begleitet und sind auch jetzt noch für ihn zuständig. Der 25-jährige Ender ist einer von ihnen, der sich durch den Assistenten-Job sein Studium finanziert und sich mittlerweile auch mit Bülent angefreundet hat. Für campus-web blickt Bülent zurück auf seine Zeit als Jura-Student – sowohl an der Uni Köln als auch an der Uni Bochum. Letztere gelte als die Uni Deutschlands, die das Prädikat „behindertengerechte Uni“ am meisten verdiene, meint er. Aber wie schneidet die Kölner Uni aus seiner Sicht ab? Und wie erlebt und bewältigt ein Student mit Behinderung den normalen Uni-Wahnsinn zwischen Vorlesung, Bücher-Recherche, Sprechstunden und Klausuren? Was rät Bülent Studienanfängern mit einer Behinderung? „Es ist schon ein spezieller Marathon hier“, beschreibt Bülent das Erreichen der Räume als Rollstuhlfahrer. Häufig würden Aufzüge nicht funktionieren oder aufgrund mangelnder Rampen seien Institute schwer zugänglich. Auch mit Einführung der Studiengebühren hätte sich nicht allzu viel verbessert, meint er. „Im Jura-Institut ist zwar ein behindertengerechter Computer-Arbeitsplatz eingerichtet worden, aber viel wichtiger wäre ein spezieller Ansprechpartner für behinderte Menschen in der Institutsbibliothek.“ Da Bülent sich seine Bücher nicht eigenständig aus den Regalen holen oder Kopien machen kann, musste er seinen Assistenten erklären, wo sie die Bücher finden. „Das war oft unangenehm, weil man ja in der Bibliothek leise sein muss. Man fällt eben auf – das war für mich vor allem am Anfang schwierig.“ Doch Bülent ist stets optimistisch: Habe man sich einmal überwunden, sei auch das zu schaffen. Für blinde Menschen hingegen sei die Bücher-Recherche noch problematischer, da es kaum noch transkribierte Bücher gebe, weiß Bülent. Als behinderter Student müsse man sich eben darauf einstellen, dass alles etwas mehr Zeit in Anspruch nehme. Das gelte auch für Absprachen mit den Dozenten. Da Bülent aufgrund seiner Lähmung nicht selbst schreiben kann, benötigte er bei seinen Klausuren stets einen separaten Raum sowie einen Assistenten, dem er die Klausur diktierte. Das alles musste natürlich vorher abgesprochen und organisiert werden. Hierbei seien Dozenten im ersten Moment oft überfordert gewesen. Bülents Rat: „Am besten geht man selbst auf die Leute zu und erklärt ihnen, was man benötigt.“ Für Bülent selbst ist vieles einfacher geworden, seitdem er rund um die Uhr von seinen Assistenten begleitet wird. Hierdurch würden ihm schiefe Blicke oft gar nicht mehr auffallen und er sei nicht länger auf die Hilfe von Fremden angewiesen. „Das Verhältnis zu den Kommilitonen verändert sich, wenn man von ihnen abhängig ist,“ erklärt er. Oft habe er gemerkt, dass die anderen Studenten auf ihn, „den armen Behinderten“, aufpassen wollten und sich nicht trauten, ihn irgendwo alleine stehen zu lassen, obwohl sie eigentlich weg mussten. Solche Situationen kämen häufig vor, aber Bülent sieht das relaxt und scherzt: „Da will dich jemand über die Straße schieben, aber du willst gar nicht auf die andere Seite!“ Durch die Beschäftigung der Assistenten sei nun klar geregelt, wer sich um Bülent kümmert und wer nicht. Zu einer Situation an der Uni Bochum, wie sie Bülent vor einigen Jahren erlebte, könne es heute nicht mehr kommen. Weil ihm seine Begleitung damals kurzfristig abgesagt hatte und der Fahrdienst erst für den Nachmittag bestellt war, musste sich Bülent einen Tag lang allein an der Uni zurecht finden und einen Fremden um Hilfe beim Toilettengang bitten. Das sei ihm sehr unangenehm gewesen. „Ich bin durch das Uni-Café gefahren, hab´ mir die Gesichter angeguckt, und mich gefragt: Wer würde das machen?“ Bei dem zweiten Studenten, den er fragte, hatte Bülent Erfolg. „Das war dann auch eine Erfahrung, die stark macht.“ Aber so wie es jetzt ist, sei es natürlich besser. Seine zehn Assistenten sucht sich Bülent selbst aus und arbeitet sie auch eigenständig ein. Bezahlt werden sie über das Rote Kreuz, das sich wiederum über Zuschüsse der Krankenkasse und des Landschaftsverbandes finanziert. Das Wichtigste ist für Bülent: „Das Menschliche muss stimmen, man muss sich wohl fühlen – und der Assistent darf keine Berührungsängste haben.“ Ender wurde im Oktober 2008 durch einen Aushang am schwarzen Brett auf den Assistenten-Job aufmerksam. Zuvor hatte er noch keine Erfahrung mit der Betreuung behinderter Menschen. „Bei den ersten Malen war es noch ungewohnt, aber man gewöhnt sich daran.“ Mittlerweile sind die beiden zu einem eingespielten Team geworden. Ender betreut Bülent nun zwar nicht mehr an der Uni, sondern vorwiegend zuhause – und vielleicht bald auf seiner Arbeitsstelle. Bülent hat sich entschieden, einen Schnitt zu machen und sein Studium abzubrechen. Er hat sich nun bei verschiedenen Stellen, unter anderem bei der Bezirksregierung, beworben. Es sei seine persönliche Entscheidung, betont er, die nicht direkt mit seiner Behinderung zusammenhänge. Dadurch, dass Bülent in eine neue Studienordnung gekommen ist, hätte er noch viele zusätzliche Scheine machen müssen. „Das würde für mich genauso lange dauern wie eine Ausbildung. Außerdem wollte ich eine klarere Perspektive haben,“ begründet er seinen Entschluss. Denn Bülent weiß: „Auch wenn man als behinderter Student sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat, dauert es oft sehr lange, bis man eine Arbeitsstelle findet.“ Viele Arbeitgeber hätten auch heute noch Bedenken, ob behinderte Menschen voll einsatzfähig sind. Bei seinem letzten Einstellungstest aber hat Bülent gemerkt, dass es den Personalchefs oft nur an diesbezüglicher Erfahrung mangelt und sie sich überzeugen lassen, dass auch Menschen mit Behinderung den Anforderungen gewachsen sein können. Bülents Entscheidung, der Uni den Rücken zu kehren, solle keinesfalls andere Menschen mit Behinderung vom Studium abhalten. Und davon, dass man vielleicht ein bis zwei Semester länger braucht als nicht-behinderte Studenten, solle sich bloß niemand entmutigen lassen. „Man hat eben sein eigenes Tempo, und muss nicht immer mit dem Strom schwimmen!“ Alle Infos und Kontaktadressen rund um technische und organisatorische Fragen für Studierende mit Behinderung gibt es unter diesem Link Zudem ist das Autonome Behindertenreferat der Universität Köln ein Ansprechpartner für alle Studenten mit einer Behinderung oder chronischen Krankheit. Hier kann man auch selbst aktiv werden und sich für die Belange der Betroffenen einsetzen: ***Link***
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