Riesige Menschentrauben hetzen über den großen Platz vor dem Hauptgebäude herum. Es herrscht reges Treiben, lautes Stimmgewirr erschallt von allen Seiten – junge Menschen lachen, unterhalten sich, rufen sich etwas zu. Zwischen ihnen hetzen Leute und drücken jedem irgendwelche Flyer in die Hand. Bestimmt etwas wichtiges. Neugierig stelle ich mich dem Verteiler in den Weg und kriege sofort den begehrten Zettel. „Achtung - Einsturzgefahr im Hörsaal!“ Aha. Damit kann ich nicht viel anfangen, aber ich habe eh keine Zeit zum nachdenken. Ich muss meinen Raum suchen, denn irgendwo soll der Rektor eine Begrüßungsrede halten. Diesmal versuche ich den Flyerattacken auszuweichen, was nur bedingt klappt.

Wie findet man nun den Raum? Der Menschenmenge folgen geht nicht – sie scheint sich gleichmäßig überallhin zu bewegen. Und wie selbstverständlich sie sich alle benehmen. So...studentisch. Unipullis, lässige Schalls, sonderliche Hüte – bestimmt können sie riechen, dass ich neu bin. Ich sollte mir Zigaretten und Kaffee besorgen – zur Tarnung. Aber das muss warten, denn die Uhr tickt ohne Erbarmen. Glücklicherweise erhasche ich einen Gesprächsfetzen in dem „Erstsemestlerbegrüßung“ vorkommt. Also – hinterher!

Der Saal ist riesig und bereits prall gefüllt – mir bleibt nur noch ein Platz auf der Treppe. Zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich mich sehr bald an solchen Komfort gewöhnen werde. Vorne auf der Bühne spielt eine junge Jazzband bevor dann endlich der Dekan angekündigt wird und mit seiner beängstigend soliden Erscheinung an das Rednerpult tritt. Viel spannender als seine statisch vorgetragene Rede sind die einzelnen Zwischenrufe aus dem Hörsaal. Ich muss wieder an den Flyer denken. Der Funke der Revolution packt mich und ich sehe mich in meinen Gedanken schon bald an der spitze der Opposition. Dieser geistige Ausflug wird jäh zuende gebracht, als mir klar wird, dass sich diese offizielle Begrüßung mit einer anderen obligatorischen Einführungsveranstaltung überschneidet. Ich werde panisch. Kann man den Hörsaal einfach verlassen? Schließlich spricht da gerade der Rektor! Ich beobachte die Menge, doch sie verfolgen anscheinend gebannt das Geschehen auf der Bühne. Endlich aber sehe ich einige den Saal verlassen. Mit klopfendem Herzen und so unauffällig wie möglich wird die Flucht gestartet.

Wieder der volle Gang, die Menschenmengen, die Flyerattacken und das Raumsuchen. Übersichtlich ist das Hauptgebäude nicht. Zum Glück hat jede Suche irgendwann mal ein Ende und so trete ich in den nächsten Hörsaal ein. Dieser ist kleiner, der Dozent steht bereits vor den Zuhörern und ist in eine Erklärung vertieft. Sein freundliches Lächeln sehe ich kaum, als ich mit gesenktem Kopf an ihm vorbei husche und mir einen Platz ganz weit hinten suche.

Mein Sitznachbar grinst mich an. „Hast du den Raum auch so lange gesucht?“
Jetzt bin ich in Sicherheit. Etwas entspannter lehne ich mich zurück und lasse mich von dem Dozenten beschallen. Irgendwie wird das schon alles. Nur einen Kaffee bräuchte ich noch.


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