Die Wahl von Ort und Gast war keineswegs willkürlich, denn Anne Will hat selbst in der Rheinmetropole studiert. Im Gespräch mit Zeit-Autor Philipp Schwenke berichtete die 44-Jährige nicht nur über ihren Werdegang als Journalistin.

Der gut besuchte Zeit Campus Talk in der Vegetarier-Mensa beginnt mit einer kleinen Zeitreise: Nachdem Dr. Peter Schink, Geschäftsführer des Kölner Studentenwerks einige einleitende Worte gesprochen hat, lässt er zwei Käsebrötchen kredenzen. Käsebrötchen?! Ja, denn dieses schnöde Mahl ist laut Anne Wills eigenen Angaben ihr Lieblingsgericht während ihrer Kölner Studentenzeit gewesen. „Ich hoffe, das war keine kulinarische Verzweiflungstat“, scherzt Schink. Das zweite servierte Brötchen wird von Philipp Schwenke, Wills Gesprächspartner, nach einem beherzten Zubeißen für gut befunden. „Frisch. Nicht von gestern.“

Traumberuf: Rasende Reporterin

Nun aber in medias res. Ob sie geplant hatte, Journalistin zu werden? Jawohl, das hatte sie: „Mit 16 dachte ich: Da kann man viel reisen, verdient super viel Geld und kann alles fragen, was man wissen will.“ Sie schmunzelt. Philipp Schwenke kann sich ein „Na das mit dem Geld stimmt aber so nicht“ nicht verkneifen. Anne Will lacht und pflichtet ihm bei. Schon während ihres Studiums – Hauptfach: Geschichte, Nebenfach: Politikwissenschaft - arbeitete Will als freie Mitarbeiterin bei der Kölnischen Rundschau in Bergheim und verdiente sich dort ihre ersten Sporen als Journalistin. Irgendwann auf Seite drei der Süddeutschen zu stehen – das war ihr Traum. Doch dann kam alles anders: Ein Praktikum beim Radio SFB (heute RBB) in Berlin entfachte ihre Liebe für den Hörfunk. „Von da an wollte ich dann lieber rasende Radioreporterin werden.“

Nach ihrem Studium an der Uni zu bleiben, habe sie sich nicht vorstellen können. „Da wäre ich verkümmert“. Sie sei nicht so der Wissenschaftlertyp. „Habe ich ein Thema abgeschlossen, donnere ich erst mal alles ins Altpapier.“ Befreiend sei das.

Buchstabendreher und Wellensittich-Imitation

Journalismus also. Tatsächlich absolvierte Will ihr Volontariat beim Radio – auch, wenn ihr das stellenweise viel abverlangte. Stichwort: Sprecherziehung. „Das war hart.“ Denn als waschechte Rheinländerin hatte auch Will ihre Probleme mit den Lauten „SCH“ und „CH“, die Kölner bekanntlich gerne mal miteinander verwechseln. Ein halbes Jahr lang habe sie sich damit herumschlagen müssen. Zwischenzeitlich sei sie so verschreckt gewesen, dass sie sich am Telefon alle Mühe gegeben habe, die beiden Laute zu vermeiden. Hört man sie heute reden – in der Mensa genauso perfekt wie vor der Kamera – kann man sich solche sprachlichen faux-pas bei ihr kaum vorstellen. Dabei gesteht die 44-Jährige ein: „Wenn ich müde bin oder zuviel Kölsch getrunken habe, verfalle ich wieder in die alten Fehler.“
Macht nichts. Glänzt Will doch mit anderen Qualitäten: Die täuschend echte Imitation von Wellensittich-Rufen zum Beispiel ist eine ihrer leichtesten Übungen. Woher sie das kann? Von Wellensittich Jacki, mit dem sie als Kind „in beständigem Dialog“ war.

Wie ist das eigentlich hinter den Kulissen?

Phillipp Schwenke ist sichtlich beeindruckt von Wills Wellensittich-Einlage: „Warum machen sie so ein Gesicht nicht mal, wenn Rainer Brüderle nicht auf die Frage antwortet?“ Will lacht laut auf. „Der war gut“, sagt sie und grinst. Über Wills Aushängeschild, ihre sonntägliche Polit-Talkshow in der ARD, will Schwenke dann noch mehr wissen. „Wie ist das eigentlich nach der Sendung - Kumpeln Guido Westerwelle und Jürgen Trittin dann noch zusammen?“ Noch ein Lachen. Nein, das nun nicht, aber man führe bei einem Bier oder Wein ein gepflegtes Gespräch. Was denn da in letzter Zeit so besprochen wurde, will Schwenke wissen. Sie wäre schön blöd, das hier und jetzt zu verraten, erwidert Will. Schwenke hakt nach. Ob sich das, was ihre Gäste vor laufender Kamera sagten, von dem unterscheide, was sie später sagten? Ein klares Ja ist die Antwort. „Teilweise sagen sie das genaue Gegenteil.“ Beispielsweise dann, wenn die Partei einen bestimmten Sprachgebrauch verlange.

„Heulende Fernsehtusse“? Geht gar nicht!

Anne Will ist nun schon seit Jahren als politische Journalistin erfolgreich – dabei sagt sie von sich selbst, sie sei nah am Wasser gebaut. Wie das zusammenpasst? So manche Meldung in den Tagesthemen habe sie ganz schön mitgenommen, so Will. Etwa die Bilder von den Feuerwehrleuten, die am 11. September im Einsatz waren und irgendwann einfach in Tränen ausbrachen. Da habe sie sich ganz schön beherrschen müssen, als die Kamera nach dem Beitrag wieder auf sie gerichtet war. Denn: „Dass da die Fernsehtusse sitzt und dann erst mal rumheult – das wäre unangemessen.“ Gerade von den Moderatoren von Tagesschau oder Tagesthemen erwarteten die Zuschauer ein hohes Maß an Ruhe.

Ruhe strahlt auch Anne Will an diesem Abend aus. Sie lässt sich von keiner der Fragen aus dem Konzept bringen, antwortet klar und ausführlich und gibt diverse Anekdoten zum besten. Dass die Ruhe der Ex-Tagesthemen-Moderatorin allerdings mit einem gerüttelt Maß Humor und rheinischer Fröhlichkeit gepaart ist, dürfte nach diesem Zeit Campus Talk außer Frage stehen.


Artikel drucken