Eine Studentenorganisation in den USA fordert das Recht, in Vorlesungen Waffen tragen zu dürfen, um sich vor Amokläufern zu schützen. Ein Kommentar von Thomas Kölsch.

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Uni-Veranstaltungen können gefährlich sein. Der Dozent kann einen vom Reden oder Schlafen abhalten (in einigen Fällen sogar vom Lernen) und ein gelangweilter Kommilitone einen mit kleinen Papierkügelchen bewerfen. Damit muss Schluss sein, fordert die "Students for Concealed Carry on Campus" (SCCC) in den USA. So ein Verhalten kann jeden mal zur Weisglut treiben, und damit man seine Wut gleich auch ordentlich demonstrieren kann, fordert die Organisation das Recht ein, in den Hörsälen Waffen tragen zu dürfen. Immerhin muss man sich ja gegen Angriffe schützen können.
Spaß beiseite – der Grund für die Forderung der SCCC ist die gestiegene Zahl an Amokläufern an Hochschulen in den letzten Jahren. Vor allem in den USA haben bewaffnete junge Menschen immer wieder Tod und Verwüstung hinterlassen. Mit eigenen Waffen, so die SCCC, könne man diese Amokläufer frühzeitig ausschalten. „Evening the Odds“ nennt Sprecher Scott Lewis dies. Immerhin gehe es nicht darum, jeden Studenten zu bewaffnen, sondern nur jenen auch auf dem Campus das Tragen von Waffen zu erlauben, die schon einen gültigen Waffenschein haben. Denn die dürfen ihre Automatik schließlich auch in Supermärkten, Kinos und Kirchen bei sich behalten.
Amoklauf leicht gemacht – und die SCCC hat enormen Zulauf. Anscheinend haben die legendären exzessiven Partys in den Verbindungshäusern endgültig ihre Schuldigkeit erfüllt und das letzte bisschen Bedachtsamkeit aus den Gehirnen der Anhänger verbannt. Sonst wäre diesen schon längst aufgefallen, dass es letztlich keine Kontrollmöglichkeit gibt, wer überhaupt eine Waffe mit sich herumführen darf, außer mittels einer Ausweiskontrolle am Eingang zum Campus. Und selbst wenn – einige Bundesstaaten haben schlichtweg lachhafte Regelungen. In Arizona genügen acht Trainingsstunden, ein Fingerabdruck und 60 Dollar für das Recht, eine Waffe zu tragen. Das schafft ja jeder, der es drauf anlegt, ob Hitzkopf oder nicht.
Ich versuche es mir gerade vorzustellen: ein Dozent rügt einen seiner Studenten, der zieht aus Wut eine Waffe, alle anderen fühlen sich entweder bedroht oder folgen dem Gruppenzwang und ziehen nach, und im besten Fall sieht das ganze wie eine Szene aus einem Mafia-Film aus. Im schlimmsten Fall entsteht Panik – und damit ein Blutbad. Zugegeben, das muss nicht unbedingt an der Uni passieren sondern wäre auch in einem Einkaufszentrum denkbar. Aber muss man es denn unbedingt drauf anlegen?
Aber warum nun dennoch diese Forderungen? Die SCCC-Sympathisanten fühlen sich bedroht, so einfach ist das. Sie vertrauen nicht auf den Staat, sondern lieber auf sich selbst. Einsame Cowboys mit einem Pferd unterm Hintern und einer Knarre in der Hand. So wie Präsident Bush, der mit einer ähnlichen Einstellung schon mehr als genug Unheil angerichtet hat. Setzt die SCCC ihre Pläne durch, könnte es bald an den amerikanischen Hochschulen nur so von Mini-Bushs wimmeln, mit dem Finger auf einer Mini-Atombombe. Sicher, es mag dann auch genug bewaffnete Clintons und Obamas geben, die den bösen Bush-Bullies auf die Finger klopfen, bevor diese den Knopf für den großen Bums drücken, und vielleicht können sie auch den ein oder anderen Amokläufer auf diese Weise stoppen. Doch auf der anderen Seite kann die ganze Situation ein Pulverfass sein, und ein einziger Funke könnte genügen.
Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich nicht in den USA studiere. Zwar sind die Lehrbedingungen in der Regel deutlich besser als hier in Deutschland, wo ein Hauptseminar mindestens 60 Leute umfasst, aber lieber sitze ich in einem Raum voller halb schlafender Studenten als in einem mit 15 Waffenträgern, die vielleicht bei der kleinsten Gelegenheit ihre Aggressionen ausleben wollen. Einer reicht da schon, um eine Krise auszulösen. Mir würde wohl nichts anderes übrig bleiben, als mich in möglichst viel Kevlar zu hüllen. So aber reicht ein ausreichender Papiervorrat als Gegenmaßnahme. Wenn jetzt noch mal einer mit Papierkügelchen auf mich schießt, dann schieß ich zurück. Klingt kindisch – aber dafür unblutig.