Entschuldigung, das ist mein Platz, spricht mich pltzlich ein junger Mann von der Seite an. Seit drei Stunden sa ich vor meinem Laptop und hatte mich tief in wissenschaftliche Diskussionen vertieft. Ich sehe ihn an. Erklre die Situation und weise darauf hin, dass es doch einfacher wre, wenn er, der mindestens drei, nach Aussage meines Banknachbarn fnf Stunden abwesend war, sich einen anderen Platz suche, schlielich arbeite ich hier. Er reagiert mit der Antwort, das wre sein Platz, ich solle doch gehen. Ich verweise ihn auf die neuen Regelungen fr den Lesesaal.

Neue Regelungen
Seit Anfang Januar gelten in der ULB neue Regelungen zu Sitzplatzreservierungen, eine Unsitte, die sich in den letzten Jahren tief eingebrgert hat. Sie wurden abgeschafft, offiziell gab es sie noch nie. Jetzt muss jeder, der fr weniger als eine halbe Stunde seinen Platz verlsst, einen Zettel mit der Uhrzeit ablegen. Wenn er nach einer halben Stunde nicht wieder da ist, kann abgerumt werden. Ein Nachfolger kann nun die Sachen im Lesesaal abgeben, oder, wenn er freundlich ist, am Platz stehen lassen.

Damit reagiert die ULB-Leitung auf das bisherige System: Durch das Ablegen seiner Sachen erhob man Anspruch auf einen Sitzplatz. Durch das Hineinstecken eines Netzteils besaߓ man eine Steckdose. Auch wenn man stundenlang nicht da war.

Der arbeitende Student?
Der aufmerksame Nutzer konnte so hufig beobachten, wie der Groteil dieser anonymen Studenten gegen 10 Uhr im Lesesaal eintrudelt, die Unterlagen auf den Tischen deponiert und erst einmal Kaffee trinken geht. Meist mit einem Kollegen, den man hier getroffen hatte. Schlielich muss das eigene Leid angesichts der Arbeit, den wenigen freien Pltzen im Lesesaal (Habe gerade den letzten Platz mit Steckdose bekommen) oder der Gesamtsituation mitgeteilt werden. Gegen 11 Uhr setzt sich der anonyme Student vor seinen Laptop, der selbstverstndlich wie jeden Tag mit einer kakophonen Tonabfolge hochfhrt. Lautlos ist fr viele zum Fremdwort geworden.

Gegen 11. 20 Uhr springt er auf, um ein Buch aus dem Freihandmagazin zu holen. Um 11.40 kehrt der anonyme Student zurck, nimmt um 12 Uhr sein Laptop und geht in die Mensa. Netzteil und Bcher bleiben liegen. Gegen 14 Uhr, nach einer ausgedehnteren Kaffeepause auch gerne mal um 15 Uhr, kehrt der anonyme Student zurck und setzt sich wieder an die Arbeit. Unterbrochen von weiteren Pausen verlsst er gegen achtzehn Uhr die ULB. Die effektive Arbeitszeit betrgt vier Stunden, dabei war der Platz acht Stunden lang belegt, ohne dass jemand anderes dort arbeiten konnte.

Anrecht
Setzte sich doch jemand hin, bestand der anonyme Student auf ein Verlassen des Neuankmmlings bei eigener Rckkehr. Schlielich wre er ja zuerst da gewesen. Und so bot sich nicht selten um 12 Uhr das Bild, das alle Pltze besetzt schienen, obwohl nur die Hlfte real belegt war. Muss man ja machen, sagte mir eine Bekannte im Vertrauen, sonst gibts ja nachher keinen Platz mehr. Als tglicher Nutzer des Lesesaals erlebte ich auch schon einmal, dass Kollegen ihren Platz neben mir erst um 19:00 wieder einnahmen, nachdem sie gegen Mittag zum Essen aufgebrochen waren. Es ist erstaunlich, mit welcher Selbstverstndlichkeit einige Kommilitonen meinen, wieder auf dem gleichen Platz sitzen zu mssen, nur weil sie irgendwann kurzzeitig dort atmeten.

Hhepunkt dieser Ansicht war, dass mir nach nach vier(!) Stunden das Netzteil aus der Steckdose gezogen wurde. Ohne auch nur einen Ton zu sagen hatte der Vorgnger sein eigenes Netzteil wieder auf seinen angestammten Platz gesteckt und dabei wie selbstverstndlich meines herausgezogen inklusive Datenverlust. Ich war ja zuerst da.

Fazit
Ja aber... Was ist, wenn man zwischen 12 und 14 Uhr Essen geht? Da sollte man doch eine Ausnahme machen, wer kann schon in einer halben Stunde Essen gehen? Dies stand unmittelbar nach der Einfhrung der neuen Regeln im schwarzen Motzbuch. Natrlich! Eine Ausnahme! Wir sind ja in Deutschland. Und somit wurde der Forderung denn auch schnell Folge geleistet: mittlerweile darf man zwischen 12 und 14 Uhr eine Stunde Mittagspause machen.

Packt euren Kram ein! Kommt erst, wenn ihr mit allem Anderen fertig seid. Es gibt kein Recht auf eine tagelange und prophylaktische Sitzplatzreservierung. Die ULB ist anscheinend auch fr viele zu einem Lebensstil geworden, aber das Anrecht auf einen Sitzplatz ber Stunden hinweg zu erheben, das ist nur purer Egoismus, Faulheit und Ellbogenmentalitt.

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