Die 1970 in Kln geborene deutsche Tibetologin und Grnderin der Organisation Braille Ohne Grenzen leidet seit ihrem neunten Lebensjahr an einer Netzhaut-Erkrankung, die sie langsam erblinden lie. Doch Grenzen lie sie sich nie diktieren. So schreckte sie nicht vor einem Pionier-Studium der Tibetologie, Soziologie und Philosophie an der Uni Bonn zurck, auch nicht davor 1997 alleine nach Tibet zu reisen und dort 1998 eine Hilfsorganisation fr blinde Tibeter zu grnden, um nur einige Stationen ihres Lebens zu nennen.

Fr Sabriye Tenberken war ihr Handicap nur eine Mglichkeit noch weiter ber sich selbst hinauszuwachsen. Sie hat es nicht nur geschafft fr sich selbst einen Platz im Leben zu finden, sie schafft auch Raum und Chancen fr andere. Tenberken wurde fr ihr Engagement inzwischen unter anderem mit dem Mother Teresa Award sowie dem Albert-Schweizer Preis ausgezeichnet und wurde im Jahr 2005 fr den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Im Interview mit campus-web spricht sie ber Mut, Wnsche und darber, wie das Gefhl der Wut einen voran bringen kann.

cw: Wie haben Sie sich als Studienanfngerin Ihre Zukunft vorgestellt?

Sabriye Tenberken: Ich wute schon vor meinem Studium, dass ich in die Entwicklungszusammenarbeit wollte und dass ich irgendwann einmal selbst eine Organisation grnden musste, denn konventionelle Hilfsorganisationen htten mich niemals genommen. Meine Zukunft war fr mich schon relativ klar: Ein paar Jahre Studium, einige Jahre Tibet, und dann sollte es auch mal in andere Lnder gehen, wie etwa Indien oder die Mongolei.

cw: Sie hatten also einen Plan und dazu mussten Sie erst einmal zur Tibetologin werden. Als erste Blinde die den Studiengang der Zentral-Asienwissenschaften belegte - wie ist man Ihnen da an der Uni begegnet, gab es auch Skeptiker?

Sabriye Tenberken: Oh ja, alle waren ein bisschen skeptisch. Ich wei nicht, wie oft man mir gesagt hat, dass es fr Tibetologen kaum Berufsaussichten gbe und dass das Studium ja schon fr Sehende schwierig sei, und, und, und ... aber trotzdem waren alle sehr freundlich, abwartend und insgesamt durchaus hilfsbereit.

cw: Als Pionierin in Ihrem Studienfach konnten Sie auf keinerlei Hilfen und Lerntechniken fr Blinde zurckgreifen, also entwickelten Sie nebenbei die Blindenschrift fr das tibetische Schriftbild. Inwieweit sehen Sie solche Eigenentwicklungen durch den neuen Bachelor-Abschluss gefhrdet?

Sabriye Tenberken: Die tibetische Blindenschrift htte ich in jedem Fall entwickeln mssen. Es war auch kein groes Projekt, die Blindenschrift habe ich in meinen ersten Studienwochen unter nicht besonders groen Anstrengungen entwickelt. Gefhrdet she ich eher eine intensive Rundum-Ausbildung, in der auch Zeit fr Entwicklung eigener Interessen innerhalb des Studiums bleibt. Zudem glaube ich, dass sich nicht jeder ein Bachelor-Studium leisten kann. Wir waren doch fast alle gezwungen, unser Studium durch Neben-Jobs zu finanzieren. Wie kann das heute noch mglich sein? Die Konsequenzen sind: Schmalspur-Studium und eine zwei Klassen Gemeinschaft.

cw: Schmalspur-Studium, also auch keine Zeit fr auer-studentisches Engagement wie bei Ihnen, als ehemals leitendes Mitglied des AStA. Warum war Ihnen die Hochschulpolitik zustzlich wichtig?

Sabriye Tenberken: Wenn man in Deutschland als blinder Mensch aufwchst, erlebt man immer wieder, wie gern die Gesellschaft es hat, dass man sich anpasst, blo nicht auffllt, ganz einfach die fr Behinderte vorgeschriebenen Wege geht. Blind zu sein und trotzdem eine eigene Meinung zu haben, auch zu Dingen, die nichts mit Behinderung zu tun haben, gesteht man einem oft nicht zu. Ich habe mich schon zu meiner Schulzeit politisch in antirassistischen, antifaschistischen Zusammenhngen engagiert. Und so bin ich gerne auch in der Universitt zum "Stolperstein" geworden. Im Senat der Universitt habe ich damals als Asta-Vertreterin eine kurze Rede gegen den Groen Zapfenstreich im Hofgarten gehalten.

Als ich fertig war, hrte ich, wie sich ein Senatsmitglied zum anderen beugte und flsterte: "Erst blind und dann noch die Klappe aufreien." Dieser Ausspruch hat mich fast glcklich gemacht, denn es gibt doch nichts Besseres, als einen guten Grund zu haben, Wut zu entwickeln. Dieser Moment der Wut hat sich schnell in konstruktive Energie umgesetzt. Bei einem Bachelor-Studium htte ich niemals die Zeit fr diese hochschulpolitischen Aktivitten gehabt. Ich glaube aber, dass mir die Aktivitt in der Hochschulpolitik fr meinen jetzigen Beruf sehr viel mehr gebracht hat, als mein Studium. Ich habe vor allem im Asta gelernt, wie man organisiert, initiiert und ein Projekt leitet.

cw: Und das ist wichtig, weil Sie in der von Ihnen und Paul Kronenberg gegrndete Organisation Braille Ohne Grenzen die Ausbildung blinder, tibetischer Kinder und Jugendlicher organisieren. Was konnten Sie durch Ihren Einsatz verndern?

Sabriye Tenberken: Wir bereiten die blinden Kinder und Jugendlichen auf die Selbstintegration vor, d.h. sie werden nicht nur in Brailleschrift oder in anderen Fhigkeiten ausgebildet, wir schulen sie auch in der Kommunikation und in ihrem Selbstvertrauen, sodass sie in der Lage sind, sich ohne fremde Hilfe in regulre Schulen zu integrieren.
Vorher gab es keine Schulen oder Ausbildungszentren fr Blinde. Blinde wurden ausgegrenzt, man glaubte, dass Blindheit eine Strafe sei fr schlechte Taten, die man in einem vergangenen Leben getan haben soll. Man hat sich dafr geschmt, Blinde in der Familie zu haben und auch die Blinden selbst haben sich dafr geschmt eine Brde fr die Familie und Gesellschaft zu sein. Ich glaube, dass sich durch das Selbstbewusstsein unserer Schler sehr viel in der tibetischen Gesellschaft verndert hat. Whrend sie frher mit "blinder Idiot" beschimpft wurden, begegnet man ihnen heute mit groem Respekt. Man versteht, dass sie gut ausgebildet sind und einen groen Teil zur Gesellschaft beitragen knnen.

cw: Wie begegnet Ihnen die Bevlkerung in Tibet, wie die chinesische Regierung? Ist diese an dem Projekt interessiert?

Sabriye Tenberken: Man begegnet uns grundstzlich mit sehr viel Freundschaft und sogar Dankbarkeit, sowohl von Seiten der tibetischen Bevlkerung als auch von Seiten der Regierung. Diese interessiert sich sehr fr unser Projekt. Wir waren gerade erst in Peking und haben zwei Auszeichnungen empfangen. Sie empfinden unsere Herangehensweise, den Kindern Selbstvertrauen zu geben und unsere Projekte in die Hnde der blinden Tibeter zu legen, als fortschrittlich fr China und fr den Rest der Welt.

cw: Als Student hrt man jetzt dauernd, dass man sich sein Studienfach gut und mit Blick auf die erfolgreiche Karriere aussuchen solle, die 08/15 Karriere wird aus Unsicherheit bei vielen Kommilitonen zum Wunschziel. Sie hatten ja bereits vor dem Studium den Wunsch sich zu engagieren. Was gab Ihnen die Mglichkeit daran festzuhalten?

Sabriye Tenberken: Zunchst einmal hatte ich fast keine andere Wahl, als mich zu engagieren. Oder man bleibt ganz einfach bewegungslos und verkriecht sich. Engagement kann man nicht lernen, dazu wird man getrieben. Wir haben vor einem Jahr in Kerala, in Sd-Indien, ein internationales Institut fr Sozial-Unternehmer erffnet (IISE / International Institute For Social Entrepreneurs). Da werden Menschen aus der ganzen Welt, aber vor allem aus den Entwicklungslndern, in Management, Projekt-Planung und vielem mehr ausgebildet. So sind sie in der Lage, ihre eigenen sozialen Projekte ins Leben zu rufen. Dabei haben wir festgestellt, dass man Engagement und Motivation nicht lernen kann. Alle unsere Teilnehmer sind durch irgendetwas hindurchgegangen. Sie hatten alle in ihrem Leben eine groe Herausforderung zu bewltigen. Sei es, dass sie einen Brgerkrieg berlebt haben; sei es, dass sie als Albino in Afrika sozial ausgegrenzt oder sogar mit dem Tode bedroht wurden. Die meisten sind blind oder sehgeschdigt und kennen die Gesellschaft nur aus einem "Blickwinkel" vom Rande der Gesellschaft. Sie sind aber alle durch das, was sie erlebt haben nicht verbittert, sondern durch die Wut, die sie haben, lediglich ermutigt, die Gesellschaft durch ihre Arbeit in positiver Weise zu verndern.

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