Dutzende Hrsle in Deutschland sind besetzt. In Stdten wie Mnchen, Heidelberg, Berlin oder auch Bonn protestieren die Studierenden seit Wochen fr die Verbesserung der Studienbedingungen. Bisher waren die Protestierenden auf den Unis zwar untereinander vernetzt, aber mehr oder weniger allein fr die Ausgestaltung ihrer Proteste verantwortlich. Die Kultusministerkonferenz (KMK) in Bonn/Bad Godesberg fhrte am 10. Dezember tausende Studenten vieler deutscher Unis unter dem Motto Kultusminister nachsitzen zusammen.

Gegen Mittag fllt sich der Platz vor dem Bahnhof in Bad Godesberg. Die Polizei, die mit 600 Beamten den Reibungslosen Ablauf der Veranstaltung und den Schutz der Kultusministerkonferenz gewhrleisten sollte, zhlt 4500 Demonstranten. Die Veranstalter- unter anderem verschiedene Bildungsstreikgruppen und Gewerkschaften wie der DGB Kln/Bonn- schtzen die Zahl der Teilnehmer auf 10 000. Bildungsstreikende aus ganz Deutschland kamen mit Bussen und Bahnen, um ihren Protesten in Hrweite der Kultusminister der Lnder Nachdruck zu verleihen. Eine 250-kpfige Mainzer Delegation reiste sogar mit der MS River Queen, dem sogenannten Bildungsboot, an.

Gegen 14 Uhr setzt sich der Demonstrationszug in Bad Godesberg in Bewegung. Aufkleber mit der Aufschrift Chuck Norris schafft den Bachelor in Regelstudienzeit werden verteilt, Parolen wie Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Bildung klaut schallen durch die Straen. Viele kreative und interessante Plakate werden Richtung Himmel gestreckt. Andere wie jenes mit der Aufschrift Heute brennen die Unis, morgen brennt Europa geben hingegen Anlass zur Sorge. Zu den Highlights des Zuges von der Moltkestrae bis zum Wissenschaftszentrum in der Ahrstrae gehren auch die Sambartistas aus Heidelberg, die die Demo mit Sambarhytmen begleiteten und zum Tanzen animieren.

Trotz der gelsten Stimmung verlieren die Schler und Studenten das ernste Ziel der Veranstaltung aber nicht aus den Augen. Wir sind gegen die Verschulung der Uni. Auerdem kann es nicht sein, dass Selektionsmechanismen aufrecht erhalten werden, die sozial schwchere am Studieren hindern, argumentiert der Student Hamir hauptschlich gegen die Studiengebhren. Die Redner der Kundgebung vor dem Wissenschaftszentrum sehen das hnlich. Zustzlich fordern sie wechselweise die Kultusminister auf, sich den Demonstranten zu stellen oder verlangen die Beendigung der Videographie durch die Polizei.

Nach 16 Uhr wird auch fr alle nicht Eingeweihten klar, warum die angemeldete Veranstaltung Kultusminister Nachsitzen genannt wurde. Ein Student aus Bayern geht durch die Menge und spricht Mitdemonstranten an: Wir brauchen noch Leute bei der Tiefgarage. Die Blockade da ist zu schwach. Was die Veranstaltungsleitung vom Demonstrationswagen aus nicht verbreiten darf, findet per Mundpropaganda seinen Weg durch die Menge: Die Demonstranten wollen jeden Ausgang aus dem Wissenschaftszentrum blockieren, um die Minister auf diese Weise im Gebude zu halten und symbolisch nachsitzen zu lassen.

Flugbltter mit Lageplnen der vorhandenen Ausgnge und Parkpltze machten die Runde. Einige Demonstranten versammeln sich auf einem Parkplatz am Albrecht-Cahn-Weg und setzen Limousinen mit Chauffeur fest, die mutmalich zu den Ministern gehren knnten. Ein Fahrzeug tapezieren die Streikenden mit Infoblttern. Die am Parkplatz abgestellten Polizisten fhlen sich nach Polizeiangaben durch das Verhalten der Demonstranten bedroht, setzen ihre Schlagstcke ein und wehren sich mit Trnengas. Das Kommunikationsnetz der Bildungsstreiker ber einen SMS-Verteiler und Twitter funktioniert: Innerhalb weniger Minuten werden die Demonstranten auf allen Kanlen aufgefordert, ihre Mitstreiter an der Ecke Gotenstrae/Albrecht-Cahn-Weg zu untersttzen. Auch die Polizei schickt Verstrkung, kurzzeitig sieht es sogar danach aus, dass sie die Demonstranten einkesseln wolle. Die Veranstaltungsleitung spricht von unangemessenem Gewalteinsatz der Polizei, bei der sieben Demonstranten leicht verletzt worden seien.

Eine brennende Mlltonne, die Blockierung der Bahnstrecke nach Bonn und einige wenige Vermummte beschftigen die Polizei bis in den Abend. Die letzten Schler und Studenten verlassen das Gelnde gegen kurz nach acht. Die Ergebnisse der Kultusministerkonferenz erreichen die Meisten erst Zu Hause. Die beschlossene Reformierung des Bachelor-Master-Systems entspricht einer zentralen Forderung der Streiks. Die Studierenden werden die Ausfhrung dieses Beschlusses kritisch betrachten und fr weitere Zugestndnisse kmpfen. In den Hrslen der Universittsstdte Deutschlands sowie auf der Strae. Kultusminister Nachsitzen hat die deutschen Studenten zusammengebracht weitere gemeinsame Aktionen sollen folgen.

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