Das war er nun also: der groangekndigte Demonstrationstag anlsslich der Kultusministerkonferenz in Bonn. Rund 4000 Studenten versammelten sich heute Mittag in Bad Godesberg und zogen in einem langen Protestmarsch vom Hauptbahnhof zum Wissenschaftszentrum, wo die Konferenz tagte. Entgegen allen vorherigen Befrchtungen verlief die Demonstration weitgehend friedlich. Und der Protest scheint sogar endlich Frchte zu tragen.

In den letzten Tagen liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Plakate wurden gemalt, die Koordination der angereisten Gste organisiert und ein vielseitiges Rahmenprogramm entworfen, dass den Tag der Kulturministerkonferenz zu einem neuen Hhepunkt im Bildungsstreik werden lassen sollte. Eifrig wurden seit Anfang der Woche noch einmal Flugbltter verteilt, man versuchte noch einmal so viele Studenten wie irgend mglich zu mobilisieren.

Heute Morgen war es dann soweit: Ab 9.30 Uhr trudelten die ersten protestierenden Studenten im Innenhof der Universitt Bonn ein, den man als allgemeinen Treffpunkt gewhlt hatte. Bis zum Mittag versammelten sich hier immer mal wieder kleine Truppen, die dann in Schben nach und nach alle in Richtung Bad Godesberg zogen. Neben Studenten aus Bonn und nherer Umgebung waren auch solidarische Gste zum Beispiel aus Karlsruhe oder Mainz angereist. Letztere sorgten dabei schon mit ihrer Anreisemglichkeit fr Aufsehen: in einem Bildungsboot waren seit gestern Abend 250 Studenten ber den Rhein von Mainz nach Bonn geschippert und wurden hier von ihren Genossen freudig in Empfang genommen.

Nachdem man auch den Morgen noch intensiv nutzte, um durch die Hrsle zu ziehen und letzte Aufforderungen zum Mit-Protest an die dagebliebenen Studenten zu richten, zog man, je nher der Mittag rckte, endgltig um zum eigentlichen Ort des Geschehens. Mit Bussen und Bahnen strmten die Streikenden nach Bad Godesberg, wo sich gegen 14 Uhr schlielich rund 4000 Studenten, Schler und Mitglieder solidarischer Organisationen zusammengefunden hatten.

Mit lauten Gesngen, Trommeln und bunten Transparenten zog man los in Richtung Wissenschaftszentrum, wo die Kultusminister tagten. Begleitet wurden sie dabei von einem Groaufgebot der Polizei, die einer eventuellen Eskalation zuvor kommen sollten. Die Zufahrtswege durch den Godesberger Straentunnel mussten zeitweilig gesperrt werden, was zu teils erheblichen Verkehrsbehinderungen fhrte.

Doch das strte die Protestierenden herzlich wenig. Gegen kurz nach drei erreichte der Demonstrationszug schlielich das Wissenschaftszentrum und positionierte sich hier fr eine mehrstndige Kundgebung. Die nun folgenden Aktionen waren zwar berschaubar, dafr jedoch gut durchdacht. Klasse statt Masse knnte das entsprechende Credo gelautet haben: einige Studenten und Schler formierten sich zu einer symbolischen Bildungsblockade und setzten sich auf die abgesperrte Fahrbahn, selbiges hrte man im Laufe des Tages noch einmal von einer nahegelegenen U-Bahn-Schiene. Ein Konzert sorgte fr musikalische Untermalung und hob die Stimmung weiter an.

Gegen 16:30 Uhr begann sich allmhlich ein Ende der Demonstration anzukndigen, die ersten Protestierenden verlieen die Kundgebung. Danach reduzierte sich die Zahl rasch auf etwa 2000, die bis zum frhen Abend schlielich auch nach und nach das Feld rumten. Mittlerweile herrschen um das Wissenschaftszentrum wieder normale Verhltnisse.

Trotz aufgeheizter Gemter verlief die Demonstration heute jedoch grtenteils friedlich. Lediglich am Rande kam es zu einigen kleineren Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestierenden, die in einem Fall offenbar sogar den Einsatz von Pfefferspray und Schlagstcken seitens der Polizei erforderlich machte. Gegen die Beteiligten wird nun wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt. Die Organisatoren des Bildungsstreiks selbst bezifferten die Zahl der Festnahmen am Abend auf 150 und bezichtigten die Polizei der offensichtlichen Provokation und Repression.

Dass der anhaltende Protest, der nun heute einen erneuten Hhepunkt fand, nicht umsonst war und ist, sondern beginnt, erste Frchte zu tragen, zeigte der heutige Tag ebenfalls: die Kultusministerkonferenz gab schon whrend ihrer Tagung bekannt, dass sie in nchster Zukunft eine radikale Reform im aktuellen Bildungssystem anstrebe. In einer entsprechenden Pressemitteilung heit es nach der Sitzung zu den Ergebnissen: Die Strukturvorgaben mssen den differenzierten Entwicklungen in den Hochschulen und im Studierverhalten der Studierenden gerecht werden.

Konkret heit das: Die Prfungsbelastung soll auf ein den Studenten zumutbares Niveau verringert werden. Die Studienzeiten sollen flexibler gestaltet werden. Und die Bewegungsmglichkeit innerhalb der deutschen Hochschullandschaft sowie auch im internationalen Raum soll erleichtert werden. Nur wann genau man diese Umgestaltungen in Angriff nehmen will, diese Antwort blieb man den Protestierenden einmal mehr schuldig.

Dass groe Probleme und Defizite zurzeit das deutsche Bildungssystem dominieren ist also mittlerweile auch auf hchster Ebene erkannt worden. Vernderungen und Verbesserungen werden gewnscht und angekndigt, immer wieder wird den protestierenden Studenten empfohlen, den Streik zu beenden und in einen konstruktiven Dialog mit den entsprechenden Instanzen zu treten. Doch whrend die Studenten im Laufe ihres Protestes zumindest konkrete Forderungen entwickeln konnten, kommt man Ihnen nicht einmal mit konkreten Zielen oder zumindest gezielten, zeitnahen Ansatzpunkten fr Vernderungsmanahmen entgegen.

Da verwundert es nicht, dass die Streikenden der Uni Bonn schon wieder die nchste Vollversammlung fr den morgigen Freitag angesetzt haben und den heutigen Tag keinesfalls als Endpunkt- sondern eher als eine weitere Besttigung dafr ansehen, dass der Protest weitergehen muss.

Im brigen offenbarte sich im Laufe des heutigen Tages auch ein weiterer spezieller Brennpunkt in der Uni Bonn: ber einen Aushang am Hauseigenen Zeitschriftenlesesaal wurden die Studenten darber informiert, dass eben jener zum Ende des Jahres geschlossen wird. Die Abos fr die Zeitungen wurden offenbar schon gekndigt. Bisher war ber derartige Entwicklungen wohl der Mantel des Schweigens gehalten worden, nun jedoch wurde eine offizielle Reaktion des Rektors gefordert. Man darf gespannt sein, wie die erhitzten Gemter der Studenten mit dieser Nachricht umgehen werden. Die morgige Vollversammlung knnte also durchaus einen Besuch wert sein.

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