Die Orchideen-Fcher sind eine bedrohte Art
   
Nahezu jede Universitt bietet heutzutage ein breites Angebot an naturwissenschaftlichen oder wirtschaftswissenschaftlichen Studiengngen an, die stets immens gefrdert und immer weiter ausgebaut werden. Demgegenber wird bei den so betitelten Orchideen-Fchern gerne schnell die Krzungsschere gezckt und das Fach einer grndlichen Beschneidung unterzogen. Abbau von Professuren, Etatkrzungen, am Ende die vllige Abschaffung des Fachbereiches - Volkskundler, Tibetologen, Slavistiker und all die anderen Exoten unter uns Studenten wissen, wovon die Rede ist.

Schon jetzt fallen die meisten Spezialgebiete den Zusammenlegungen zum Opfer und werden in Verbundfcher integriert. Da entstehen dann so lustige Kombinationen wie jene von Osteuropastudien, Medienwissenschaften und Musikwissenschaften - so zu finden in dem Fachbereich Kommunikationswissenschaften in Bonn.

Jener brigens befindet sich ganz aktuell in einer uerst ungewissen Situation. Im Sommer war lngere Zeit sogar von Auflsung die Rede, zum Wintersemester konnten sich bereits keine neuen Studierenden einschreiben. Die komplette Auflsung scheint zwar abgewendet zu sein, doch wie genau es mit dem Institut weiter gehen wird, vermag noch niemand sicher zu sagen.

Gerade die Kommunikationswissenschaften konnten sich eigentlich nie ber zu wenig Andrang auf ihren Fachbereich beschweren, ganz im Gegenteil. Und auch die Kulturanthropologie/Volkskunde erfreut sich im Verbundfach Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwisssenschaften als Schwerpunktwahl uerster Beliebtheit. Doch auch hier ist es erst etwas ber ein Jahr her, dass per Petition in letzter Sekunde die Abschaffung der Volkskunde abgewendet werden konnte.

Das Interesse an den Spezialgebieten ist also anscheinend ausreichend vorhanden - warum frdert man es nicht? Dass der Trend bestndig in die Wirtschafts-/ oder Computerwissenschaften geht, ist bekannt, doch wre es nicht gerade in dieser Situation angebracht, sich durch andere Schwerpunkte von der Masse der Universitten abzuheben? Wie etwa durch die Erhaltung und Frderung bestimmter Spezialgebiete, die an brigen Hochschulen bereits abgeschafft wurden oder gar nie existent waren? Die Orchideenfcher bieten hier eine exzellente Mglichkeit zur Schaffung eines herausragenden Status in der Hochschullandschaft, ja, sie knnten geradezu als Aushngeschilder fr eine Universitt fungieren. Etwas, wodurch man sich von der Masse absetzt.

Dass man als Geistes-/ oder Sozialwissenschaftler gern belchelt wird, ist gemeinhin bekannt und der dementsprechende Student lernt, damit zu leben. Aber auch diese haben durchaus eine Existenzberechtigung. Was wre die Globalisation ohne ihre kulturellen Vermittler? Wie htten sich Vlker verstndigen und arrangieren knnen, ohne Experten, die sich mit der Kultur und dem Wesen der einzelnen Menschenschlge beschftigt htten? Wie knnten wir Menschen miteinander leben, wenn es niemanden gbe, der die Sprache des anderen versteht und dieses Wissen weitergeben kann?

Dass man ber den Tellerrand guckt und interdisziplinr agiert, ist eine positive und durchaus weiter voranzutreibende Entwicklung. Gerade im geisteswissenschaftlichen Bereich ist eine Interaktion zwischen den einzelnen Fachbereichen meist ohnehin unumgnglich. Kein Literaturwissenschaftler kann ein Werk verstehen ohne sich auch mit den gesellschaftlichen und historischen Aspekten zur Entstehungszeit auseinanderzusetzen. Handelt es sich dabei um ein auslndisches Werk, kann brigens ein Student des Faches Literatur bersetzen auch recht hilfreich sein - ein Orchideenfach der Uni Dsseldorf.

Aber um diese Zusammenarbeit auch weiterhin fortfhren und ausbauen zu knnen, brauchen wir vor allem auch zuknftig Experten, die uns die entsprechenden Informationen liefern knnen. Mit dem Erlernen von Grundlagenwissen, wie es momentan in den Verbundfchern der Fall ist, ohne die Mglichkeit zu haben, das Wissen auf einzelnen Gebieten vertiefen zu knnen, wird diese Expertenausbildung jedoch nicht mehr gewhrleistet.

Was haben wir davon, wenn wir einen Haufen Studenten mit Grundlagenwissen in fnf verschiedenen Bereichen haben, aber nicht einen einzigen, der fundierte Kenntnisse ber ein spezielles Thema hat. Wie soll die wissenschaftliche Forschung voran getrieben - oder die Diskussion am Leben erhalten werden knnen, wenn keine expliziten Forscher mehr da sind? Wenn die Spezialisten fehlen?

Exoten - haltet eure Fahnen hoch! Jeder hat sich etwas dabei gedacht, als er sein Studium der brotlosen Knste aufnahm und darauf sollten sich auch immer wieder besonnen werden. Eine Arbeit, die viel Geld bringt, kann jeder haben. Aber eine, die auch noch Spa macht, das bleibt ein Privileg weniger. Und irgendjemand wird schlielich auch in zwanzig Jahren noch erklren mssen, was die komischen Zeichen auf den Steinplatten aus gypten bedeuten oder wieso wir an Weihnachten eigentlich einen Baum aufstellen

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