Anderthalbtausend sollen es gewesen sein, die mitmarschiert sind. Viele von ihnen waren Schler. Gegen ein Uhr sind es kaum mehr als zwei Dutzend, die vor dem Rathaus im Regen noch lautstark fr ihre Bildung demonstrieren. Das Unigebude wird gerade gestrmt, die Hrsle werden besetzt, heit es. Wir treffen uns in Hrsaal 1.

Der Theatersaal ist prall gefllt, allerdings hauptschlich deswegen, weil anscheinend niemand vorne mittig sitzen mchte. Deswegen steht man hinten. Doch allzu sehr staut es sich auch nicht zurck. Immerhin ist das Gedrnge der Raucher vor dem nahen Ausgang zeitweise mindestens ebenso gro. Auf den Fluren herrscht Normalbetrieb, die Sulenhalle kennt kein Chaos, die Cafeteria ist gut besucht, aber ruhig. Und im Saal selbst?

Da steht auf der Bhne ein Schlersprecher mit Megaphon; da stehen andere, die immer wieder bekrftigen, wie hoch die Solidaritt besonders mit anderen deutschen, aber auch mit anderen europischen Universitten ist. Das ganze sei eine tolle Aktion, man freue sich ber den Zuspruch und die Teilnahme, man fordere eine gerechte Bildungspolitik. Applaus und Jubel. berdies msse man sich jetzt konkret organisieren, denn nach dem nassen Marsch sei der Hunger gro. Deswegen: Geld einsammeln, damit wir was zu essen kaufen knnen. Wenig spter zhlen zwei Engagierte das Geld auf dem Treppchen vor der Cafeteria.

In der Cafeteria ist die Welt anders. Hier ist nichts von Streik zu spren. Und zum Teil distanziert man sich auch ausdrcklich. Es ist hauptschlich ein Schlerstreik, sagt einer, und ich bin ja auch gegen Studiengebhren, aber so ist das wenig sinnvoll. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Es hngen sich da so viele an, auch politische Gruppierungen; das wird schnell ausgenutzt und dann hat es mit den eigentlichen Zielen nichts mehr zu tun, meint eine andere. Sie erzhlt von randalierenden Autonomen in Erfurt, wo sie im letzten Jahr die Streiks miterlebt hat.

Ein anderes Grppchen ist von den Streikaktionen gnzlich unberhrt. Wir waren vorhin auch mit drauen, heit es. Und mehr eigentlich auch nicht. Kein besonderes Interesse, aber auch kein richtiges Desinteresse. Am Juridicum, dem vermeintlichen Gegenpol der Aktion, ein hnliches Bild: Es sind heute morgen gegen neun ein paar in die Vorlesung gekommen. Aber da ist dann auch keiner mitgegangen. Ob sich die Streikenden fr ein sinnvolles Ziel einsetzen? Das schon, heit es, aber auf diese Art und Weise werde sich da kaum was erreichen lassen.

Das Juridicum wird renoviert. Es stehen Beamer in den Rumen, alles sieht sauber aus. Wenn vom Land kein Geld mehr kommt und die Unis zunehmend auf sich allein gestellt sind, dann msse man eben auf die Gebhren zurckgreifen. So wird ein Professor zitiert. Vor der Tr verweisen zwei allerdings lediglich auf einen Glaspavillon als Neuerrungenschaft: Also hier sieht man nicht viel von den Gebhren.

Also doch Streik? Doch Protestmrsche? Man winkt ab: So wird da nichts erreicht. Auerdem sollten sich viele lieber mal hinter ihr Studium klemmen, anstatt zu streiken. Dann ist man schneller durch. Es gebe Kredite, in Nordrhein-Westfalen sei das gut gelst. Angesichts der verhltnismig doch recht geringen Teilnehmerzahl fast schon vernichtende uerungen. Das war vor einigen Jahrzehnten einmal anders. Waren die Ziele denn damals wichtiger und drngender? Sind heutige Aktionen denn nur Strohfeuer?

Die Bonner Jugendbewegung gibt auf ihrer Internetseite ihre Forderungen bekannt. Hehre Ziele sind es, aber bewut auch Maximalforderungen. Es ist klar, da die in dieser Form nicht zu erreichen sind. Trotzdem sollten sie ernstgenommen werden: Das Turboabitur und smtliche Vergleichstests, Zentralprfungen usw. bescheren Schlern wie Lehrern gewaltige Kopfschmerzen -- und bringen nichts, auer Papierkrieg. PISA vergleicht seit jeher pfel mit Birnen, da nutzt ein Schnitzen am Apfelbaum wenig. Das dreigliedrige Schulsystem ist zu oft nicht flexibel genug, Brokratie erschwert die Bildungschancen gerade der sozial Schwcheren. Mit Kopfnoten und Zentralen Abschluprfungen hat man sich auch in dieser Hinsicht einen Brendienst erwiesen.

Die Klassen sind zu gro und es gibt zu wenig Lehrkrfte. Andererseits wird strikteres Aussieben in der Lehrerausbildung gefordert, wozu ein Referendariat mit altpreuischen Hierarchiestrukturen ohne Sinn und Verstand verschrft werden soll gleichzeitig sind die Landeskassen leer. Es knnen also gar nicht so viele Lehrer im ffentlichen Dienst beschftigt werden, wie gebraucht werden. Und schlielich vollfhrt die Bildungspolitik nicht erst seit der Zwangseinfhrung der sogenannten Rechtschreibreform regelmig den Kotau vor Interessenverbnden und Industrie. (Wir erinnern uns: Bertelsmann hat schon gedruckt. Also unterschrieben die Minister schn brav...) Lobbyismus, soweit das Auge reicht auf Kosten der Gesellschaft. Und gerade deren schwchste Glieder gehen in diesem Sumpf unter.

Die Bildungsbilanz ist beschmend. Klar, da die Leidtragenden dagegen auf die Straen gehen. Ziel der lautstarken Proteste ist allerdings, und das ist wieder einmal kontrovers, die schwarz-gelbe Regierung nicht zu Unrecht, aber groe Teile der Bildungsexperimentalpolitik wurden und werden von seiten der SPD gefhrt, untersttzt durch Grne und Linke; die Suppe eingebrockt haben uns also die anderen. Die Bewegung wei das. Und es schlieen sich ihr neben Schlern, Studenten und Gewerkschaften auch kirchliche Gruppierungen an. Es sind eben nicht alles nur lernfaule Alternative, die da demonstrieren...

Aber die medial informierte Welt erfhrt das nicht. Das Bild nach auen sieht wieder einmal zu sehr nach Kommune aus: Kollektive Verpflegung, Musikankndigung (wurde da wirklich eine Band versprochen?) und standhaftes Besetzen des Hrsaals bis in den Abend hinein, bis die Polizei mit Rumung droht. Dazu kommt die unbersehbare Zentrierung der Forderungen auf Schlerbelange: nur drei der zehn Punkte beziehen sich explizit auf die Hochschulen. Da pat es ins Bild, da nur einer von ber zehn Hrslen besetzt wird.

Was ist also aus dem Bildungsstreik geworden: An der Uni schon alles aufgegeben? Lt sich die Masse der Lernenden an Hochschulen denn gar nicht mehr mobilisieren? Sind wir zu Jasagern verkommen? Haben wir uns abgefunden mit allem? Ist die Ellenbogenmentalitt schon festbetoniert? Oder helfen wirklich nur noch Verhandlungen auf hherer Ebene, wie es die erklrte Taktik des Bonner AStA ist, der sich vom Streik ausdrcklich distanziert.

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ob die Aktionen zum Bildungsstreik an der Bonner Uni allerdings Frchte tragen, darf bezweifelt werden. Das ist sehr schade aber irgendwie auch nicht wirklich verwunderlich.

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