Auch als Hrbuch erhltlich:
Genazinos "Das Glck in glcksfernen Zeiten"
   
Wenn Wissenschaft auf Emotion trifft, leidet normalerweise ihre Seriositt und Glaubwrdigkeit. Auch die Germanistik unterliegt fr gewhnlich diesem Anspruch einer rational-neutralen Wissenschaftlichkeit. Doch gehren Literatur und Sprache nicht zu den wichtigsten Ausdrucksmitteln des Gefhls? Mssen also diese Formen von Gefhlsausdruck nicht auch innerhalb der Wissenschaft Beachtung finden? Ja, sie mssen: Dies belegt der aktuell weit verbreitete geisteswissenschaftliche Diskurs ber den emotional turn, das uerst moderne Erkunden von historischen und zeitgenssischen Kulturen des Empfindens.

Aber wie wird in der Germanistik ber den Ausdruck, die Entstehung und Steuerung von Gefhlen und Affekten nachgedacht?, diese Leitfrage stellt sich das Institut fr deutsche Sprache und Literatur I in diesem Sommersemester. Unter dem Motto Groe Gefhle veranstaltet das Institut ab dem 18. Mai eine neue ffentliche Veranstaltungsreihe, den Germanistischen Montag.

Fnf Termine sind angesetzt, fr eine Vielfalt an Betrachtungsweisen ist gesorgt: Aus der Perspektive der drei germanistischen Teilgebiete neuere Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Medivistik werden der Stand der aktuellen Forschung zum Thema Gefhl und zugleich die Leistungen der Germanistik vorgestellt und reflektiert. Dabei versprechen sich die Veranstalter neben der Vermittlung akademischen Wissens auch neue Erkenntnis- und Erregungswerte. Es soll vorgelesen, gelesen, gehrt, diskutiert, gedacht und gelacht werden.

Den Anfang im Programm der Veranstaltungsreihe am Montag, 18. Mai, bildete nach einer Einfhrung von Professor Gnter Blamberger, Initiator des Germanistischen Montags, der Schriftsteller Wilhelm Genazino (66) mit einer Lesung aus seinem neuen Roman Das Glck in glcksfernen Zeiten. In dem Buch geht es um das Leben von Gerhard Warlich, ein trauriger Held der oberen Mittelschicht, dessen extreme akademische (Aus-)bildung ihm selbst nur im Wege steht: Er hat ber Heidegger promoviert, eine Stelle in einem Wschereibetrieb und eine Menge Illusionen im Kopf.

In seiner permanenten Selbstanalyse verstrickt sich der melancholisch gebildeten Warlich in eine Art Bildungsneurose und er wird selbst zur versunkenen Hauptfigur eines niemals untergehenden Theaterstcks seines eigenen Lebens. Als sich seine weniger traurige Freundin Traudel ein Kind wnscht, droht die Seifenblase von Melancholie und Einsamkeit, in der Warlich lebt und liebt, zu zerplatzen. Nun muss er sich zum Anwalt seiner bedrohten Freiheit aufspielen. Genazino schreibt mit rhetorischer Qualitt und witzigem Charme aus der Ich-Perspektive des Helden Warlich ber innere Enttuschungen, gesellschaftlich produzierte Melancholie, ber Bildung als Therapeutikum, Selbstberschtzung und ber die Normalitt des Lebens: das Glck in glcksfernen Zeiten.

Das anschlieende Gesprch mit dem Bchner- und Kleist-Preistrger Genazino moderierte Dr. Hajo Steinert, Literatur-Chefredakteur beim Deutschlandfunk. Dabei sprach der ehemalige Journalist Genazino ber die Gefahren von lebensferner Bildung (Bildungslametta), ber Grnde fr Melancholie und ber das Finden des individuellen Glcks. Der Frankfurter Autor selbst hlt sich nicht fr einen Melancholiker, sondern hegt eine besondere Sympathie fr die Stadt Kln und ihre blauen Mllscke.

Ein spannender germanistischer Montag-Abend ist wissenschaftlich und emotional, muss zum denken und zum lachen anregen. Das hat er geschafft: Wilhelm Genazino hat bewiesen, dass es ein gutes Zeichen ist, wenn Gefhle neuerdings zum Thema der Wissenschaft gemacht werden. Dennoch wrde er diesen Satz wahrscheinlich nicht unterschreiben.

Der Germanistische Montag findet jeweils in Hrsaal XII im Hauptgebude um 19.30-21.00 Uhr statt. Im Anschluss daran gibt es die Mglichkeit fr Gesprche im Salon (Dozentencaf im Hauptgebude).
Die Veranstaltung ist ffentlich.

Veranstaltungen in den nchsten Wochen:

25. Mai:
PD Dr. Silvia Kutscher:
(Humboldt-Universitt zu Berlin): Lodernde Lungen und verstaubte Herzen: Gefhlsmetaphorik im Sprachvergleich (mit Prof. Dr. Beatrice Primus)

08. Juni:
Prof. Dr. Alexandra Pontzen
(Universit de Lige): Klgliches Leiden: Peinlichkeit (mit Prof. Dr. Claudia Liebrand)

22. Juni:
Prof. Dr. Ina Bornkessel-Schlesewsky
(Philipps-Universitt Marburg): Was dem Gehirn gefllt: Der Einfluss von Gefhlsverben auf die Neurokognition des Sprachverstehens (mit Prof. Dr. Beatrice Primus)

29. Juni:
Prof. Dr. Rdiger Schnell
(Universitt Basel): Lust am Ekel (mit Prof. Dr. Ursula Peters und Prof. Dr. Hans-Joachim Ziegeler)


Weitere Informationen gibt es bei Prof. Dr. Gnter Blamberger: guenter.blamberger@uni-koeln.de.

Artikel drucken