Die Himmelsscheibe von Nebra
   
 

Professor Dr. Wolfhard Schlosser
   
Nicht jeden Tag setzt man sich mit der Frage auseinander, wann genau Sirius im Sternbild Hund vor vielen hundert Jahren am Horizont aufging, um die sogenannten Hundstage anzukndigen. Im Rahmen der Ringvorlesung zum Internationalen Jahr der Astronomie hat die Universitt Bonn eine besondere Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die genau solche Fragen beantwortet: Das Weltall: Du lebst darin entdecke es!

Jedes Kind wei, das Weltall ist unendlich. Umso interessanter ist es zu erfahren, was diese Unendlichkeit alles verborgen hlt und wie das Himmelsgestirn erforscht wird. Immerhin reichen astronomische Beobachtungen und Erkenntnisse bis in die Antike zurck. Dies belegen Fundstcke, wie die Himmelsscheibe von Nebra. Unter dem Titel Ein frher Blick in den Kosmos erffnete Prof. Dr. Wolfhard Schlosser, Universitt Bochum, am 17. Mai 2009 die Reihe von insgesamt 13 Ringvorlesungen.

Unter allen Blickwinkeln moderner Analyseverfahren betrachtete er diese einzigartige Scheibe. Ein faszinierender Prozess. Doch schon im Vorfeld mangelte es nicht an Spannung, denn die Entdeckung der Scheibe war ein waschechter Kriminalfall. In den Hnden von Hehlern drohte der kostbare Fund einst verloren zu gehen. Erst im Jahr 2002 war die Spur hei genug, dass die schweizerische Polizei im Baseler Hilton-Hotel die Fundstcke aus der frhen Bronzezeit (etwa 1600 v. Chr.) beschlagnahmen konnte.

Neben der Himmelsscheibe gehren zwei Bronzeschwerter mit Goldverzierung, zwei Randleistenbeile, ein Meiel und zerbrochene Armreifen zum Fundensemble. Die Schwerter waren ein Glcksfall fr die mit der Untersuchung betrauten Wissenschaftler, Prof. Pernicka von der Bergakademie Freiberg und Prof. Dr. Schlosser, konnten sie doch erst anhand des Materials eine exakte Datierung der Funde vornehmen.

Eine Stunde lang konzentrierte sich Prof. Dr. Schlosser im Hrsaal 1 der Uni Bonn auf die Methoden und Analyseverfahren zur Erkundung des zweidimensionalen Scheiben-Universums. Hier wurde es fr jeden Physikstudenten interessant, denn whrend der Untersuchung der mechanischen Herstellung wurde jeder Teilaspekt ergrndet. Die sogenannte Tauschiertechnik sowie Fertigungstoleranzen der Scheibe und ihrer Objekte wurden analysiert und Unregelmigkeiten in der Anordnung unter die Lupe genommen.

Danach kamen Mathematiker zum Zug: Man erwhne nur das Schlagwort Zufallsverteilung und smtliche Augen leuchten. Fr Laien wurde die Theorie anhand von Grafiken verstndlich erklrt. Zeit fr eine wissenschaftliche Exkursion: Versucht ein Mensch Punkte mglichst ungeordnet zu zeichnen in diesem Fall die 32 Sterne auf der Scheibe -, zeichnet sich das Ergebnis durch eine regelrecht anomale Distanzwahrung aus. Der Mensch neigt dazu, zwei Punkte mglichst weit voneinander entfernt zu setzen, sozusagen ein gebremstes Chaos zu zeichnen. Rechnererzeugte Zufallsanordnungen hingegen lassen Anhufungen von Punkten gelten und entsprechen daher dem natrlichen Sternenhimmel. Ein Indiz dafr, dass die Sterne auf der Himmelsscheibe die eine gleichmige Distanz aufweisen den sternbildfreien Himmel darstellen sollen.

In dieser Form ging es weiter. Mit analytischer Finesse wurden die Sonnenhhe bei Grenzsichtbarkeit der Plejaden und litauische Bauernregeln seziert. Das Ergebnis waren zahlreiche faszinierende Einblicke in astronomische Beobachtungen der Vergangenheit. Es erscheint unglaublich, dass so viele Entdeckungen in einem einzigen Fundstck schlummern knnen.

Doch so vielversprechend eine Untersuchung auch beginnen mag, schtzt es nicht vor einem ernchternden Fazit: Die Scheibe zeigt, so schliet Prof. Dr. Wolfhard Schlosser seinen Vortrag, nicht mehr und nicht weniger Astronomie als seine fast doppelt so alten Vorgnger. Dazu zhlen unter anderem das Sonnenobservatorium in Goseck, eine jungsteinzeitliche Kreisgrabenanlage, die 4800 v. Chr. erbaut wurde. Eine Enttuschung fr den Wissenschaftler? Vielleicht. Immerhin war der Weg dahin ein kriminalistisches Abenteuer.

Eine Spur nchtern fllt auch das Resmee der Vorlesungspremiere aus: wenn sich vor dem Zuhrer ungeahnte Welten erschlieen, muss die Prsentation mitreiend gestaltet sein. Hier haperte es an einigen Stellen: erst funktionierte das Mikrofon nicht, dann stand dem Referenten kein Podium zur Verfgung. Zudem schien Prof. Dr. Schlosser, auch wenn er fachlich enorm sattelfest war, nicht so recht in Stimmung fr seinen Vortrag zu sein. Allzu nchtern hakte er die einzelnen Stationen ab. An solchen Kleinigkeiten steht und fllt eine Ringvorlesung.

Neue Erwartungen knnen aber schon am 23. April 2009 in den zweiten Vortrag gelegt werden. Dr. Jrgen Hamel, Archenhold-Sternwarte Berlin, widmet sich dem geozentrische Weltbild: Pldoyer fr eine Meisterleistung der Wissenschaft des Altertums.

Links:

Arche Nebra , das multimediale Besucherzentrum: Die Himmelsscheibe erleben

Informationen kompakt: Die Himmelsscheibe von Nebra - ein frher Blick des Menschen ins Universum

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