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Jonathan Safran Foers „Extrem laut und unglaublich nah“ ist ausgelesen, nun lockt Homers „Ilias“ - oder doch eher ein Krimi? Eigentlich geht heutzutage alles nur noch für Bares über die Ladentheke. Doch Tauschgeschäfte sind bei den „Offenen Bücherschränken“ nicht nur gerne gesehen, sie sind das grundlegende Prinzip. Der erste „Offene Indoor-Bücherschrank“ schmückt nun seit dem 3. März dieses Jahres den Empfangsbereich der HNO-Klinik auf dem Gelände der Universitätskliniken Bonn. Das Tauschprinzip ist tatsächlich denkbar einfach. So einfach, dass Jürgen Reske, Geschäftsführer der Bürgerstfitung Bonn, zu Beginn des Bücherschrank-Projektes skeptisch war. „Die Geschichte des Offenen Bücherschrankes geht auf die Geschichte der Bürgerstiftung selbst zurück“, führt Jürgen Reske aus. „Die Bürgerstiftung Bonn, Ende 2001 auf Initiative der Sparkasse KölnBonn ins Leben gerufen, hatte unter dem Motto "Stiften Sie eine Idee" zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen.“ Das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Bonn sollte verbessert werden. Unter den 130 Einsendungen wurde der Vorschlag für den Offenen Bücherschrank von Trixi Royeck, damals Innenarchitektur-Studentin an der FH Mainz, ausgewählt. Der erste Bücherschrank wurde auf der Poppelsdorfer Allee, dem Trampelpfad für Bonner Studenten, aufgestellt. „Viele haben das Projekt als überaus mutig bezeichnet und ihm ein schnelles Ende prophezeit,“ erinnert sich Reske. „Aber es ist anders gekommen: Die Bonnerinnen und Bonner haben den Bücherschrank vom ersten Tag an in ihr Herz geschlossen und es ist nicht zu schätzen, wie viele tausend Bücher inzwischen in den Schrank gestellt und wieder entliehen wurden.“ Es folgten noch drei weitere Bücherschränke, unter anderem am Beueler Rheinufer, die ihre Schätze zur Schau stellen und auf tauschfreudige Leseratten warten. Ein Buch hinein, ein Buch heraus – oder eines ausleihen und zurückstellen, wenn man fertig ist. Für den ersten Indoor-Bücherschrank kann man sich kaum einen besseren Platz vorstellen als ein Krankenhaus. Wo, wenn nicht dort, liest der Mensch am meisten. Patienten, Besucher und Mitarbeiter profitieren von dem Schrank und seinem unterhaltenden Inhalt. Außerdem kommt man ins Gespräch, während man stöbert. Der Offene Bücherschrank hat die gelöste Atmosphäre eines Flohmarktes und erlaubt, dass die Gedanken abschweifen. Für die naturgemäß teils gedrückte Stimmung in Kliniken sicherlich ein willkommener Ausgleich. Doch es steckt noch mehr dahinter: Kunst und Kultur in Krankenhäusern ist das Leitmotiv hinter der Idee, einen Offenen Bücherschrank in der HNO-Klinik aufzustellen. Die Initiatorin der Initiative „Kunst und Kultur“ am Universitätsklinikum Bonn, Gamila Gerkum, erklärt den Ansatz. „Der Offene Bücherschrank ist, nach der Definition des Künstlers Josef Beuys, eine soziale Plastik.“ Das bedeutet, dass ein Kunstwerk über das materiell fassbare Werk hinaus eine lebendige, sich selbst regulierende Schöpfung ist. Beuys Kunstkonzept schließt das menschliche Handeln mit ein – der Mensch trägt durch sein kreatives Handeln zum Kunstwerk bei, lässt es im Grunde erst atmen und wachsen. Gamila Gerkum möchte Projekte starten, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Ihr Vorhaben traf schon während der Vorbereitung auf durchweg positive Resonanz und viele Beteiligte trugen zur erfolgreichen Umsetzung bei. So auch Angelika Söntgen, die eine „Erstspende“ von Seiten der Universitätsbuchhandlung Bouvier ermöglichte, und Klinikdirektor Prof. Dr. med. Friedrich Bootz, der den Raum und die Möglichkeiten bereit stellte. An Weiberfastnacht vor einem Jahr wurde der Förderantrag bei der Bürgerstiftung Bonn eingereicht und die Installation nahm ihren Lauf, bis der Offene Indoor-Bücherschrank am 3. März feierlich eingeweiht werden konnte. In der Zwischenzeit waren die Räumlichkeiten der HNO-Klinik ausgebaut worden, so dass der Schrank im neuen Gebäudebereich seinen Platz gefunden hat. Oder, wie der stellvertretende kaufmännische Direktor des Universitätsklinikums Bonn, Achim Flender, es ausdrückte: „Die Klinik musste erst für den Bücherschrank gebaut werden.“ Der Offene Bücherschrank soll erst der Anfang einer umfassenden Integration von Kunst und Kultur an Krankenhäusern sein. Am Universitätsklinikum Münster ist beides schon seit 15 Jahren eine Standardeinrichtung. „Kultur imPulse“ nennt sich das Modellprojekt und blickt auf anspruchsvolle Konzerte für Patienten, Besucher und Mitarbeiter sowie Kindertheaterprogramme und Ausstellungen zurück. Ein Programm, das zum Krankenhausalltag gehört und letztendlich sogar die Deutsche UNESCO-Kommission auf sich aufmerksam machte. Wo Kunst in der modernen Therapie nicht mehr wegzudenken ist, wird sie nun vielleicht auch an der Uni-Klinik ein fester Bestandteil werden. Schließlich sagte schon Beuys, dass das „Konzept der Kreativität“ gerade am Arbeitsplatz - sei es im Krankenhaus, an der Universität oder in der Industrie - nicht fehlen dürfe: „Es ist zwar nicht jeder ein Rembrandt, aber jeder Mensch ist ein Künstler.“ Wer hätte gedacht, dass Kunst schaffen so einfach sein kann. Mehr über das Modellprojekt „Kultur imPulse“ im Krankenhaus 1993 – 2008 gibt es hier . Zur Homepage der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde/Chirurgie geht es hier entlang. Den Artikel im General-Anzeiger: "Poppelsdorfer Bücherschrank: Die Frauen geben, die Männer nehmen" könnt ihr hier finden.
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