Vor drei Wochen noch fragte der Spiegel "Studenten, wo seid ihr?" und der Hochschul-Informationsdienst erklrte, der Trend zum Hochschulstudium nach dem Abitur gehe zurck. Wenig spter erklrte Bildungsministerin Annette Schavan, der Abwrtstrend sei gestoppt und die Friedrich-Wilhelms-Universitt in Bonn berichtet von rapide steigenden Bewerberzahlen. Wie sieht der Bewerbungsstand an Nordrhein-Westfalens Hochschulen nun wirklich aus? "Wir haben etwa 20.000 Bewerbungen fr das Wintersemester 2008/2009 erhalten, das sind 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor", erzhlt Frank Luerweg, stellvertretender Pressesprecher der Uni Bonn. Besonders beliebt seien dabei nach wie vor die Fcher Jura, VWL und Medienwissenschaften. Keine Flaute also, sondern Massenansturm? "Die Flut an Bewerbungen sagt noch nichts ber die eigentliche Anzahl von Studieninteressenten aus. Die jungen Leute bewerben sich hufig fr eine Vielzahl an Fchern an derselben Universitt. Trotzdem ist der Anstieg nicht allein mit Mehrfachbewerbungen zu erklren".

Wenn die Bewerberzahlen ber die letzten Jahre hinweg konstant zurckgegangen sind und ein Run auf einige Universitten besteht, bedeutet dies, dass kleinere Hochschulen leer stehen? "Bei uns ist davon noch nichts angekommen", erklrt Rainer Stephan von der Bergischen Universitt Wuppertal, "besonders fr Germanistik und Wirtschaftswissenschaften erhalten wir sehr viele Bewerbungen". Wie vergibt man jedoch Studienpltze, wenn nicht absehbar ist, wie viele Studenten sich nachher auch fr den Standort Wuppertal entscheiden? "Von 15.000 Bewerbern treten hier in etwa 1.500 ihr Studium an. Wie andere Unis auch berbuchen wir die Studiengnge". Es werden also mehr Zusagen verschickt als Pltze vorhanden sind. Wie entscheidet eine Hochschule ber die Anzahl dieser Zusagen? "Unsere Einschtzungen basieren auf Erfahrungswerten", erklrt Frank Luerweg. "Die berbuchung ist so vorsichtig geregelt, dass kein Drama entstnde, wenn sich ein paar mehr einschreiben als erwartet."

Mediale Panikmache und besorgte Eltern haben dafr gesorgt, dass der akademische Nachwuchs von heute versierter an die Zukunftsplanung herantritt, als das so mancher Student noch in den 90ern getan hat. Abiturienten betteln nicht um Studienpltze, sie handeln strategisch und halten sich verschiedene Ausbildungswege offen. Hochschulen geraten immer strker in die Position des Werbetreibenden. Da die Zentralstelle fr die Vergabe von Studienpltzen zunehmend an Bedeutung verliert, muss sich jede Universitt nun selbst um den Bewerberansturm kmmern. Es bleibt bis zum Semesteranfang unklar, ob Kapazitten ausgelastet, berlastet oder nicht genutzt werden. Bringt das neue Verfahren wirklich Vorteile? Erstickt der Abiturient dabei nicht im Papierkram? "Bewerber fllen zunchst ein Online-Formular aus und mssen schriftliche Nachweise nur dann erbringen, wenn sie fr den Studienplatz angenommen sind. Papierkram ist also kein Thema, bis eine Zusage erteilt wird", fhrt Rainer Stephan aus. Und welche Vorteile genieen dabei die Hochschulen? "Wir knnen uns unsere Bewerber endlich selbst aussuchen, das ist ein Fortschritt", findet Frank Luerweg aus Bonn. "Bisher haben wir diese Mglichkeit nur fr den Studiengang 'Molekulare Biomedizin' genutzt. Das mchten wir jetzt ausweiten". Doch nimmt eine groe Hochschule wie die Friedrich-Wilhems-Universitt ihre neue Entscheidungsmacht auch wahr? "Fr einige Studiengnge gibt es gesetzliche Vorgaben; die Pltze fr Rechtswissenschaften mssen nach wie vor nach der Abiturnote vergeben werden. Und zugegeben, in vielen Bereichen sind noch nicht die personellen Kapazitten gegeben, um die Bewerberprofile einzeln durchzuschauen", so Luerweg. Es bleibt also fraglich, ob die neue Autonomie der Hochschulen den knftigen Studenten auch wirklich zu Gute kommt. In welchen Stdten die Universitten berlaufen und wo Hrsle leer bleiben das steht bis Oktober noch offen.

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