"Habt ihr eine Ahnung, wo wir eigentlich dran sind?" Flory Eckmann blickt fragend in die Runde. So richtig wei das keiner der Teilnehmer des Leseklubs. Das mangelnde Interesse bemerkt auch Frau Eckmann. "Ihr findet auch, dass das Buch langweilig wird." Diesmal herrscht Einigkeit. Nach 166 Seiten und unzhligen Stunden des Lesens lockt auch die traurigste Geschichte bei Sandra K*., Stefan D. und Monika B. keine berschwnglichen Emotionen mehr hervor. Das Buch ber Tina, die ihre Zwillingsschwester Cilla durch einen Autounfall verliert, ist zwar tragisch, hat aber seinen Reiz verloren. Zumal noch knapp 100 Seiten ausstehen, und das Lesen dauert bei diesem Leseklub etwas lnger, denn "LEA", so heit er, ist ein Lesetreff fr Menschen mit geistiger Behinderung.

"LEA" steht fr "Lesen einmal anders" und ist ein Projekt fr Menschen, die in ihrem Alltag keine Mglichkeit dazu haben oder nicht Lesen knnen. Dass sie dies aber wollen, ist keine Ausnahme. "Es ist ein Vorurteil zu denken, dass Menschen mit geistiger Behinderung nicht Lesen knnen", sagt Flory Eckmann. Sie ist eine der ehrenamtlichen Moderatorinnen des Klubs in Bonn, der sich einmal in der Woche in der Kneipe der Brotfabrik trifft. Zusammen mit einer weiteren Kollegin hilft sie beim Lesen und fragt nach, damit auch alle den Inhalt verstehen. Im Gegensatz zu den klassischen Leseklubs, die nur ber die Bcher diskutieren, die vorher gelesen werden, werden hier die Texte zusammen whrend des Treffens erarbeitet. Wichtig ist neben dem Lesen selbst ein zweiter Aspekt, wie Frau Eckmann erklrt: Fr die Teilnehmer ist es ein Schritt zu mehr Selbstbestimmung, pnktlich zum Caf zu kommen, selber Getrnke zu bestellen und zu bezahlen und sich im ffentlichen Raum zurecht zu finden. "Sie knnen dadurch ein Stck weit am normalen Leben teilnehmen", so die ehemalige Lehrerin.

Und das ist nicht immer einfach. Was fr die meisten Menschen Alltag ist, ist zum Beispiel fr Sandra K. mhevoll. Die 36-Jhrige sitzt im Rollstuhl und kann nur langsam sprechen. Um berhaupt zum Leseklub zu kommen, muss sie einen Fahrdienst organisieren, Zeiten einteilen, Entscheidungen treffen. "Zu Hause lesen ist schwierig", sagt sie. Abends nach der Arbeit fehlt oft Lust und Zeit, um sich alleine mit Literatur zu beschftigen. Die Abhilfe bietet der Leseklub zumindest fr eine Stunde in der Woche. Aber auch die reicht, um gemeinsam in einer gemtlichen Runde zu lesen und ein Buch zu erarbeiten. Denn auch das Zusammensein und gegenseitige Hilfe beim Verstehen und Lesen sind Teil des Konzepts. Freundschaften sollen entstehen.

Die Idee des integrativen Leseklubs fr Menschen mit geistiger Behinderung brachte die Heilpdagogin Anke Gro aus den USA mit. Sie hatte dort ein Jahr mit Dr. Tom Fish von der Ohio State University in den von ihm gegrndeten "Next Chapter Book Clubs" gearbeitet. Gemeinsam mit der Klner Professorin Barbara Fornefeld von der Humanwissenschaftlichen Fakultt passte sie das amerikanische Modell den deutschen Verhltnissen an. Mit Untersttzung der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft entstand so im Mrz 2007 der erste Klub. Mittlerweile gibt es vier LEA-Leseklubs zwei in Kln, einer in Bremen und der in Bonn. Insgesamt nehmen 25 Lesewillige und zwlf Moderatoren an den Sitzungen teil. Vier bis sechs Teilnehmer sind bei jedem Termin, dazu kommen zwei Moderatoren, die wie Flory Eckmann ehrenamtlich dabei sind. Die Nachfrage von Menschen mit Behinderung ist gro. "Es gibt mehr Anfragen, als wir aufnehmen knnen", stellt Anke Gro fest, die das Projekt jetzt als Doktorandin begleitet.

Neben dem Lesen schreiben die Teilnehmer auch selber Texte ber private Ereignisse: Beispielsweise vergleichen sie ihr Leben mit dem der Protagonisten im Roman. In der Stunde sind alle mal dran mit vorlesen, jeder in seinem eigenen Tempo. Einige tragen ihren Text langsam und schwerfllig vor, andere beinahe flssig. Um das Verstehen zu ermglichen, stellt Flory Eckmann Verstndnisfragen oder macht kleine Spiele. Heute fllt Sandra K., Stefan D. und Monika B. die Beantwortung der Zwischenfragen leicht, das Jugendbuch ist fr alle verstndlich. Nicht so leicht ist es dagegen, angemessene Bcher auszuwhlen: "Es ist schwierig, altersgeme Literatur zu finden, die einfach zu lesen ist", so Anke Gro. Die Teilnehmer sind Erwachsene zwischen 21 und 45 Jahren und knnen dementsprechend wenig mit Kinder- und Jugendbuchliteratur anfangen. Spezielle Literatur fr Menschen mit geistiger Behinderung gebe es aber bisher kaum.

Das Projekt wurde im Juni mit dem transatlantischen USable Ideenpreis ausgezeichnet, der die Umsetzung amerikanischer Ideen in Deutschland wrdigt. Der Preis wird von der bekannten Krber Stiftung verliehen. Jetzt sind weitere Leseklubs in ganz Deutschland in Planung, um mglichst vielen geistig behinderten Menschen die Mglichkeit zu geben, in die Welt der Literatur einzutauchen und mit einem weit verbreiteten Klischee aufzurumen.

* Namen von der Redaktion gendert

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