Bis Herbst kommenden Jahres soll die erste deutsch-trkische Hochschule in Istanbul entstehen. Eine entsprechende Grndungsvereinbarung hatten vor einigen Wochen Auenminister Frank-Walter Steinmeier, sein trkischer Amtskollege Ali Babacan und Bundesbildungsministerin Annette Schavan in Berlin unterzeichnet.

Fr die geplante staatliche Universitt sind zunchst erstmal nur vier Fakultten geplant. Rechtswissenschaften, Wirtschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften sollen angeboten und die vorgesehenen Universittsabschlsse Bachelor, Master und Promotion in beiden Lndern anerkannt werden. Ehrgeiziges Ziel der Regierungen beider Lnder ist es, mittelfristig bis zu 5000 Studenten an der deutsch-trkischen Hochschule auszubilden.

Doch bisher existiert dieses Projekt nur auf dem Papier und ist auch kein neues; denn bereits unter der Regierung Kohl war der Plan einer deutschen Universitt in Istanbul besprochen, jedoch nie verwirklicht worden. Damit es nicht erneut nur bei Vorbesprechungen bleibt, hatten nun schon Anfang vergangenen Jahres Bundesauenminister Frank-Walter Steinmeier und Ex-Bundestagsprsidentin Rita Sssmuth in einem gemeinsamen Brief dazu aufgerufen, eine deutsch-trkische Universitt zu grnden. In dem Schreiben pldierten beide fr einen "neuen Brckenschlag zwischen Deutschland und der Trkei, der nicht nur die Kontinente, sondern die Kpfe und Herzen junger Menschen in der Trkei und in Deutschland noch enger zusammen fhrt".

Dieser Brckenschlag soll folgende Kernpunkte umfassen:
Als Zielgruppe will die deutsch-trkische Universitt exzellente Absolventen beider Lnder anziehen, also Absolventen deutscher Schulen in der Trkei sowie deutsche und trkischstmmige Absolventen von Gymnasien in Deutschland. Der Fokus an der deutsch-trkischen Uni soll auf interkulturell ausgerichteten deutsch-trkischen Studiengngen liegen.

Die deutsche Seite wird die Lehrplne entwickeln und deutsche Dozenten und Lektoren in die Trkei schicken. Auch der Aufbau eines Sprachlernzentrums sowie Zuschsse zu Ortsgehltern, Stipendien und Fortbildungsmanahmen bernimmt die Bundesrepublik. Die trkische Seite stellt das Gelnde, die Gebude und die Infrastruktur zur Verfgung und wird die laufenden Kosten tragen.

Die Inhalte aus Deutschland und das Rstzeug aus der Trkei - so auf jeden Fall knnte man dieses Vorhaben verstehen, wenn es im nchsten Jahr unter diesen Bedingungen wirklich umgesetzt wird. Stellt sich nur noch die Frage, warum das Zusammenrcken von deutschen und trkischen Kpfen und Herzen eigentlich so wichtig ist? "Die deutsch-trkische Universitt ist ein wichtiger Schritt fr die Weiterentwicklung des internationalen Hochschulraums", klrt Bundesministerin Schavan im Rahmen der Grndungsunterzeichnung auf. Doch fragt sich, warum dann der Vorschlag des trkischen Regierungschefs Erdogan, trkische Schulen und Hochschulen in Deutschland einzurichten, Anfang des Jahres so heftig kritisiert wurde.

Denn eigentlich knnten die trkischen und deutschen Studierenden die angestrebte interkulturelle Ausbildung ja auch in Deutschland erhalten. An den Rahmenbedingungen fr eine deutsch-trkische Uni in Deutschland fehlt es jedenfalls nicht, da die Trkei schon seit 2001 Mitglied im Bologna-Prozess ist und auch eine deutsch-trkische Hochschulkonferenz mit Sitz in Bonn und Ankara bereits geplant wird.

Wenn es also bei diesem Projekt anscheinend nicht nur um eine Weiterentwicklung des internationalen Hochschulraums geht, worum dann? Auch hier liefert Ministerin Schavan eine Erklrung: "Wissenschaft und Wirtschaft sollen gleichermaen von diesem Leuchtturm der Beziehungen zwischen unseren Lndern profitieren." In erster Linie stehen also die Interessen der heimischen Wirtschaft im Mittelpunkt des ehrgeizigen Projekts, denn Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Trkei, und natrlich profitieren die deutschen Unternehmen vom konomischen Aufschwung am Bosporus. Und anscheinend sind einige dieser Firmen in der Trkei vermehrt auf der Suche nach "gut ausgebildeten, interkulturell und interdisziplinr 'sprachfhigen' jungen Menschen", so jedenfalls schreiben Steinmeier und Sssmuth in ihrem Brief vom Mrz 2007. Weiter heit es "Deutschland ist in der Trkei zu wenig prsent". Und genau das soll sich durch die geplante deutsch-trkische Universitt in Istanbul jetzt ndern.

Obwohl also das Interesse der deutschen und trkischen Wirtschaft an den knftigen Absolventen einer solchen Hochschule wohl der ausschlaggebende Grund gewesen sein muss, das Projekt "deutsch-trkische Universitt" endlich anzufassen, bleibt zu hoffen, dass durch die Verwirklichung solcher Ideen die von Steinmeier und Sssmuth angestrebte "internationale und interkulturelle Lerngemeinschaft" nicht nur eine Vision unseres Globalisierungszeitalters bleibt.

Artikel drucken