Die einen finden es zum Heulen, die anderen einfach lcherlich: Angesichts ihrer Prfungsergebnisse im Zentralabitur stehen viele Abiturienten Nordrhein-Westfalens vor der Frage, ob sie die Katastrophe mit beiendem Sarkasmus oder aber mit totaler Verzweiflung behandeln sollen. Besonders hart traf es all diejenigen, die mutig genug gewesen waren, einen Mathematik-Leistungskurs zu belegen. Denn in den Prfungen erwartete sie, noch schlimmer als bei allen anderen Prflingen, ein Horror-Abitur.

Dabei begann es alles so viel versprechend. Bei strahlendem Sonnenschein traten am Dienstag, den 15 April 2008, smtliche Abiturienten Nordrhein-Westfalens zum Mathematikprfungstermin an. Nachdem es im vorherigen Jahr einige Pannen gab, sollte dieses Mal alles rund laufen. Schlielich hatte das Schulministerium gengend Zeit gehabt, aus den alten Fehlern zu lernen. Sollte man meinen. Whrend Lehrer und Schler im Vorfeld der Ansicht waren, gut auf die Klausuraufgaben vorbereitet zu sein, zeigte sich am Morgen der Klausur ein ganz anderes Bild. Verzweifelte Lehrer traten in die Klassenrume und erffneten wie etwa im Bonner Friedrich-Ebert-Gymnasium ihren Schlern, dass sie selbst eine Aufgabe nicht hatten lsen knnen. Einige Schlerinnen brachen daraufhin aus Panik in Trnen aus. Soll so eine Abiturprfung aussehen?

Eigentlich htten wir auch gleich wieder abgegeben knnen, beschwerte sich der Mathe-LK des Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums. Auf die Frage eines Lehrers, wie die Klausur verlaufen sei, antworteten ihm einige Schler: Wir haben alle verkackt. Statt den blichen Maregelungen angesichts dieses Sprachgebrauchs begegnete er den Schlern nur mit einem traurigen Kopfschtteln. Auch er hatte wohl schon von den Problemen whrend des Abiturs gehrt. Kaum ein Schler konnte whrend den sechs Schulstunden Prfungszeit eine vollstndige Rechnung zu Papier bringen. Stattdessen schrieben sie Gedankengnge und Rechenanstze auf, um berhaupt irgendwas abgeben zu knnen. Viele saen auch einfach nur da und starten aus den Fenstern, in der Hoffnung, es wrde ihnen etwas Gescheites zum Oktaeder des Grauens einfallen, wie eine der Aufgaben mittlerweile genannt wird.

Von acht gestellten Aufgaben konnten die Lehrer drei fr ihren Kurs auswhlen. Die Aufgaben standen sich dabei in Schwierigkeit und Unvollstndigkeit nur wenig nach. Eine Tatsache, die viele Lehrer wtend macht, denn die Landesregierung wirft ihnen nun vor, sie htten andere Aufgaben nehmen knnen. Der Spielraum bestand dabei zwischen lausig formuliert, unverstndlich oder unlsbar. Selbst der Bonner Professor Peter Koepke, welcher im Auftrag des Bonner Helmholz-Gymnasiums die Aufgaben nachrechnete, attestierte, diese wren wesentlich unvollstndig und falsch gestellt gewesen. Hinzu kme, dass die Klausuraufgaben heute alle in Textaufgaben verpackt wren, was diese zustzlich verkomplizieren wrde.

Da halfen selbst Fragen aus dem Bereich Sport recht wenig, obwohl sich viele Schler da eigentlich recht gut auskennen. Doch wenn die Logik sich schon in der Aufgabenstellung verabschiedet, ist es um die Lsbarkeit der Aufgabe schlecht bestellt. So wei zumindest jeder mnnliche Abiturient, dass Dirk Nowitzki eher selten zehn Freiwrfe hintereinander ausfhrt. Doch genau dieses Szenario war in einer Aufgabe gegeben. Kein Wunder, dass sich die Schler zutiefst verunsichert fhlten handelte es sich um einen weiteren Druck- oder Rechenfehler, oder meinte das Schulministerium es dieses Mal ernst? Aber selbst wenn man gengend Fantasie und Verstndnis fr Nowitzkis Freiwurfserie aufbrachte oder trotz anderer Fehler einen mglichen Lsungsweg gefunden hatte, konnte man es nicht schaffen, in der gegebenen Zeit alle Aufgaben zu bearbeiten. Dafr wre der Zeitrahmen viel zu eng gesteckt gewesen, urteilt Professor Koepke. Die Zeit, welche die Prflinge an den fehlerhaften Rechnungen verschwendeten, fehlte ihnen spter fr die Fertigstellung der anderen Aufgaben.

Genau diese Situation wollte sich das Dsseldorfer Schulministerium in diesem Jahr eigentlich ersparen. In einem 16-stufigen Verfahren sollte sichergestellt werden, dass keine Fehler in den Aufgaben auftreten. Aber scheinbar ist dies ebenso wenig gelungen wie eine leistungsgerechte Auswahl. Es ist daher nicht gerade schwer nachzuvollziehen, dass das Verstndnis fr das Zentralabitur an den Schulen schwindet. Whrend die Prfungen eigentlich zur Sicherung vorgegebener Standards und einer Vergleichbarkeit der Ergebnisse dienen sollen, glnzen sie momentan in der ffentlichkeit nur mit Negativmeldungen. Auf Grund der zahlreichen Klagen und ganzen Mathekursen, die in die Nachprfung mssen, will Schulministerin Barbara Sommer den betroffenen Abiturienten nun die Mglichkeit geben nachzuschreiben. Dafr mssen sie nur nachweisen knnen, dass Stoff in der Vorbereitung versumt wurde und somit letztlich, zumindest aus Sicht des Ministeriums, ihren Lehrern die Schuld zuschieben. Die Schlerlandesvertretung fordert dagegen, dass die Noten zumindest in Mathematik nachtrglich angehoben werden. Das vom Ministerium vorgeschlagene Verfahren sei viel zu brokratisch und wrde am Problem vorbeigehen.

Leiden an dem ganzen Debakel mssen die Schler. Die Anmeldefristen der Universitten verstreichen, ohne dass sie eine Endnote in den Hnden halten. Ihre Durchschnittsnoten sind so weit in den Keller gegangen, dass manch ein Numerus Clausus in unerreichbare Ferne gerckt ist. Dabei haben sie sich wirklich bemht. Trotz der Horror-Aufgaben hat kaum ein Schler frher abgegeben, sondern stattdessen versucht, eigene Lsungswege zu entwickeln. Diese entsprachen allerdings nicht dem vorgegeben Lsungsschema und waren somit nach Vorgabe aus dem Ministerium nichts wert. Wozu sollte man Individualitt, Flexibilitt und Kreativitt auch belohnen? Mit dem Sprichwort Man lernt nicht fr die Schule, sondern frs Leben hat dieses Verfahren auf jeden Fall nicht wirklich etwas zu tun.

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