"Wir hinken hinterher", so die Meinung vieler Wissenschaftler und Befrworter der Forschung an embryonalen Stammzellen. In anderen europischen Lndern wie England und auch im christlich-konservativen Spanien drfen Forscher weitaus mehr. Die Frage, ob man entstehendes menschliches Leben "tten" darf, um aus den Embryos Stammzellen zu gewinnen, welche mglicherweise eines Tages therapeutischen Nutzen haben knnten, ist dort schon lngst entschieden.

Hierzulande ist das nicht erlaubt und wird sich vorerst auch nicht ndern. Gestattet ist, embryonale Stammzellen, die vor 2002 im Ausland gewonnen wurden, zu importieren. Den Forschern ist das nicht genug. Es seien einfach zu wenige Stammzellenlinien, zu sehr verunreinigt wre dieses Material. Somit wrde die Politik der Wissenschaft nicht erlauben international wettbewerbsfhig zu sein, argumentieren die Befrworter einer freieren Handhabung. Zumindest in diesem Punkt bringt die neue Regelung, die am Freitag den 11. April verabschiedet wurde, eine Lockerung. Von 580 Delegierten stimmten 346 fr diese: nun ist es mglich, frischere embryonale Stammzellen zu importieren. Neuer Stichtag ist der 1. Mai 2007. Stammzellen, die vor diesem Zeitpunkt im Ausland gewonnen wurden, drfen nach Deutschland eingefhrt und zu Forschungszwecken verwendet werden. Damit steht den deutschen Forschern zwlfmal mehr Material als bisher zu Verfgung.
Fr manche ist diese Verschiebung ein "fauler Kompromiss", der das Problem nur fr den Augenblick vertagt, aber keine endgltige Lsung beinhaltet. "In wenigen Jahren werden die Probleme, die mit dieser Entscheidung nicht beseitigt wurden, wieder akut sein", uert sich Hans Schler vom Max-Planck-Institut fr Molekulare Biomedizin in Mnster, einer der renommiertesten deutschen Stammzellen-Forscher. Im Bundestag gingen die Meinungen ebenfalls auseinander. "Menschliches Leben ist nicht relativierbar. Es wiegt schwerer als das Wettbewerbsargument der Wissenschaft", sagte Bundestags-Vizeprsident Wolfgang Thierse hierzu. Fr Forschungsministerin Schavan hingegen ist es ein notwendiger Schritt in die richtige Richtung, auch das ethische Dilemma halte sich in vertretbare Grenzen. "Die Forschung gewinnt diese Stammzelllinien aus solchen Embryonen, bei denen die Entscheidung bereits getroffen ist, sie nicht fr eine Schwangerschaft einzusetzen. Daher ist die Verlegung des Stichtags um diesen schmalen Korridor verantwortbar. Diese kleinstmgliche Vernderung des Gesetzes ist eine Weiterentwicklung", so die CDU-Politikerin.

Auerhalb des Bundestages stellt die Katholische Kirche einen der bedeutendsten Gegner der Forschung an embryonalen Stammzellen dar. "Diese Entscheidung ist in der Sache nicht gerechtfertigt und mit Blick auf den Lebensschutz in der biomedizinischen Forschung das falsche Signal", nimmt Hans Joachim Meyer, Prsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), dazu Stellung. Generelle Kritik an der embryonalen Stammzellenforschung gibt es jedoch auch innerhalb der Forschenden. Diese Disziplin ist gerade mal zehn Jahre alt und die anfngliche Euphorie wird lngst nicht mehr von allen Wissenschaftlern geteilt. Wurden embryonale Stammzellen anfangs als die Wunderwaffe der Zukunftsmedizin gepriesen, welche die Menschheitsplagen Alzheimer, Parkinson und Diabetes endgltig besiegen sollten, gibt es derzeit keine wesentlichen Anhaltpunkte fr eine therapeutische Nutzbarkeit. Die Zellen, die in der Frhphase (fnfter Tag), dem Embryo entnommen werden und die sich theoretisch zu jedem anderen Zelltypus entwickeln lassen, bergen groe Risiken. Das ungebremste Wachstum dieser Zellen kann zu Tumoren und Krebs fhren, und da es sich um Fremdzellen handelt, ist eine Abstoung wahrscheinlich.

Viel versprechender ist ein anderer Ansatz. Jngst gelang es Forschern, krpereigene Hautzellen wieder zu adulten Stammzellen umzuformen. Diese haben zwar nicht genau das gleiche Potenzial wie ihre embryonalen Vettern, bergen aber groe Vorteile. Gelingt es, diese dazu zu bewegen, sich in Nerven- oder Muskelzellen umzuwandeln, htte man spezifisches krpereigenes Material fr jeden Kranken zur Verfgung. Das wrde zumindest den Abstoungseffekt minimieren. Allerdings und darin sind sich alle Wissenschaftler einig muss erst verstanden werden, wie diese Umwandlung abluft. Das geht am besten an den embryonalen Zellen. Schtzungen nach wird es noch zwischen 10 und 30 Jahren dauern, bis diese Anstze medizinischer Alltag sind, wenn berhaupt. Und die Kosten fr diese High-Tech Medizin sind berhaupt nicht absehbar. Es stellt sich also auch die Frage, wer sich dann solch eine Therapie wird leisten knnen.

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