Schon mal vor der neuesten technischen Errungenschaft gesessen in der freudigen Erwartung, dass bald alles schner, bunter und vor allem einfacher wird? Man also zu den Fortschrittlichen gehrt? Frustrierend, wenn dann schon beim manuellen Sendersuchlauf Schluss ist, bevor der DVD-Recorder berhaupt ins Spiel kommen konnte oder das Handy doch nicht so unkompliziert mit dem Rechner kommunizieren will. Falls das bekannt vorkommt: Es gibt Hoffnung. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern sucht nach neuen Konzepten fr eine einfache und (idioten)sichere Bedienung technischer Gerte, die auch noch Spa macht.

Die Ergebnisse ihrer Arbeiten stellten sich die 150 aus der ganzen Welt angereisten Teilnehmer der zweiten internationalen Konferenz Tangible and Embedded Interaction 2008, zu der die Unis Duisburg-Essen, Bonn und Aachen in Zusammenarbeit mit dem Fraunhoferinstitut Birlinghoven eingeladen hatten, vom 18. bis zum 20. Februar im Bonn-Aachen International Center for Information Technology (B-IT) in der Bundesstadt gegenseitig vor. Wichtig war fr die berwiegend noch recht jungen Forscher auch der Austausch von Ideen darber, wie man - dem Titel entsprechend - Anwendungen (be)greifbar machen und sie in Alltagsgegenstnde integrieren kann, um Informationen unauffllig an ntzlichen Orten und zu angebrachten Zeiten einzubetten, ohne dass vom Benutzer ein ausdrcklicher Befehl erwartet wird, wie es Organisator Professor Albrecht Schmidt auf den Punkt bringt. Ein Beispiel ist der Schuh, der vom Terminkalender wei, wohin man mchte und den Trger automatisch in die entsprechende Richtung lenkt. Indem er die Sohle ganz wenig seitlich kippt, soll die Person unbewusst eine Kurve laufen um die Schrge auszugleichen und so ihrem Ziel nher kommen.

Viele der vorgestellten Projekte mgen wie Zukunftsmusik klingen, zeigen aber das groe kreative Potential und das technische Knnen ihrer Schpfer, das eine Revolution in der Datenverarbeitung ankndigt. Whrend sich bisher die Anbieter vor allem mit technischen Details zu berbieten versuchten, sei es heute immer schwieriger sich rein ber die Funktion abzusetzen. Vielmehr ist eine Sttigungsgrenze erreicht. Ob ich 900 oder 1000 Stunden auf meinen mp3-Spieler laden kann, spielt heute fr den Kauf keine groe Rolle mehr, so der Leiter des Fraunhoferinstituts fr Intelligente Analyse- und Informationssysteme, Professor Stefan Wrobel. Zunehmend wichtiger werde dagegen der Spa- und sthetikfaktor, dem sich beispielsweise Apple schon seit Jahren mit Erfolg zugewandt hat.

Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem neue Mglichkeiten, Aus- und Eingabe zu strukturieren und Alternativen zu Tastatur und Bildschirm zu entwickeln. So erkennen die AudioCubes einer belgischen Gruppe ihre Positionen zueinander und senden diese an einen Rechner, der daraus mit Hilfe bestimmter Algorithmen Musik erzeugt. Durch Verschieben und Drehen knnen so auch Laien intuitiv ihrer musikalischen Neugier freien Lauf lassen. Andere Teilnehmer entwickelten einen Baukasten fr Puppenhuser. Also vor allem Wnde. Mit Tr, ohne Tr, mit Fenster und ohne, ohne alles, in verschiedenen Breiten etc, die auf einer Grundplatte beliebig zu Rumen zusammengesteckt werden knnen. Das mag nicht sonderlich innovativ klingen, wenn man nicht wei, dass alle Elemente kleine Radiowellensender, so genannte RFIDs, enthalten. Die Grundplatte empfngt also, welches Teil wo steht, sendet dies an einen Computer, der daraus ein begehbares 3d-Modell errechnet. Denkbar wre zum Beispiel natrlich bei stark fallenden Kosten der Teile - ein solcher Bausatz hinten im IKEA-Katalog. Das eigene Heim zusammenbasteln und dann aus dem Internet die entsprechenden Mbel, Tapeten und Vorhnge laden, um besser planen zu knnen. Klingt nach Zukunft.

Bei der Ausgabe ist haptisches Feedback ein groes Thema. Nachdem uns die Technik immer mehr krperliche Mhsal erspart und viele Rckmeldungen auf den visuellen Kanal gelegt hat, stellt man heute eine berladung desselben fest. Wo frher die Lenkstange direkte Rckmeldung gab, wie geschmeidig der Randstein mit dem Auto erklommen wurde, schluckt dies heute vielfach eine Lenkelektronik. Zustzliche Displays machen es nicht bersichtlicher. Also mssen vermehrt andere Sinne angesprochen werden. Eine Idee ist, die akustische Warnmeldung des Zudichtauffahrens beim Einparken in strker werdende Vibrationen der Sitze zu modulieren. Eine andere Mglichkeit, die Interaktion zwischen Mensch und Computer direkter zu gestalten prsentierte eine Deutsche Abordnung in einem Spiel, bei dem der Akteur einen Snowboardfahrer an Hindernissen vorbei steuert. Dies geschieht mit Hilfe von Bewegungen des Krpers nach rechts oder links, die durch eine Kamera erfasst und in Reaktionen der Figur umgesetzt werden, whrend zwei an einem Helm befestigte Lfter fr den Fahrtwind sorgen. Ein Abkommen von der Bahn wird dabei mit verstrktem Gepuste von der entsprechenden Seite quittiert, auf dass man in die richtige Spur zurck findet.

Mgen viele der Projekte zunchst wie unrealistische Spielerei klingen, stellen sie doch einen zunehmend wichtiger werdenden Teil technologischer Entwicklung dar, wie schon die Kooperation aus Universitten, Forschungseinrichtungen und privaten Sponsoren wie Nokia und Microsoft belegen. Komplexe Benutzungsschnittstellen frustrieren und fhren dazu, dass blicherweise nur ein Bruchteil des technisch Mglichen genutzt wird, stellt Schmidt fest und freut sich ber die Interdisziplinaritt, mit der die Frage angegangen wird. Neben Designstudenten und Informatikern griffen so auch die Pdagogen neue Wege der Wissensvermittlung auf und grndeten am Montag in der Gesellschaft fr Informatik einen Arbeitskreis Be-greifbare Interaktion in Gemischten Wirklichkeiten fr Bildungsprozesse.

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