Seit Mitte der Siebziger Jahre berichtet die Bonner Zeitschrift ila ber kulturelle und politische Prozesse in Lateinamerika. Damit ist die ila eine Nischenzeitschrift. Um weiterhin bestehen zu knnen, bentigt die Zeitschrift wieder mehr Kufer und Abonennten. Ansonsten sieht es schlecht aus. campus-web sprach mit dem Redakteur Gert Eisenbrger ber das Konzept der Zeitschrift und Themen aus Lateinamerika, die in der hiesigen Presselandschaft untergehen.

campus-web: Es sind keine einfachen Zeiten fr Zeitungen. Symbol dafr ist der krzliche Insolvenzantrag der Frankfurter Rundschau. Nun steckt auch die ila vor finanziellen Problemen. Was sind die Grnde dafr?
ila: Wir geben monatlich die Zeitschrift ila heraus und haben den Internetauftritt ila.web.de. Whrend die Auflage unser Printausgabe ber viele Jahre relativ konstant war beziehungsweise leicht anstieg, haben wir seit etwa drei Jahren rcklufige Abozahlen. Und das nicht etwa weil mehr Leute als frher ihr Abo kndigen deren Zahl ist seit zwanzig Jahren relativ konstant sondern weil weniger Leute ein neues Abo bestellen. Gleichzeitig steigen aber die Zugriffe auf unsere Website. Auch der Einzelheftverkauf luft sehr gut. Das Problem ist aber, dass die Abo-Einnahmen unsere Hauptfinanzierungsquelle sind. Da wir nur sehr geringe Werbeeinnahmen haben und gelegentliche Druckkostenzuschsse von politischen und kirchlichen Stiftungen auch relativ bescheiden sind, finanzieren wir unsere gesamte Arbeit also auch das Online-Angebot zu mehr als 80 Prozent ber Abos. Wenn deren Zahl aber weiter sinkt, wird es bald eng.

campus-web: Woher beziehen Sie Ihre Informationen ber Lateinamerika?
ila: Wir haben in allen lateinamerikanischen Lndern Ansprechpartner und partnerinnen. Die fragen wir an, wenn wir ber die jeweiligen Lnder berichten wollen. Auch bieten uns Leute aus dem deutschsprachigen Raum, die vorbergehend in Lateinamerika sind, regelmig Artikel oder Interviews zu den Lndern an, in denen sie studieren oder arbeiten. Solche Berichte verffentlichen wir gerne, weil sie oft sehr lebendig und anschaulich sind. Darber hinaus beziehen wir natrlich auch kritische Informationsdienste aus Lateinamerika, werten die Nachrichtenangebote von Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen aus und verfolgen im Internet die Berichterstattung lateinamerikanischer Medien.

campus-web: Ihre Zeitschrift wurde vor ber 36 Jahren ins Leben gerufen. Damals war Lateinamerika berst mit Diktaturen. Das hat sich gendert. Was macht den Kontinent trotzdem interessant fr potentielle Leser Deutschland?
ila: Lateinamerika war in den siebziger Jahren ja nicht deshalb besonders interessant, weil dort so viele Militrdiktaturen herrschten. Diese beziehungsweise die von ihnen verantworteten schweren Menschenrechtsverletzungen waren aber der Grund dafr, dass sich viele Leute hier in der Solidarittsbewegung fr Lateinamerika engagierten. Heute gibt es glcklicherweise keine direkten Diktaturen mehr, aber viele der Probleme wie Massenarmut, groe Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen, fehlende oder unzureichende soziale Sicherungssysteme, Obdachlosigkeit, Kriminalitt, Landvertreibungen bestehen fort, einige habe sich sogar noch verschrft. Es gibt auch weiterhin Menschenrechtsverletzungen, etwa an Jugendliche in den Armenvierteln oder GegnerInnen von Groprojekten. Fr viele dieser sozialen Konflikte und Gewaltphnomene ist die neoliberale Wirtschaftspolitik der letzten beiden Jahrzehnte verantwortlich. Aber ungeheuer faszinierend und auch lehrreich fr Europa sind der vielfltige und lebendige Widerstand gegen diese Politik und die Vernderungen, die dadurch angestoen wurden. Darber berichten wir natrlich sehr ausfhrlich in der ila.

campus-web: Nehmen wir mal die schwere Erkrankung von Venezuelas Prsident Hugo Chvez: Es ist wohl das grte Thema aus Lateinamerika, das es in den letzten Wochen in die deutschen Medien geschafft hat. Wie unterscheidet sich Ihre Berichterstattung von anderen Plattformen?
ila: Wir finden die Personalisierung von Politik, wie sie vor allem die Mainstream-Medien in Bezug auf Venezuela betreiben, vllig unangemessen. Wir berichten kaum ber Hugo Chvez. Was uns in Bezug auf Venezuela viel mehr interessiert, ist die Frage, was sich im Land konkret verndert und die zweite Frage, ob diese Vernderungen zu mehr politischer Beteiligung und sozialer Integration fhren. Wir haben zum Beispiel in den letzten Jahren mehrfach ber soziale Projekte in den rmeren Vierteln, ber die Konflikte zwischen Landlosen und Grogrundbesitzern um die Agrarreform, ber die Kmpfe um Selbstverwaltung in den Betrieben oder ber die Zustnde in den Gefngnissen berichtet. Wenn man sich diese Realitten anschaut, ergibt sich ein sehr viel ernsthafteres und differenzierteres Bild der sozialen Entwicklung in Venezuela, als wenn man nur ber die Sprche und die Krankheit von Hugo Chvez berichtet.

Die ila erscheint zehn Mal im Jahr und bietet fr Studenten ein ermigtes Abonnement von 38 Euro an.


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