Die Zeit steht still im ersten Stock des Universittsgebudes Bonn. Und das nun schon seit einem Jahr. Der Zeiger der Uhr vor den VZ-Rumen: Er hat sich keinen Millimeter gerhrt. Er bleibt unberhrt davon, wie mir die Zeit durch die Finger rennt, wie ich von Veranstaltung zu Veranstaltung, von Termin zu Termin, von Verpflichtung zu Verpflichtung haste. Es interessiert ihn nicht, wie sehr ich ihn anflehe, sich zu bewegen und mir die richtige Zeit anzuzeigen, wenn ich spt dran bin. Er steht einfach still.

Oft habe ich mich gefragt, warum man ihn nicht wiederbelebt. Warum man der Uhr mit einer Batterie nicht einfach neue Energie einpflanzt. Ich habe mich gergert, wie unaufmerksam die Mitarbeiter der Universitt sind, die nicht bemerken, dass der Zeiger sich nicht rhrt.

Irgendwann bin auch ich einfach stehen geblieben, habe mich vor die Uhr gesetzt und sie angestarrt. Und mich gefragt, was das eigentlich ist, was man Zeit nennt. Eine physikalische Greneinheit, die man objektiv messen kann. Ein Ordnungssystem. Ein Zeichen fr unsere Vergnglichkeit. Ein schwer greifbares Konstrukt, das wie ein Mahnmal ber uns schwebt.

Aber vor allem ist sie eins: Sie ist Druckmittel. Sie ermglicht, dass es Termine gibt, die wir einhalten mssen. Zeitgebundene Verabredungen, zu denen wir hetzen. Sie gibt Phnomenen wie der Midlifecrisis die Chance, in uns zu wurzeln. Sie gibt der Angst vom Versagen Platz, weil man befrchtet, etwas nicht in der Regelzeit zu schaffen. Im Grunde ist die Zeit nichts anderes als ein Diktator, der unser Leben bestimmt. Sie ist das Damoklesschwert ber unseren Kpfen.

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