Kurz nach meiner Imatrikulation fand sie erstmals statt, die Absolventenfeier der Universitt Bonn. Laut Werbespruch ist sie einzigartig in Deutschland. Auch diesmal war es eine perfekte Inszenierung. ber 1000 Absolventen aller Fakultten, einheitlich gekleidet mit Talar und Mtze, versammelten sich, um gemeinsam den sechsten Festtag dieser Art zu begehen. Aus Sicht eines Betroffenen folgt nun punktuelle Momentaufnahme.

Die Ankunft
Wenig feierlich gestimmt und noch mde steige ich schwarzbemantelt in die S-Bahn. Es ist acht Uhr dreiig. In der Eile hatte ich vergessen, mir noch eine Flasche Wasser einzupacken. Das Thermometer nhert sich bereits jetzt den 30 Grad.
Um 8.45 stehe ich etwas versptet im Innenhof, aber gerade noch rechtzeitig, um die Zuteilung in die verschiedenen Gruppen wahrzunehmen. Die folgenden Anweisungen ber das Vorgehen der nchsten Stunden sind leicht grenzwertig und zeichnen sich besonders durch nicht gerade wenige verbale Entgleisungen und einen barschem Tonfall aus. Fr jemanden ohne Wehrdiensterfahrung ist dies eine interessante Erfahung. Aber wahrscheinlich war es nur eine letzte erzieherische Dienstleistung der Uni, die die Absolventen auf die harte Realitt des Berufslebens vorbereiten mchte...

Ich rgere mich erneut, kein Wasser mitgenommen zu haben, denn die Temperatur unter den schwarzen Kutten stieg unaufhrlich an. Es war 9.30. Wir bekommen von dem Fhrungspersonal unsere persnliche Kennziffer zugeteilt bekommen und die Einschrfung, nicht die Reihe zu verlassen. Wer seine Platzzuweisung nicht einhlt, bekommt kein Zeugnis, wird uns mitgeteilt.

Der Einzug
Kurz darauf marschieren Reihe fr Reihe um die Universitt herum zum Festivittengelnde. Die Sonne beginnt zu brennen. Weitere fnfzehn Minuten gilt zu warten, wir drfen noch nicht ins Zelt. Gott sei dank stehe ich im Schatten, andere hinter mir hatten weniger Glck, bis wir endlich die Pltze einnehmen drfen. Ich wei nicht warum, aber irgendwie hatte ich gehofft, ja fast fest daran geglaubt, auf meinem Platz eine kleine Flasche Wasser vorzufinden. Es sind im Zelt dreiig Grad und mehr, die Kutte tut ihr briges, auf meinem Platz liegt nur ein Schlsselanhnger und eine Informationszeitschrift, die sich als Fcher eignet. Wenigstens sitzen wir schattig.

Sporadische Inflation
Whrend die brigen Fakultten einmarschieren, beschliee ich noch rasch mir und meiner Nachbarin eine Flasche Wasser zu besorgen. Ich drcke mich vorbei an der Ordnerin, die mein Anliegen problemlos einsieht. Da die Cafeteria zu weit weg ist (Samstags mglicherweise auch geschlossen) muss ich auf die Dienste des StWBs vor Ort zurckgreifen. Zwei Flaschen Wasser fr Sechs Euro, das ist zweieinhalb mal so teuer wie gewohnt.

Der nette Teil
Rechtzeitig zum Einzug des Rektorats kann ich meinen Platz wieder einnehmen. Es beginnt die Zeit der Reden, die berraschenderweise nicht von der blichen gewollten Bedeutungsschwere berlastet sind. Fohrmann erffnet prchtig. Vielleicht setzte ich mich bei Zeiten einmal in eine seiner Vorlesungen, um seine rhetorischen Knste in der studentischen Realitt zu beobachten. OB Nimptschs donnergrollende Stimme fesselt die gesamte kurze Rede ber, aber gegen einen verblassen sie alle: Tom Buhrow.

Guten Abend meine Damen und Herren
Nein, leider erffnete er nicht mit diesem sich anbietenden Gag. Buhrow redet frei, nimmt sich die Zeit, die ihm Nimptsch gelassen hat. Selten sprach jemand so offenherzig und klar ber die mglichen Zukunftsperspektiven und tat dies so charmant und eloquent. Nein, eure Zukunft ist nicht rosig, aber ja, wenn ihr etwas wollt, knnt ihr es auch erreichen oder zumindest probiert es.
Erfrischend, spritzig, ehrlich. Manchmal wnschte man sich von Seiten der Universitt mehr davon.
So fiel es auch nicht auf, dass inzwischen mehrere Absolventen aus dem Zelt getragen wurden.

Tom Buhrow bedauert es, selbst keine Feier gehabt zu haben, bemngelt die Aversion der 68er fr solches Zeremoniell und erhlt daraufhin ebenfalls eine (auf Latein verfasste) Urkunde und erneut sein Abschlusszeugnis. Wenig spter ist es an uns, unsere Teilnahmescheine abzuholen, es folgt eine lange Pause.

Die studentischen Redner
Die Rede der derzeitigen AstA-Vorsitzenden ist wie erwartet:
Kritisch, aber fehl am Platze und zu global berfrachtet. An einem solchen Ort ber bundesweite Bildungspolitik zu referieren, anstatt auf die lokalen Probleme einzugehen, ist wenig berzeugend. Natrlich haben es Kinder aus armen Familien schwerer zu studieren. Natrlich gib es in Bonn kein geschlechtsparittisches Professorenverhltnis. Aber in diesem Moment htte man lieber auf kleine Probleme und Versumnisse eingehen knnen. Die theologische Vertreterin der Absolventenschaft meistert ihre Sache hingegen bravours.

Fazit
So, jetzt werfen wir fnf Mal die Hte, bis alle Presseleute zufrieden sind, dann knnen zehn Eltern auf das Podest. Ja, es war eine Schauveranstaltung, das Vorzeigen einer Visitenkarte. Alle Redner waren sich einig, dass nicht alles gut ist, man aber schon viel mehr auf die Studenten einging und sich vieles verbessert hat. Im Groen war die Veranstaltung auch gelungen. Aber zugleich mangelt es weiterhin am elementaren Kontakt mit den Studenten, dem einzig wirklichen Kapital einer Exzellenzuni. Es bringt nichts, am Ende des Studentenlebens fr den Alumniclub zu werben, wenn man zuvor die potentiellen Mitglieder stets sich selbst ber- und mit sich selbst alleine gelassen hatte. Der Mangel an kostenlosem (oder verbilligtem) Wasser ist fr diese Mngel nur ein typisches Symptom. Natrlich htte ich es selbst mitnehmen knnen, aber es wre eine nette Geste gewesen.
Studenten gehren nicht nur in eine Reihe aufgestellt, die man antreten lsst und danach nach Hause schickt. Sie gehren integriert, dann werden sie sich erkenntlich zeigen. Oder kurz: Gebt ihnen jetzt Wasser, dann bleiben sie der Universitt verbunden und spenden spter einmal. Trotz dieser Fundamentalkritik war es eine schne Veranstaltung, an die ich mich noch lange erinnern werde.

Artikel drucken