Donnerstagabend. Die was-wei-ich-wievielte Sitzungswoche des 11. Deutschen Bundestages. Auf der Tagesordnung Beschlsse und Lesungen zu lngst vergessenen Gesetzen. Das Hohe Haus tagt im Ausweichquartier Wasserwerk. Nebenan in der Grresstrae haben die Bauarbeiter den alten Plenarsaal abgerissen, um dem neuen Parlamentsgebude Platz zu machen, das hier nach den Plnen von Gnter Behnisch so licht wie das Mnchner Olympiastadion entstehen soll.

Eine kleine Stadt in D.

Vor vier Jahrzehnten war hier am Rhein im Foyer des Museum Koenig die Bundesrepublik Deutschland von den Volksvertretern aus den drei Westzonen begrndet worden. Nach Jahren und Jahrzehnten soll nun der provisorische Sitz der Bundesregierung endgltig zur (west -) deutschen Hauptstadt ausgebaut werden. Das Provisorische, das Nicht-Endgltige, die provinziell wirkende Enge und das rheinische Naturell der Bonner verdeckten hufig die Tatsache, dass die westdeutsche Hauptstadt eine der fhrenden Industrienationen der Welt reprsentierte.

Eine kleine Stadt in D, betitelte John de Carr einen seiner Spionageromane, der in Bonn spielte. Diese kleine Stadt, das Treibhaus (Wolfgang Koeppen) hatte auch den Charakter einer Frontstadt des Kalten Krieges, in der sich Geheimdienste aller Herren Lnder tummelten und ihren verborgenen und offenen Geschften nachgingen. Gemessen an der Einwohnerzahl zhlte man in der kleinen Residenzstadt eine der hchsten Mordraten der Bundesrepublik. Trotz einer der hchsten Polizeidichten der Republik, die hier Regierung, Parlament und Botschaften sicherten. Koeppen wanderte fnf Tage durch Bonn, um sich ein Bild zu machen. Zu kurz, sagten die Bonner mit ihrer zweitausendjhrigen Geschichte. Tendenziell zu lang, meinte wohl der Dichter.


The Wall
Durch Zeit und Gewhnung war das Provisorische lngst zur Normalitt geworden. Geschichtliches Faktum waren zwei deutsche Staaten, aber am Nationalfeiertag wurde die Einheit der Nation beschworen. Staatsziel war die Wiedervereinigung und die Wirklichkeit die Zwei-Staatenlsung. Im alltglichen Leben hatte man sich eben arrangiert.

Mr. Gorbatschow - tear down this wall., hatte der US-Prsident Ronald Reagan anlsslich seines Berlinbesuchs ber die Grenze gerufen. Er war lngst zum politischen Pflichtprogramm eines Berlinbesuchs geworden, dieser Appell am Todesstreifen. Und Reagans Forderung, wie alle die zuvor gerufen, gebettelt, gefleht wurden, verhallte im lauen Ostwind. Wer aber die Forderung ber den Zaum rief, ebendiesen Zaun niederzureien, der wurde einer dieser moralisch Integeren, die etwas gegen die Teilung Europas gesagt hatten. Man reihte sich ein neben JFK, Pink Floyd, de Gaulle und viele, viele andere.


I take proud in the words

As a free man I take proud in the words: Ich bin ein Berliner! Was meinte JFK? Wollte er die Mauer einreien? Oder die Teilung Berlins beenden? Das politische Alltagsgeschft hatte sich seit langem mit der normativen Kraft des Faktischen arrangiert und abgefunden. Deutschland war geteilt. Die Oder-Neie-Linie seit den Ostvertrgen anerkannt. Die Geschichte hatte eine groe europische Zentralmacht in zwei moderne Staaten zerschlagen, die in ihren konkurrierenden Wirtschaftsrumen zu den fhrenden Lndern gehrten.

Die Einheitsforderungen in der Bundesrepublik beschrnkten sich seit Jahren auf Reden anlsslich des 20. Juni 1953, dem Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR. Der Status quo schien fr alle angenehm. Die Versandhauskhlschrnke wurden bei Foron im VEB Kombinat Haushaltsgerte in Karl-Marx-Stadt montiert und der Zwangsumtausch versorgte die Deutsche Demokratische Republik mit zustzlichen Devisen. Die DDR-Rentner konnten ihre Rente auch im Westen beziehen. Politische Gefangene und Ausreisewillige kaufte die Bundesregierung frei. Vielen Westdeutschen erschien das als eine rundherum akzeptable Situation. Und Weihnachten schickten die Verwandten OriginalDresdnerStollen, wofr man sich mit vacuumverpacktem Kaffee der Marke Krnung revanchierte.

Die Pinguine im blauen Gerstenmaier watscheln aufgeregt durch die Reihen

Donnerstag. Sitzungswoche. Das bedeutet eine Tagesordnung, die bis 21:00 Uhr angesetzt ist und hufig open-end bis nach Mitternacht dauern kann. Das Gesetzgebungsverfahren sieht mindestens drei Lesungen einer Gesetzesvorlage im Parlament vor, und erst nach der dritten Lesung kann der Bundestag aus der Vorlage durch Abstimmung ein Gesetz machen. Donnerstag: das waren hufig viele zweite Lesungen, in denen die Ergebnisse der zustndigen Ausschsse in die ersten Entwrfe integriert worden waren. Meist trockener Stoff - fr alle Nichtfachleute. Die TV-Aufzeichnung wird wahrscheinlich wieder bis 20:00 Uhr dauern. Und spter am Abend scheint die Debatte auch keinen Zndstoff bereitzuhalten. Etwas Zeit in Ossi s Bar im Keller des Wasserwerkes konnte man schon einplanen.

1949 hatte der Bundestag beschlossen, dass Bonn den Status eines provisorischen Sitzes von Bundestag und Bundesregierung haben sollte. Kurz darauf folgte der Bundesrat als zweite Kammer den Abgeordneten. Und unter dem Bundestagsprsidenten Eugen Gerstenmaier bekamen die Saaldiener des Parlaments die Dienstbekleidung, die sie bis heute tragen: einen blauen Frack. So ausgestattet war es auch nicht mehr weit bis zu dem Spitznamen, der ihnen von den Spttern im Parlament verliehen wurde. Die Pinguine nennt man sie auch wegen ihres, in vielen Dienstjahren erworbenen, etwas watschelnden Ganges. Berlin war Nebenstelle unter Viermchtestatus, zweiter Amtssitz des Bundesprsidenten und Traditionstagungsort der Bundesversammlung. Selten genug ...

Eine wichtige Mitteilung

Fr einen Donnerstagabend war das Plenum gut gefllt, stand ein ganzes Paket von Gesetzesvorhaben zur Abstimmung an. Seit einigen Monaten galt die interfraktionelle Absprache nicht mehr, nach der Gesetze im Plenum mit der Zustimmung der Fraktionen beschlossen wurden. Politik halt. Mit dem Effekt, dass von nun an das Plenum auch whrend der Abend und Nachtsitzungen stets gut gefllt war.

Die Pressetribne ist noch dnner besetzt als das Plenum. Es geht auf 8:00 Uhr Abend zu. Gleich beginnt die Tagesschau. Welche Neuigkeiten gibt es heute wohl aus Leipzig, Dresden und Berlin wo jetzt jeden Montag demonstriert wird? Es ist Donnerstag, die Erwartungen sind entsprechend niedrig.

Und 1989, man darf das heute - zwei Jahrzehnte spter - nicht vergessen, liegt noch in einer Epoche, in der man eine etwa handtaschengroe, 5 Kilogramm schwere Apparatur, auf der oben ein Telefonhrer befestigt war, als Mobiltelefon bezeichnete. Die aktuellen Pressemeldungen aus dem Ticker, dem Fernschreiber liefen, das heit durch einen Typenraddrucker auf Endlospapier getippt wurden. Eine Zeit, in der Radio und Fernsehen noch die schnellsten aller Medien waren.
Der stenografische Bericht vermerkt eine Sitzungsunterbrechung durch den Sitzungsprsidenten wegen einer wichtigen Mitteilung.

Die Historiker beschreiben die Szene als den staatstragenden Akt, so wie er sich im stenografischen Protokoll der Sitzung nachlesen lsst: Die Mitglieder des Hauses erhoben sich spontan von den Sitzen und sangen im Nationalhymne (dritte Strophe). Die wenigen Augenzeugen der Sitzung wrden das Ereignis wahrscheinlich weniger staatstragend als im Stenogramm vermerkt beschreiben.

Die Mauer ist offen?

Die Mauer ist offen. Ein Parlament im Schockzustand. Schweigen. Es schien, als wrde jeder den Atem anhalten. Kein Gerusch, keine Regung unter den Anwesenden. Die Abgeordneten verstummt. Die Saaldiener und die wenigen verbliebenen Journalisten gespannt. Die Stifte, der sonst emsig schreibenden Stenographinnen erstarrt.

War dies der Sieg des Westens ber die Sowjetunion? Nach 40 Jahren des Kalten Krieges? Das geteilte Deutschland war eine der Folgen des Weltkrieges, das Erbe des Dritten Reichs und der Naziherrschaft. Dieses Reich war untergegangen. Die alte Hauptstadt besetzt. Zwei souverne Staaten waren entstanden. Zwei konkurrierende Gesellschaftsbilder, zwei Politik- und Wirtschaftssysteme standen auf deutschem Boden in direkter Konkurrenz zueinander. Diese beiden Staaten bildeten die Flche, auf der ein heier Krieg zwischen den Blcken stattfinden wrde. Zwei Frontstaaten, an deren gemeinsamer Grenze sich Sozialismus und Kapitalismus begegneten. War das jetzt alles Geschichte geworden?

Die Freiheit nehme ich mir

Bonn, 09. November 1989. Einige Augenblicke spter. Leichtes Rascheln feiner Anzugtuche mischt sich in die beinahe als drckend empfundene Stille. Drunten im Plenum hlt es die Ersten nicht mehr in ihren Fauteuils. Sie erheben sich von ihren Pltzen. Die wenigen Medienvertreter stehen lngst. Die Welt verndert, das hatten die Brger der DDR geschafft. Sie strmten gegen die Mauer, an die man von der Westseite nur noch selten leise geklopft hatte.

Und so standen sie da, die Volksvertreter der Bundesrepublik, berrascht vom Sturmwind der Geschichte. Sprachlos. Ergriffen. Denn dies war ein historischer Augenblick. Darber waren sich alle im Klaren. Was sollte man nun sagen? Nach so vielen Worten, nach so vielen Jahren? Hoffmann von Fallerslebens dritte Strophe seines Liedes der Deutschen passte gut. Einigkeit, Recht, Freiheit dieser Dreiklang schien heute erreichbar. Und Brderlichkeit - libert, egalit, fraternit - blh im Glanze dieses Glckes! Manches Mal, so wie an diesem Abend, sagen Lieder mehr als es Worte allein vermgen. Und nur die Weisen hrten in der neuerlichen Stille, die eintrat, nachdem das Vaterland verklungen war, bereits das ferne Picken der Mauerspechte, die einen Staat, ein System und am Ende eine ganze Weltordnung zum Einsturz bringen sollten.

Ein Abend in Bonn. Die Fernsehaufzeichnungen endeten nach Plan. Der Plenarsaal leerte sich. Abgeordnete und Saaldiener standen vor den Fernsehgerten und verfolgten gebannt die Nachrichten. Ob alle Tagesordnungspunkte der Debatte behandelt wurden, ist im Protokoll nachzulesen, denn das schien an diesem Donnerstagabend nicht mehr wichtig zu sein.

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