Es gab eine Zeit, da lieen die Bahnfahrer ihre Passagiere via Durchsage noch wissen: "Nchste Haltestelle Tannenbusch-Nord, hier geschah der letzte Mord!" Mittlerweile wurde 'Nord' zu 'Mitte', was eine Menge ber den Wandel dieses von rund 16.000 Menschen bevlkerten Bonner Stadtteils verrt: Geographisch, aber auch in den Kpfen. Weg vom 'Alt-Tannenbusch' im Nordwesten Bonns, einer Siedlung, die in der Zwischenkriegszeit um den Schtzenhof und die Binnendne entstand - hin zum berchtigten Neu-Tannenbusch mit seinen Hochhusern: Die triste Trabantenstadt als neues Zentrum!

Auch heute noch gibt es brigens Mitarbeiter der SWB, die es offensichtlich unerfreulich finden dort nachts halten zu mssen. Ob dies rechtfertigt in Anwesenheit von Fahrgasten laut zu fordern, dass alle Personen die dort aussteigen von einem Erschieungskommando mit Maschinenpistolen gettet werden sollten?

Als Zeuge eines solchen Verbalausfalls, fand der Verfasser dieser Zeilen es jedenfalls nicht cool, aber wer wrde wiederum nicht schmunzeln, wenn eine Kommilitonin aus Litauen - die einem eine Minute zuvor noch Horrorstories von aus ihrem Dorf verschleppten und zur Prostitution gezwungenen Mdchen erzhlt hatte - sichtlich erblasste und besorgt riefe: "O mein Gott, was? Du wohnst im Tannenbusch, dem Zentrrrum des Verbrrrechens?!!"

Neu-Tannenbusch, das ist Tristesse, aber auch Ghetto-Fame und damit irgendwie Lebensgefhl. Bonner Eltern sagen zu ihren Kindern: "Und, dass du mir nicht in den Tannenbusch gehst!" Kleine Trken, die Teenager in Nachbarstdten mit dem Messer bedrohen und abziehen, wollen ihre Gefhrlichkeit untermauern in dem sie ihre Opfer wissen lassen: "Ey, dein Portemonnaie und dein Handy! Ich komme aus Tannenbusch weissu"

Die Realitt ist oft weniger spektakulr, aber dass sich hinter den Mauern der in den 70er Jahren nach einem, aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbaren, "Ideal modernen Wohnens hochgezogenen Betonbunkern mitunter menschliche Dramen abspielen, mag in einem Milieu, das von Integrationsproblemen, Arbeitslosigkeit und Existenzangst geprgt ist, kaum verwundern:

Vom coolen, urbanen MTV-Ghetto ist jedenfalls wenig zu spren, wenn zwei Afrikaner - eine junge Frau und ein Mann sich auf offener Strae heftigst auf Franzsisch beschimpfen und er, nicht mehr aufhrend "jamais" zu schreien, beginnt auf den Wagen, in dem die Frau mittlerweile Platz genommen hat, einzudreschen: Erst als er sie an ihren langen Locken aus dem Auto zerrt, eilen ihr einige andere Afrikaner zu Hilfe.

Wohlgemerkt andere Afrikaner, keine Deutschen, keine Trken, keine Afghanen! Gibt es in Bonn-Tannenbusch doch ein ungeschriebenes Gesetz: Leben und leben lassen, aber jede Ethnie fr sich! 'bergriffe', seien sie menschlicher, krimineller oder gewaltttiger Natur, werden hingegen nicht gern gesehen, da sie den status quo gefhrden. Und der ist vielleicht nicht toll, aber garantiert wenigstens Stabilitt. Diese Grenzen werden natrlich zuweilen trotzdem berschritten (manchmal sogar im positiven Sinne und nicht als Straenraub an der Bushaltestelle) aber Deutsche werden in diesem Umfeld nicht selten uerst kritisch beugt

Wrde ein Bild-Reporter mitbekommen, dass ein etwa 25jhriger Muslim zu einem gleichaltrigen deutschen Studenten sagt: "Ey du Sch****-Kartoffel, ich schlag dich kaputt! Das ist mein Land!" dann wre klar, was am nchsten Tag in der Zeitung steht. Nach 5 Jahren Tannenbusch versteht man indes vieles und berlsst den drei Kumpels des jungen Herrn ihm - brigens auf Deutsch - zu sagen, dass er sich am Riemen reien soll.

Neu-Tannenbusch hat viele Gesichter: Auslndische Jugendliche, die an der Schule ihre eigene Zukunft mit Fen treten, dem von zweifelhaften HipHop-Helden propagierten 'Kanakentum' nacheifern und die Deutschen allein dafr verantwortlich machen, dass sie gesellschaftlich keinen Fu in die Tr bekommen. Dass ihr rappendes Gangsta-Idol ber akademische Bildung verfgt und der weie Anzug, der Goldschmuck und die Pimp-Attitde nur Tarnung sind, hat ihnen offenbar niemand gesagt.

Dann gibt es noch mehrere Tausend auslndische Mitbrger, deren Arbeitskraft in der Bonner Innenstadt rcksichtslos ausgebeutet wird, eine Reihe gescheiterter Existenzen, die immer an den selben Ecken am Tannenbusch-Center anzutreffen sind und die 'anderen' Tchter und Shne von Tannenbusch: Sie fallen weniger auf, sind aber trotzdem da. Wegen ihrer schlechten Deutschkenntnisse auf der Hauptschule gelandet, haben sie die Zhne zusammengebissen und die Schullaufbahn bis zum Abitur durchgezogen. Heute sind sie Kommilitonen, die in Vorlesungen neben deutschen Wohlstandskindern sitzen.

Sie sind zu recht stolz auf das, was sie geleistet haben und es ist bewundernswert wenn manche von ihnen sich die Zeit nehmen etwa beim FC Tannenbusch oder in sozialen Einrichtungen Jugendarbeit leisten. Sie muten lernen vieles mit einem Augenzwinkern zu nehmen: "Das ist das Gute an arabischer Musik, die kannst du auch nachts voll aufdrehen und keiner im Wohnheim kommt sich beschweren! Die denken, wir lauern hinter der Tr mit Messern und warten nur darauf" sagte mein afghanischer Ex-Nachbar einmal auf einer Geburtstagsfeier zu mir.

Ein Satz so charakteristisch, wie Tannenbuschs stilles Wahrzeichen, die Dne!
Ein zugewachsenes Fleckchen Naturschutzgebiet, dort wo die Siedlung einmal ihren Anfang genommen hat. Auch hier leben Migranten: Eine Kolonie von freilebenden Halsbandsittichen hat sich im Laufe der Jahre breit gemacht. Eben typisch Tannenbusch

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