Das Papelito ist vollgestopf bis zur Decke mit Liebhaberstcken
   
Die Kunden mssen aufpassen, nicht aus Versehen ein Puppenhaus umzustoen, ber ein schaukelndes Krokodil zu stolpern oder einen Stnder mit Briefpapier aus der Toskana umzulaufen. Von der Decke hngen bunte Sterne, Mondlaternen und Engelsfiguren, so dass man den Kopf einziehen muss. Der Laden Papelito ist bis in den hintersten Winkel voll gestopft mit ungewhnlichen Dingen. Das Sortiment reicht von Nachtigallenpfeifen ber Schneekugeln bis zu Papierkleber aus Kartoffelstrke mit Mandelduft.

Ich verkaufe Dinge, die der Mensch nicht braucht. Dinge fr die Seele, sagt der Ladenbesitzer Rolf Ormanns. Der hagere, weihaarige Mann steht hinter dem Ladentisch, raucht Pfeife und summt zur Opernmusik mit, die im Laden luft. Der 65-jhrige hat den berblick, strahlt Ruhe aus. Die Kunden bedient er mit bestimmter Freundlichkeit. Die Einnahmen kommen in eine alte Registrierkasse. Ich brauche keinen Computer. Ich habe alles im Kopf, sagt er. Ein Computer wrde auch gar nicht hineinpassen in diesen Laden mit Schwerpunkt auf Papier, Schreiben und Erinnerung. Rolf Ormanns mchte die Dinge und das Handwerk der Vergangenheit erhalten und weitergeben. Er ist stolz darauf, viele handgefertigte Dinge zu verkaufen, die es sonst nur noch in industrieller Fertigung gibt. Diese Liebe fr die Vergangenheit zeigt sich auch in seinem Hobby. Er sammelt Schreibmaschinen und Puppenhuser. Er besitzt hunderte von Puppenhusern und fast alle Schreibmaschinenmodelle, die es jemals gab. Nur noch eine Schreibmaschine Modell Remington aus dem Jahre 1897 fehlt ihm noch.

Eigentlich sollte Rolf Ormanns Priester werden. Als Jugendlicher besuchte er eine Klosterschule, bis er mit 19 Jahren sein strenges Elternhaus hinter sich lie und ausriss in die groe weite Welt. Er segelte als Matrose ber die Weltmeere, heuerte als Erntehelfer in Sdamerika an und ritt mit einem Esel durch Spanien. Bei seinen Eltern meldete er sich in dieser Zeit nicht. Das Vagabundenleben fand nach anderthalb Jahren ein jhes Ende, als er in Korsika verhaftet wurde. Zurck zu Hause verdonnerte ihn sein Vater, ein Politikprofessor, zu einer Buchhndlerlehre. So arbeitete Rolf Ormanns zunchst in einer wissenschaftlichen Buchhandlung, bis ihm das zu langweilig wurde und er seinen eigenen Laden aufmachte. Das war vor dreiunddreiig Jahren. Zunchst war es ein Laden fr schne Bcher. Dann kam immer mehr Spielzeug fr kleine und groe Menschen hinzu, erinnert er sich.

Aber Rolf Ormanns blieb nicht nur Ladenbesitzer. Im Laufe der Jahre lie er sich zum Kalligraphen, Buchbinder und Restaurator ausbilden. Seine Sonderanfertigungen von Bchern, Fotoalben und Speisekarten sind sehr gefragt. Auerdem gibt er seine Fhigkeiten in Kursen an der Universitt weiter.

All dies nimmt ihn so in Anspruch, dass er jeden Tag nur vier Stunden schlft und sich auch die Wochenenden nicht frei nimmt. Aber er sieht das nicht als Arbeit, sondern als Vergngen.
Dass das Papelito einer der letzten Lden seiner Art ist, wissen auch die Kunden zu schtzen. So hat sich die Konsumflaute der letzten Jahre nicht negativ auf das Geschft ausgewirkt. Vor Weihnachten ist der Laden so voll, dass die Leute auf der Strae Schlange stehen, sagt der stolze Besitzer.

Whrend andere in seinem Alter in Rente gehen, denkt Rolf Ormanns nicht ans Aufhren. Er mchte solange hinter der Ladentheke stehen, wie es ihm Spa macht. Dass seine Kinder oder Enkel irgendwann das Papelito weiterfhren, mchte er nicht: Dieser Laden stirbt mit mir, mit meiner Generation.

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