Guten Tag, hat jemand Interesse an einer Obdachlosenzeitung oder hat jemand so ne kleine Spende, ruft Martin Beusing. Er luft von vorne bis hinten durch die U-Bahn der Linie 12. Jeden Fahrgast guckt er dabei kurz fragend an. Er fhrt ein paar Stationen, dann steigt er aus und wartet auf die nchste Bahn. Ich verkaufe lieber in der U-Bahn als auf der Strae. Da mssen die Leute zuhren und knnen nicht weglaufen. Schn wre aber, wenn die Leute wenigstens nein sagen, wenn sie keine Zeitung kaufen wollen. Viele sagen nichts und gucken weg.

Der 40-jhrige verkauft die Arbeits-Obdachlosen-Selbsthilfe-Mitmachzeitung Querkopf erst seit einigen Monaten. Seit sieben Jahren ist er selber ohne festen Wohnsitz. In dieser Zeit hat er sich vor allem als Pflastermaler durchgeschlagen. Vom Querkopf hat er durch einen Freund erfahren. Jeder, der mchte, kann die Zeitung an zwei Ausgabestellen in Kln fr 75 Cent kaufen und fr 1,50 Euro weiterverkaufen. Beusing ist etwa vier Stunden am Tag in der U-Bahn unterwegs. In dieser Zeit verkauft er im Schnitt fnf Zeitungen, dazu kommen noch ein paar Euro Spenden. Beusing verkauft den Querkopf nur. Wer die Artikel fr die Klner Obdachlosenzeitung schreibt, wei er nicht so genau. Gelesen hat er die Zeitschrift aber bereits, als er selber noch kein Verkufer war. Frher war der Inhalt noch extremer. Jetzt geht es, sagt er.
In der Januarausgabe sind Artikel zu finden, die z.B. die Verschwendung von Kirchensteuern anprangern oder einen baldigen Wirtschaftskollaps voraussagen.

Wahrheit fr alle! steht auf der Titelseite. Der Verknder der Wahrheit ist Klaus Bergmayr. Mit seinem langen, grauen Vollbart, der fast sein ganzes Gesicht bedeckt, sieht der Sechzigjhrige auch ein bisschen so aus, wie man sich einen Propheten vorstellt. Der Erfinder des Querkopfs sitzt im Caf Klein an der Slzburgstrae und macht Pause. Auf der Strae vor dem Caf steht er jeden Tag sechs Stunden mit seinem Rollstuhl und verkauft den Querkopf, fr den er fast alle Artikel selber verfasst. Ich schreibe die Wahrheit, die sich andere Zeitungen wie der Stadtanzeiger nicht trauen zu schreiben, sagt er. Den Querkopf grndete er 1997. Vorher arbeitete er fr eine andere Obdachlosenzeitung, die dann eingestellt wurde. Er selber ist wohl der erfolgreichste Verkufer des Querkopfs. Von den 12.000 Exemplaren, die im Monat gedruckt werden, verkauft Bergmayr 2.500 selber. Er hat viele Stammkunden, denn er verkauft schon seit zehn Jahren vor dem Caf Klein.

Bergmayr sieht im Querkopf nicht nur eine Mglichkeit, ein Einkommen fr Bedrftige zu schaffen. Er will mit der Zeitung die Gesellschaft verndern Ich kritisiere das Gesellschaftssystem, das alle Leute gegeneinander ausspielt. Angestellte werden gegen Arbeiter aufgebracht. Arbeitslose gegen Obdachlose, sagt er vorwurfsvoll. Er hat auch ein Rezept parat, wie man die gesellschaftlichen Probleme lsen kann: Durch ein staatlich garantiertes Grundeinkommen ohne Arbeitszwang fr alle.

Garantiertes Grundeinkommen. Das ist das Stichwort fr Harald Schauff. Der 38-jhrige schreibt die restlichen Artikel im Querkopf. Bevor er zweiter Redakteur und Verkufer beim Querkopf wurde, hat er Philosophie, Pdagogik und Englisch studiert. An einer Nachhilfeschule unterrichtet er noch stundenweise Englisch und Latein.

Schauff ist von seinem Verkaufsplatz ins Caf Klein gekommen und mischt sich in die Unterhaltung ein. Schauff hlt ein garantiertes Grundeinkommen von 1300 Euro im Monat fr alle fr unvermeidlich. Er redet von Kapitalertrgen, Bruttoinlandsprodukt, Staatsquote und nennt viele Zahlen. Man merkt, dass er sein diese Ideen oft vorgetragen hat. Er glaubt daran. Als die Quellen seiner Ideen nennt er Marx, Engels und Bergmayr.

Meine Ideen werden aber im Moment von keiner Partei vertreten. Nur ansatzweise von der Linkspartei, sagt er. Der Grund dafr ist fr ihn klar: Unser Unterbewusstsein wird von den Medien manipuliert, sagt er und fgt hinzu: Wir vom Querkopf sind unabhngig. Wir lassen uns nicht manipulieren.

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