Der bange Moment...
   
 

ist der Aufzug leer?
   
Die ganze Menschheit spricht ihn, doch keiner spricht darber.

In bestimmten Situationen mit bestimmten Personen wird Konversation zum schalen Doppelpunkt ohne Folgerung. Meist beschrnkt sie sich auf ein kurzes Phrasen-Ping-Pong, die blichen aufoktroierten Floskeln. Und immer genau dann, wenn man nicht damit rechnet.

Pltzlich steht da der Kommilitone von Seminar X, mit dem man nichts gemeinsam hat auer den ersten zwei Ziffern der Matrikelnummer.
Oder es ist die 43-jhrige, katzenvernarrte Arbeitskollegin aus der Firma, in der man zweimal die Woche jobbt. Oder die Sprechstundenhilfe vom HNO-Arzt, die einen nur deshalb wiedererkennt, weil man in letzter Zeit hufiger zur Visite musste.

Wre das Grauen an einer Skala messbar, wren die Personen der X-Achse und die Orte Y-Achse zugeordnet. Denn je nachdem, wo das Szenario seinen Lauf nimmt, hat man entweder Glck im Unglck oder man ist einfach zur falschen Zeit am falschen Platz.

Glck hat man bei einer Begegnung in der Disko. Oft hat man selbst, genauso wie sein Gegenber, bereits an der Klschflasche gerochen, es ist zu laut, um sich lnger zu unterhalten und man kann wie zufllig wieder in der Menge verschwinden. Locker zu verkraften ist auch das Aufeinandertreffen mit dem Feind in den Unigefilden. Hier wird Schutz geboten durch mehrere Ausweichmglichkeiten. Zurckgreifen kann man immer auf den spontan zusammenphantasierten Stundenplan, deshalb muss man auch schon los zum Hrsaal. Und notfalls bleibt einem die erfundene, dringende Sprechstunde bei einen Dozenten.

Hart an der Schmerzgrenze ist die scheinbar neutrale Zone eines Supermarktes. Nicht gerade symmetrisch gekleidet bietet man auch noch Einblick in die persnlichen Ernhrungsgewohnheiten. Der einzige Trost ist der auf der Hand liegende Gesprchsstoff: Ach, du nimmst auch die Billignudeln? - Ja, die schmecken ja genauso wie die Teuren.... Was dann noch Geschick bedarf, ist das Ausweichen vor einer synchronen Wiedervereinigung an der Kassenschlange, in der das Schwatzmaterial/-repertoire bald zu schwinden droht.

Ein noch auswegloseres Szenario ist der small talk in ffentlichen Verkehrsmitteln. Die Ungewissheit ber die Dauer der Tour mit dem Teilzeitbekannten ist nur ein qulender Aspekt. Meist will es der bse Zufall, da man sich schon an der Haltestelle ber den Weg luft. Dann kann man nur noch hoffen, dass die Bahn nicht auch noch Versptung hat. Sollte sie Versptung haben, bleibt nur noch zu beten, dass die rettende Durchsage erschallt, das Fahrzeug htte einen schweren Schaden und wrde sich erheblich verspten. An diesem Punkt sollte man schnell reagieren und seinem Leidesgenossen mitteilen, man wrde zu Fu gehen, woraufhin dieser innerlich aufatmet.
Muss man doch die zeitdehnende Befrderungstour gemeinsam auf sich nehmen, ist man gut damit beraten, sein Pulver nicht verfrht zu verschieen. Erstmal abwarten, was der andere auf Lager hat. Wobei es letztlich immer auf einen schleppenden Dialog ber die jeweiligen Fahrtziele hinausluft, recht schnell in Fragen ber die Wohnlage ausartet und in binsenweisheitlichen Kommentaren zur miserable Mietsituation in Kln mndet.

Der Horror schlechthin widerfhrt einem aber in einer gnadenlos langen Strae mit einer enormen Sichtweite. Weit und breit keine anderen Fugnger, die etwas Deckung bieten. Keine Bume, keine Litfasulen, die man als toten Winkel nutzen knnte. Keine Querstraen, in die man sich notfalls flchten knnte. Unplausibel erscheint dann auch das pltzliche Zcken des Mobiltelefons.

So schreitet man also einige unangenehm lange Meter einer nicht minder unangenehmen Begegnung entgegen. Nach dem ersten Blickkontakt werden die Mundwinkel u-frmig verzerrt, so beweist man sich zumindest schon einmal, da man sich gegenseitig registriert hat. Dann sucht man verzweifelt nach Objekten, denen man zur berbrckung der noch verbleibenden Distanz seine Aufmerksamkeit schenken kann. Auf einmal wird das Rentenversicherungs-Plakat hochinteressant und auch der Inhalt der Umhngetasche muss pltzlich neu erkundschaftet werden. Natrlich muss man das Timing beherrschen, im richtigen Moment wieder aufzublicken, um sich dem obligatorischen Kleinkrieg zu ergeben.

Begrung small talk Verabschiedung. Ohne den Mittelteil wre die Welt in Ordnung!

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