Die Gedenktafel in Ehrenfeld
   
 

Edelweipirat Jean Jlich heute
   
 

Rolly Brings- Klner Liedermacher
   
Michael, der am Straenrand sein Auto repariert, deutet auf die rote Backsteinmauer des Bahnhofsgebudes: Da drben haben sie die Edelweipiraten ermordet. Eine matte Steintafel markiert den Ort, an dem am 10. November 1944 13 Deutsche, darunter sechs jugendliche Edelweipiraten, von Gestapo und SS ohne Gerichtsverhandlung ffentlich erhngt wurden. Der Jngste von ihnen war 16 Jahre alt.

Mehr als dreitausend Edelweipiraten in Kln und im Ruhrgebiet waren 1945 in den Akten der Gestapo registriert. Jugendliche aus der Arbeiterschicht, die statt der Uniform der Hitlerjugend wild karierte Hemden trugen, sich mit Edelweien und Totenkpfen schmckten, an Straenecken trafen die Nazis sagten herumlungerten und die Arbeit der Gestapo sabotierten, wo sie konnten. Ein paar kaputte Fenster am Gestapo-Haus, ein heimlich zugestecktes Butterbrot fr einen halbverhungerten Zwangsarbeiter, unter Lebensgefahr verteilte Flugbltter. Eine Klner Gruppe der Edelweipiraten fand schlielich einen Sprengkrper und lieferte ihn an den geflohenen KZ-Hftling Hans Steinbrck, der sich in Ehrenfeld versteckte. Bomben-Hans wollte damit das Klner Gestapo-Hauptquartier in die Luft sprengen, wurde jedoch noch bei den Vorbereitungen gefasst. Ein groer Teil der Ehrenfelder Gruppe und befreundete Kreise wurden daraufhin in die Strafanstalt Brauweiler verschleppt, sechs von ihnen spter hingerichtet.

Diskriminierte Helden

Jean Jlich, einer der berlebenden Klner Edelweipiraten, war unter jenen, die nach Brauweiler kamen. Damals 15 Jahre alt, verbrachte er zwei Jahre in Haft, wurde verhrt und gefoltert. Heute wohnt er in der Klner Sdstadt in einem Huserblock, in dem jeder seine Nachbarn kennt und viele Sprachen ber den Innenhof klingen. Er ist 76 Jahre alt, ein freundlicher weihaariger Mann mit funkelnden Augen und festem Hndedruck. Fr viele in Kln ist er ein Held obwohl die stdtischen Behrden die Edelweipiraten nach Kriegsende weiterhin diskriminierten.

Als die Mutter des erhngten Edelweipiraten Bartholomus Schink sich nach Kriegsende um die Rehabilitation ihres Sohnes bemhte, der aufgrund von Informationen aus Gestapo-Akten noch immer als Krimineller gefhrt wurde, teilte das Klner Amt fr Wiedergutmachungsantrge ihr nach langer Wartezeit mit, Schink knne kein Widerstandskmpfer gewesen sein. Die Begrndung macht Jlich noch heute so wtend, dass sein sonst ruhiger Gesprchston anschwillt und seine Haltung sich verkrampft: Er war von minderer Intelligenz, konnte das Wesen des Nationalsozialismus nicht erkennen und so auch nicht ablehnen.

Bundesverdienstkreuz fr den Pbel

Den Makel der Unterschicht haben die Edelweipiraten lange nicht hinter sich lassen knnen. Obwohl der Vergleich mit der Weien Rose nahe liegt, lehnte man in Kln ihre Anerkennung als Widerstandsgruppe ab. Jlich erhielt das Bundesverdienstkreuz und wurde 1984 in der israelischen Gedenksttte Yad Vaschem als Gerechter unter den Vlkern geehrt. In seiner Heimatstadt hingegen versuchte man, den einflussreichen Karnevalisten und Gastronom dazu zu bewegen, seine Vergangenheit als Edelweipirat zu verleugnen. Ein Mann von seiner Intelligenz und Ausstrahlung, lie ihn der Dezernent des Amtes fr Wiedergutmachung wissen, knne sich doch unmglich zu den Edelweipiraten zhlen, das sei doch Pbel gewesen, zu Klsch Krat.

Dass es Standesdnkel war, der die Edelweipiraten ihrer Anerkennung beraubte, schmerzt Jlich immer noch. Franz Mller von der Weien Rose hat mir mal gesagt: Wir haben auch gestohlen also wren wir ja auch Kriminelle. Aber wir sind Gymnasiasten, wir sind der gehobene Mittelstand und die Kirche kriegt auch ihren Teil davon ab. Wir passen in das schne brgerliche Antlitz unserer deutschen Geschichte. Die Edelweipiraten aber waren Gassenjungen. Verchtlich spuckt Jlich das verhasste Wort aus: Krat.

Keine Wiedergutmachung sondern Anerkennung

Fr den Klner Liedermacher Rolly Brings ist die Geschichte der Edelweipiraten durch seine enge Freundschaft mit dem Kreis der berlebenden auch zu seiner eigenen geworden. In Ehrenfeld geboren, war er mageblich an der Brgerinitiative beteiligt, die 1982 die Benennung des Hinrichtungsortes nach dem ermordeten Barthel Schink erreichen konnte. Die Edelweipiraten wollen keine Wiedergutmachung, sagt Brings, die paar Cent oder Euro da lachen die drber. Ich glaub, was denen immer noch weh tut, ist, dass nur die Weie Rose geehrt wird, der Aufstand der Offiziere gegen Hitler. Aber es gab noch einen ganz anderen Widerstand, und der kam von unten, von jungen Leuten aus der Arbeiterschicht.

Dann kommt die Nachricht. Am 16. Juni 2005 werden die Edelweipiraten in Kln in einer ffentlichen Zeremonie als Widerstandskmpfer anerkannt. Die Entscheidung der Behrden kommt spt, fr viele zu spt. In Jlichs Freude ber die Einsicht mischt sich Erschpfung: Wir berlebenden sind ja ein bisschen was am Aussterben. Dann lchelt er doch: Aber wir haben es geschafft.


Die Ehrung der Edelweipiraten als politische Widerstandskmpfer findet am Donnerstag, den 16. Juni 2005 um 17.00 Uhr im Regierungsprsidium, Zeughausstrae 2-10, statt. Die Veranstaltung ist ffentlich und mit vielen interessanten Gsten besetzt, darunter Jean Jlich und Rolly Brings.

Am Sonntag, den 26. Juni 2005 findet im Friedenspark ab 14.30 Uhr bis ca. 20.00 Uhr das erste Edelweipiraten-Festival statt. Auf fnf Bhnen sind 20 Bands zu sehen, die den Lie-dern der Edelweipiraten ein neues Gewand geben. Dabei sind unter anderem La Papa Verde (Mestizo-Pop) und Werle + Stankowski (Electro-Folk).

Mehr Informationen ber die Edelweipiraten gibt es hier.

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