Der Atem gefriert, kondensiert in der eiskalten Februarnacht. Die Temperatur liegt deutlich unter null Grad. Doch nicht alle haben ein warmes Dach ber dem Kopf. Wie kommen Menschen ohne Wohnung durch den Winter? Laut Caritas gibt es bis zu 40 "Drauenschlfer" in Bonn, die keine Notunterkunft in Anspruch nehmen. Sie schlafen in Hauseingngen, auf Bnken und U-Bahnen-Stationen. Zeit fr einen Selbstversuch. Morgen wird es schneien, aber das wusste ich noch nicht, als ich gegen 19.30 Uhr die Treppe an der U-Bahn Haltestelle Heussallee hinabgehe. Kurz darauf stt der Kollege Ren Kohlenberg hinzu. Unten stellen wir Schlafsack, Isomatte und Tasche neben Heiko ab.

Der 40-Jhrige lsst uns heute in seinem "Wohnzimmer" schlafen. So nennt er leicht ironisch, fast liebevoll, seinen Platz im Untergrund, direkt am Haus der Geschichte. Nebenan, in der Wrme des Museums, wurde Adenauers Schlafwagen eingemauert. Adenauer war in Moskau, Heiko kommt aus Dsseldorf. Eine Glasscheibe trennt jetzt beide Welten. Im Museum ist Heiko oft, sagt er, schaut sich die Wechselausstellungen an. In der "Science Fiction in Deutschland"-Ausstellung war er schon zweimal. Die sei brigens sehr gut.



Der Boden seines Wohnzimmers mit Schlafecke ist marmorverkleidet, Schicke Flachbildfernseher hngen hinter Glasscheiben, Bilder an den Wnden. "Muslime in Deutschland" hie die Ausstellung. Abends teilt der Wohnungslose sich den Platz mit Skatern. An einer Ecke unter den Fotos schlft Heiko immer, normalerweise bernachtet Guido ebenfalls hier. Nur heute Nacht fehlt dieser. Auf die Frage, wo er bleibt, zuckt Heiko nur die Schultern.

"Wir stren hier keinen, werden geduldet", meint Heiko spter. Jeden Morgen, gegen sechs oder sieben, stapeln sie Isomatten und Schlafscke bereinander, machen ein bisschen sauber. Noch schlft er aber, schnarcht ein bisschen. Wir bauen unser Quartier auf, setzen uns hin. Das wird unser Schlafplatz fr die Nacht sein. Der Wind zieht durch den Gang.

Drauen rauscht der Verkehrslrm auf der B9, unterbrochen von heulenden Sirenen. Dieses Bellen der Exekutive wird uns die ganze Nacht ber begleiten, dazu rumpeln die Rolltreppen, splen Fahrgste aus Tiefe an die Oberflche. Die meisten gehen achtlos an uns vorbei, einer der Vorbeieilenden wirft Geld in die kleine Geldbox, die Heiko aus einer kleinen Dose gebastelt hat.



Heiko erwacht gegen 20.20 Uhr, begrt uns verschlafen. Schon jetzt zieht die Klte durch die Kleidung. Was man den Wohnungslosen Gutes tun knne, will ich wissen. "Die meisten brauchen Klamotten zum Anziehen", sagt Heiko, setzt sich seine Mtze auf den Kopf: "Geld ist immer so eine Sache. Ich kann verstehen, dass uns nicht jeder Geld geben mchte. Aber helfen tut es auf jeden Fall." Das Leben auf der Strae ist nicht umsonst. Beim Verein fr Gefhrdetenhilfe und bei der Caritas gibt es warmes Essen fr fnfzig Cent oder einen Euro. Ansonsten muss man es sich teuer kaufen. Ohne Herd gibt es keine Nudeln, Gaskocher kosten viel Geld im Unterhalt. "Aber Geld ist immer ein zweischneidiges Schwert", sagt er.

Doch manchmal gibt es doch etwas umsonst. "Viele Leute bringen uns Essen vorbei", berichtet Heiko erfreut: "Ein Mdel stellt uns morgens oft Kaffee und Brtchen hin, eine holt uns gelegentlich Pizza." Letztens stand auch einmal eine Schale Gulasch da.

Wie denn die Menschen so sind, die hier tglich vorbeigehen, wollen wir wissen. "Viele gren auch zurck, wenn ich sie gre." Aber es gibt auch die anderen. Zum ersten Mal klingt er leicht verbittert. "Ich bin so erzogen worden, dass ich zurckgre. Aber es gibt auch Leute, die schauen dich dich das ganze Jahr mit dem Arsch nicht an. Dabei sind wir auch Menschen!"

Nur zu Weihnachten, Ostern, Neujahr und Pfingsten, da wrden sie sie ihre Mildttigkeit entdecken, sagt Heiko mit leicht ironischem Ton. Insgesamt aber seien die Bonner nett und entspannt, es passiere wenig Berichtenswertes.

Es ist 21 Uhr, ich friere, decke mich mit meinem Schlafsack zu. Es ist viel klter als gedacht. "Zieh dich so dick an wie mglich", hatte Heiko gesagt. Zwei Isomatten schtzen ihn vor dem frostigen Boden. Unter seiner Jeans trgt er eine Jogginghose. "Du khlst hier schnell aus", erklrt Heiko, steckt sich eine Zigarette an, eine von vielen.

Ein Schuss, um zu funktionieren: Den zweiten Teil des Selbstversuchs gibt es hier: Nachts unterm Museum (2)

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