Was luft da eigentlich hinter der Fassade des Grnderzeithauses in der Johannes-Henry-Strae? Was geht in den Kpfen der Mitglieder der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn wirklich vor? Nichts Genaues wei man nicht leider. Fest steht: Irgendwie kommt die Bonner Burschenschaft nicht aus dem Dunstkreis rechten Gedankenguts. Erst erregt Raczek-Mitglied Norbert Weidner, gleichzeitig Schriftleiter der Verbandszeitschrift der Burschenschaften, mit Aussagen ber Dietrich Bonhoeffer Emprung (campus-web berichtete). Dann lsst der Fall Cornelius D. aufhorchen, noch bevor der Prozess wegen versuchter Krperverletzung, Landfriedensbruch und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung Mitte August beginnt: Denn Cornelius D. war nicht nur Mitglied im rechtsradikalen Aktionsbro Mittelrhein, sondern laut Spiegel Online auch bei den Raczeks. Sogar in ihrem Bundesbrief stellte er sich vor.

Die Vieldeutigkeit "politischer Interessen"

Doch das treibt der Bonner Burschenschaft nicht den Schwei auf die Stirn. Gegenber campus-web bt sich Norbert Weidner in einer bekannten Strategie. Der Bundesbrief sei nur Kontakt- und Informationsmittel, die Vorstellung auch von Dauergsten blich. Ein Bundesbrief der Raczeks war auch der Ort, an dem Weidner gegen Bonhoeffer stnkerte, diese Anmerkung zum "Informationsmittel" muss erlaubt sein. Tatschlich aber haben die Raczeks einen Vorteil: Denn Cornelius D. ist kein Student, sondern Auszubildender. Er war also nie vollwertiger Burschenschaftler, sondern nur Schlerfux ohne Fechtpflicht. Entsprechend argumentiert die Burschenschaft in einer Erklrung auf ihrer Homepage.

Taktisch klug fragt Weidner gegenber campus-web auerdem: "Was waren denn im Frhjahr 2009 die "politischen Interessen" von Herrn D., eines jungen Schlers?" Nun: Schlerfxe drfen an Veranstaltungen teilnehmen. Auf der Homepage der Raczeks werben sie stolz mit einer Chronik einschlgiger Referenten, "die sich in der Vergangenheit die Ehre" gaben: Darunter etwa Josef Schlburner, vom Stern schon 2005 zur Neurechten Bewegung gezhlt, entsprechend hufig verffentlichte er in einschlgig rechten Medien. Im Mai 2009 stellte sich Cornelius D. als Neuling im Bundesbrief vor, im November sprach Schlburner bei den Raczeks. Insofern stellt sich auf Weidners Frage die Gegenfrage: Bildete vielleicht erst die Burschenschaft die "politischen Interessen" von Herrn D. am rechten Rand?

Klar ist, die Raczeks verstehen sich genuin als politisch. So betont Weidner: "In dem Augenblick, in dem eine Burschenschaft nicht mehr politisch ist, ist die betreffende Verbindung eigentlich auch keine Burschenschaft mehr. Daher mu ein Mitglied bei uns ber ein gewisses politisches Interesse verfgen, sonst ist er bei uns falsch." Worin das gewisse Element bei den Raczeks besteht, lsst er offen. Ein weiterer Blick auf die Referenten zeigt Schlburner in "guter Gesellschaft": Abgeordnete der rechtspopulistischen FP waren auch schon da genauso wie der ehemalige Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann. Er beehrte die Raczeks nach seiner als antisemitisch kritisierten "Ttervolk-Rede", die zum CDU-Ausschluss fhrte. Nur falsch verschickte Einladungen? Wohl kaum. Eher folgerichtige Gste, denn auf der Homepage stellen die Raczeks klar: "Fr uns hrt echte Meinungsfreiheit nicht dort auf, wo die sogenannte "Political Correctness" beginnt."

Fern der "political correctness"

Cornelius D. jedenfalls zeigte sich in besagtem Bundesbrief "sehr angetan" in Bezug auf eine bereinstimmung seiner "politischen Interessen" mit denen der Raczeks. Bei D. tauchen die "politischen berzeugungen" brigens im Plural auf, weshalb Norbert Weidner es sich definitiv zu einfach macht, wenn er im Interview die Frbung von dessen Aussage i. S. eines Allgemeinplatzes ber-liest: "Und deshalb wundert mich auch nicht, da Herr D. grundstzliches politisches Interesse bekundet hat." So viel dazu.

Denn auf das Zitat von Cornelius D. reagiert Norbert Weidner allergisch und holt zur Presseschelte aus. Was mit dem Zitat bezweckt werde, sei "natrlich mehr als durchsichtig": "Durch die Formulierung soll uns Raczeks das Gedankengut des "AB Mittelrhein" untergeschoben werden.", vermutet Weidner gegenber campus-web. Was die Raczeks nicht so stehenlassen knnen. Denn zumindest offiziell fechten sie eine klare Linie: Extremismus werde in jeder Form abgelehnt. Dass die gewnschte berschreitung der "political correctness" gern mal extremistische Zge annimmt, geschenkt. Leider erinnert Weidners Rede von der "grundstzlichen Fragwrdigkeit derartiger Methoden" in Hinblick auf das Zitat fatal an die Fragwrdigkeit solcher Presseschelte, die gerade von den Kreisen gebt wird, deren Dunstkreis die Raczeks so vehement entkommen wollen.

Mitgliedschaft kann vieles heien?

Nicht ungekonnt dagegen stellt sich Weidner neben der Frage nach den politischen Interessen von Cornelius D. anno 2009 zur Entlastung seiner Burschenschaft eine weitere: "Hatte er damals berhaupt schon Kontakte zum "AB Mittelrhein"?" Das klrt die Staatsanwaltschaft. Nur so viel: Laut den Recherchen des Spiegels wurde D. bis Ende 2011 von den Raczeks als Conkneipant gefhrt. Das ist die Alternative fr Personen, die zwar interessiert oder verdient sind aber nicht studieren. Es kann also wohl mit groer Sicherheit von einer berschneidung der Mitgliedschaften ausgegangen werden. Denn 2011 war Cornelius D. schon beim Aktionsbro. Entsprechend ausgeformt waren zu diesem Zeitpunkt auch seine politischen Interessen. Nichtsdestotrotz blieb er den Raczeks zumindest bis zum Jahreswechsel 2011/2012, wie die Burschenschaft offiziell erklrt verbunden. (Laut Spiegel Online blieb er auch danach noch im Mailverteiler.)

Trotz allem ist es Norbert Weidners gutes Recht, wenn er mit Unkenntnis in dubito pro reo argumentiert, da D. seine Gesinnung nicht offengelegt habe: "Ich kann daher weder ein Versumnis, noch ein sonstiges vorwerfbares Verhalten unserer Burschenschaft erkennen." Vielleicht bringen bald Gerichte ein bisschen Licht ins Dunkel: zum einen der Prozess gegen Cornelius D., zum anderen ein Strafverfahren, das die Raczeks laut Weidner gegen denselben anstrengen "wegen Handlungen, von denen wir nichts wuten und die auch in keinem inneren Zusammenhang mit seinen Aktivitten bei uns stehen, fr die wir gleichwohl von bestimmten Medien rhetorisch pauschal in Mithaftung genommen werden." Kleiner werden die Fragezeichen und Ungereimtheiten auf jeden Fall nicht.

Die Raczeks (k)ein Einzelfall?

Schnell nimmt man da mit den umstrittenen Raczeks alle Burschenschaften in rechte Sippenhaft zu Unrecht. Denn die Beschlusslage der Deutschen Burschenschaft, des Dachverbandes, ist eigentlich eindeutig: Antirassismusresolution mit groer Mehrheit angenommen. Ein klares Bekenntnis zu Europa ebenfalls mehrheitsfhig. Das betont Jrg Haverkamp, Vorsitzender des Altherrenverbandes der liberalen Freiburger Burschenschaft Saxo-Silesia gegenber campus-web. Man sollte so fair sein, dies nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Doch Worte auf Papier sind das eine, Taten das andere. Und: Schwarze Schafe gibt es immer. Das gesteht auch Haverkamp offen ein: Es gibt innerhalb der Burschenschaften eine Minderheitsstrmung, die fters mal rechts blinkt, sprich "die dringend notwendige erkennbare und deutlich kommunizierte Abgrenzung zum Rechtsextremismus vermissen lsst." Dazu zhlen auch die Raczeks. Wie weit ihre Mitglieder im Detail gehen, bleibt vorerst unklar. Aber fest steht: Will die Bonner Burschenschaft weg vom rechten Rand, muss sie endlich Taten sprechen lassen und sich nicht weiter hinter Worten verstecken.

Stellungnahme der Chefredaktion:
Norbert Weidner hat die Redaktion darum gebeten, aus Grnden der Fairness nur ganze Stze aus dem Mail (!)-Interview mit ihm zu zitieren: "Ich mchte Sie bitten, die Zitate nur vollstndig in ganzen Stzen zu bringen. Ich mute in den vergangenen Wochen leider einige Medien, ich bin ja Presserechtler, abmahnen bzw. auf Unterlassung verpflichten, da sie vllig Falsches gebracht hatten. Ich ersuche Sie daher, mich fairerweise nicht aus dem Zusammenhang zu zitieren." Da wir im obigen Kommentar gem unserer Verpflichtung zu kritischer, unabhngiger und berparteilicher Berichterstattung dieser Vorgabe nicht immer nachkommen knnen, haben wir uns, um etwaigen presserechtlichen Schritten gegen die Redaktion aus dem Weg zu gehen, entschlossen, die relevanten Auszge aus dem Mail-Interview hier im Wortlaut zur Verfgung zu stellen.

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